27.09.2017

Festakt im Bistum Fulda

Angezogen von Duft und Licht

„Das ist keine Nostalgieveranstaltung. Der Blick geht nach vorn.“ Das sagt Katholikenratsvorsitzender Steffen Flicker zu Beginn des Festakts zu 50 Jahren Pfarrgemeinderäte und 40 Jahre Katholikenrat im Fuldaer Bonifatiushaus. Von Hans-Joachim Stoehr.

Getanztes Logo

Mädchen präsentieren das Logo des Bistumsprozesses in getanzter Form. | Foto: Hans-Joachim Stoehr
Mädchen präsentieren das Logo des Bistumsprozesses
in getanzter Form. | Foto: Hans-Joachim Stoehr

Der Festakt bildet den ersten Teil des Tags der Pfarrgemeinde. Zu Beginn zeigen drei Mädchen in getanzter Form, was mit dem Logo des Bistumsprozesses gemeint ist: Sie tragen blaue, gelbe und rote Kleidung. Die drei Farben stehen für die drei Dimensionen des Bistumsprozesses: Blau für „Glaube öffnet“, rot für „Glaube bewegt“ und gelb für „Glaube verbindet“. „Der Bistumsprozess soll inspirieren, soll in die Zukunft führen“, betont Steffen Flicker.

Schatz des Glaubens

Bischof Heinz Josef Algermissen erläutert zu seinem Wahlspruch „Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen“ (2 Korinther 4,7), Korinth sei zur Zeit des Paulus ein Zentrum der Töpferei gewesen. Beim Töpfern gehe viel zu Bruch, das heiße, man muss vorsichtig sein. Ursula Kotzur, Mitglied des Pfarrgemeinderats sieht den Schatz des Glaubens in einem Gefäß aus Glas, in dem der Schatz sichtbar werde, etwa wie ein Teelicht. Für Hermann-Joseph Konze ist der Schatz in einer offenen Vase. Der Duft von der Vase wirkt anziehend. An den Menschen ist es, sich davon anstecken zu lassen.

Offene Kirchen

„Halten Sie die Kirchen offen! Eine geschlossene Kirche ist ein Widerspruch in sich. Öffnen Sie nicht nur zur Abendmesse an einem Werktag das Gotteshaus.“ Diesen Appell richtet Bischof Algermissen an Kirchengemeinden. Sein Vorschlag: Eine Kette von Betern tagsüber. Das sei der beste Schutz gegen Kirchenbesucher, die nichts Gutes im Schild führen. Es gehe im Bistumsprozess nicht so sehr darum, kleine Filialkirchen zu veräußern. „Erfüllt sie vielmehr mit Leben!“, fordert der Bischof.

Kundenorientiert

Ursula Hahmann ist Mitglied der Aachener Gemeinde „Zeitfens-ter“. Sie wurde 2010 von einem Pastoralreferenten gegründet als Antwort auf die Frage: „Wie kann Kirche anders sein?“ Hahmann: „Dabei haben wir uns sehr stark am Adressaten orientiert – man könnte auch Kunden sagen. Was ist für die jeweilige Zielgruppe gut?“ Daraus wurden dann miteinander passende Gottesdienstformen entwickelt – etwa ein Gottesdienst für Entkirchlichte. Auf dem Prüfstand stehen dabei die Rahmenbedingungen. Beispiel: Sonntagsgottesdienst um 10 Uhr morgens. Da schlafen viele junge Menschen noch. Das heißt: Die kirchliche Praxis passt nicht mehr zur Lebenswelt dieser Menschen.

Aufs Maul geschaut

„Wir müssen die Botschaft so sagen, dass die Leute sie auch verstehen.“ Für Ursula Hahmann gibt es nicht „die“ Sprache für die Glaubensverkündigung. „Wir müssen uns je auf die Ansprechpartner einstellen.“ Das gelte für die Sprache genauso wie für andere Rahmenbedingungen.

