23.07.2012

Jahresserie (7) – Werte im Wandel

„Ein Wert ist etwas Wünschenswertes, Unerreichtes“

Interview mit Soziologie-Professor Markus Schroer von der Philipps-Universität Marburg über Werte und ihren Wandel.

Schroer
Markus Schroer, Foto: privat

Frage: Woher bekommt ein Mensch seine Werte?

Schroer: Werte werden Menschen immer von einer übergeordneten Instanz vermittelt. Für Soziologen ist das letztlich immer die Gesellschaft. Dabei kann man einen Wandel beobachten: Frühere Gesellschaften haben Gott als die Instanz eingesetzt, von der man Werte zu empfangen glaubte. Die Kirche verstand sich als Vermittler zwischen den von Gott gegebenen Werten und den Menschen, die diese zu leben hatten. Das tut sie auch heute noch. Doch die Selbstverständlichkeit hinsichtlich der Gültigkeit der Werte, die das Leben der Menschen geordnet haben und ihnen Gewissheit und Orientie- rung gaben, ist heute nicht mehr länger gegeben.

Wie ist das heute?

Typisch für die heutige Gesellschaft ist Rede von einer Krise der Werte. Damit meint man in der Regel, dass es Werte nicht mehr mit einer selbstverständlichen Gültigkeit für alle gibt. Stattdessen gibt es eine Pluralisierung der Werte. Das eigentliche Dilemma ist dabei nicht, wie so oft beschrieben wird, dass wir keine Werte mehr haben. Sondern nach meiner Wahrnehmung ist es eher so, dass wir sehr viele unterschiedliche Werte haben.

Im Zuge der Globalisierung werden wir mit vielen neuen Werten konfrontiert, die in Konkurrenz stehen zu denjenigen, die in der eigenen Umgebung gelten. Früher hätte man bei einer katholischen Gemeinde in Mitteldeutschland noch ungefähr sagen können, nach welchen Werten die Menschen dort leben. Das ist heute nicht mehr so. Durch die Medien müssen die Menschen Dinge einordnen, von denen sie früher nicht einmal erfahren hätten, dass es sie gibt.

Viele Leute sehnen sich gerade vor dem Hintergrund der Ver- vielfältigung der Werte und der Verunsicherung über ihre Gültigkeit nach klaren Strukturen, die ihnen Halt geben.

Woher bekommt ein Mensch heute seine Werte?

Die Forschung geht nach wie vor davon aus, dass vor allem das direkte Umfeld des Heranwachsenden prägend ist. Eltern, Gleichaltrige und Geschwister vermitteln Werte, die man oft sein Leben lang behält. Häufig unterscheiden sich also Generationen in ihren Wertvorstellungen und streiten darüber. Es hat sich ein stiller Wandel vollzogen von der Kriegsgeneration zur Nachkriegsgeneration im Sinne eines Abschieds von materiellen Werten hin zu immateriellen Werten, wie zum Beispiel der Selbstverwirklichung. In dem Moment, in dem das Überleben gesichert ist, kann Überleben, kann materielle Sicherheit kein Wert mehr an sich sein. Denn ein Wert ist immer das Wünschenswerte, Unerreichte und nicht das, was bereits eingetreten ist.

Etwas, das als selbstverständlich gilt, etwa ein gewisser Wohlstand, ist plötzlich kein Wert mehr. Das führt zu Konflikten zwischen den Generationen, weil die Älteren kritisieren: Für euch ist das alles selbstverständlich. Wir mussten das Geschenkpapier noch drei Mal gebrauchen, ihr werft es einfach weg.

Welche Werte sind heute entscheidend?

Wenn Werte eingeklagt werden, passiert das immer vor dem Hintergrund der Wahrnehmung einer Krise. Man macht etwa einen Solidaritätsverlust aus und klagt deshalb Solidarität ein. Oder man sagt, Selbstverwirklichung ist etwas, das nur für Männer gilt, das sollte jetzt auch mal für Frauen gelten. Das lässt sich bei jedem Wert beobachten.

Heute stehen zum Beispiel Gesundheit und eine saubere Umwelt im Vordergrund. Das sind Werte, die in den 1950-er Jahren niemanden beschäftigt haben. Sie hätten mal in den 1970-er Jahren vorhersagen sollen, dass es heute ein Rauchverbot in Gaststätten und Restaurants gibt. Die Umsetzung des Verbots verlief sehr schnell, obwohl die Wissenschaft immer davon ausgeht, dass ein Wertewandel schleichend stattfindet. Allerdings konnte das Verbot nur vor dem Hintergrund einer bereits seit Jahrzehnten andau- ernden Orientierung am Wert der Gesundheit erfolgen.

Interview: Julia Hoffmann