Spiritualität des Neinsagens

„Manche wollen alles Alte behalten und Neues hinzufügen. Das funktioniert nicht“, betont Ursula Hahmann. Man müsse entschieden Bisheriges hinter sich lassen. Hahmann: Wenn VW einen neuen Golf auf den Markt bringt, nimmt es den bisherigen Wagen raus.“

Bischof Algermissen zitiert den früheren Aachener Bischof Klaus Hemmerle. „Wir müssen eine Spiritualität des Neinsagens lernen.“ Aber nicht um des Neinsagens willen: „Ich muss es begründen. Algermissen: Wenn ich das dann durchhalte und Unterstützer finde, kann es gut gehen.“

Schwerpunkte setzen

Ursula Kotzur vom Pfarrgemeinderat der zusammengelegten Pfarrei St. Elisabeth in Kassel verweist auf die Bedeutung, Schwerpunkte zu setzen: In der Kirche St. Elisabeth sind dies kulturelle Angebote wie Ausstellungen oder Konzerte. In St. Joseph liegt der Schwerpunkt darauf, wie Kirche in einem sozialen Brennpunkt für die Menschen wirken kann. In der bisherigen Pfarrei St. Bonifatius gibt es noch eine Vielzahl von Gruppen – von Kindern bis zu den Senioren. Kotzur: „Was an Aktivitäten noch da ist, wird fortgeführt – von Laien.“

Warum bist du katholisch?

„Katholiken in der nordhessischen Diaspora mussten sich immer für ihr Katholischsein rechtfertigen.“ Hier können für Ursula Kotzur Gemeindemitglieder in katholisch geprägten Gebieten dazu lernen, die sich zunehmend damit konfrontiert sehen, sich für ihre Kirchenzugehörigkeit rechtfertigen zu müssen.

Größere Gruppen beleben

Für die Jugendarbeit in Kassel hat der Zusammenschluss von bisher vier Pfarreien eine positive Folge. Finden nun Veranstaltungen für die gesamte neue Pfarrei statt, kommen mehr Jugendliche zusammen als in den bisherigen Kirchengemeinden. Das stärkt das Bewusstsein, nicht allein auf weiter Flur zu sein.

Der namenlose Emmaus-Jünger

Wenn junge Menschen ihren Platz in der Kirche suchen, dann empfiehlt der frühere Fuldaer Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Hamberger seinen Lieblings-evangelientext: die Begegnung des Auferstandenen mit den zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Einer von ihnen heißt Kleopas. Hamberger: „Ich sage jungen Menschen: ,Du bist der Zweite, dessen Namen nicht bekannt ist.‘ “

 

Zur Sache: Merkmale von Prozessen der Veränderung

Für Veränderungsprozesse in der Kirche gelten die Gesetzmäßigkeiten, wie sie auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens anzutreffen sind – etwa in der Politik oder im Wirtschaftsleben. Dies wird am Nachmittag im Bonifatiushaus in einer der wechselnden Gesprächsrunden deutlich. Demnach sind solche Prozesse in verschiedene Phasen unterteilt:

  • Ausprobieren, Neugierde
  • Sich Sorgen machen
  • Schock, Angst
  • Widerstand und Verneinung
  • Wut und Ärger
  • Rationale Akzeptanz (Annahme mit dem Verstand)
  • Emotionale Akzeptanz
  • (Gefühlsmäßige Annahme)
  • Erkennen (es funktioniert)
  • Integration (sich im Neuen bewegen).

Das Problem, das sich immer einstellt: Die einzelnen Beteiligten – etwa die Mitglieder einer Kirchengemeinde – sind nie alle in derselben Phase. Es passiert auch, dass jemand auf eine der vorausgegangenen Phasen „zurückfällt“ und von dort wieder neu beginnt. Solche Abläufe zu kennen, kann hilfreich sein. (st)