06.04.2017

Brauchen wir so blutige Bilder?

Über Jahrhunderte hat der Leidensweg Jesu Künstler inspiriert. Aber sind solche Bilder der Gewalt nötig, um an den Nazarener zu erinnern? Eine Meinungsverschiedenheit – ausgetragen von Ruth Lehnen und Johannes Becher.

PRO: Ruth Lehnen

„Jesus war ein Mensch aus Fleisch und Blut“

Ruth Lehnen
Ruth Lehnen, stellvertretende
Redaktionsleiterin

Brauchen wir Blut? Auf jeden Fall, denn ohne Blut können wir nicht leben. Wer je an Blutarmut gelitten hat, weiß, was das heißt: Müdigkeit, Antriebsarmut, Ermattung. Brauchen wir Blut in Bildern? Offensichtlich, denn die Krimischwemme an jedem Vorabend und Abend bringt uns Blutbäder frei Haus, und diese werden mit Schauder, aber auch zunehmend abgestumpft angeschaut.

Brauchen wir blutige Bilder, wenn es um Jesus geht? Oh ja, sagten die Altvorderen und brachten es bei den Bildern des Kreuzwegs und Leidens zur Meisterschaft. Was hat es nicht alles gegeben: Die roten Wunden des Heilands sollten das Mitleiden anrühren und bewirken, dass wir dem Schmerzensmann durch Liebe Linderung verschaffen. Das aus den Wunden Jesu stürzende Blut wurde als Traube dargestellt, die uns alle nährt. Noch große und umstrittene Künstler der Moderne haben mit dem besonderen Saft experimentiert, Joseph Beuys etwa und als bekanntester Hermann Nitsch. Nichts steht so sehr für das Leben an sich wie das rote Blut.

Jesus gab am Kreuz sein Leben für uns, er schenkte seinen Leib und sein Blut her im letzten Abendmahl, und er wurde zu Tode gefoltert, er starb wahrhaftig, bevor er auferstand. Wer nun sagt, das sei alles ohne Blutrot darzustellen (keine Gewalt!), verkennt, wie leiblich dieses Opfer Jesu war. Wer die berühmten Bilder des Christentums betrachtet, die Kreuzwege, die Kreuzigungen, die Pietàs, die Schmerzensmänner, der wird erschüttert durch das so Ausgemalte, so Ausgestellte.
Was Jesus Christus, der Gottessohn, erlitten hat, hat ihn den leidenden Menschen gleichgemacht: den in den Familien geschlagenen Kindern, den von Bomben zerfetzten Opfern der Attentate und Kriege, den vergewaltigten Frauen auf der Flucht. Und sein Leiden, sein vergossenes Blut, sein Herzblut, kann zum Trost werden auch für die, die Schreckliches erlitten haben, ohne dass Blut geflossen ist. Alle diese können in Christus ihren Leidensgenossen sehen, allen diesen ist versprochen, dass ihr Leiden nicht das letzte Wort hat.

Deswegen: Ja, wir brauchen das Thema Blut, wir brauchen die drastische Schilderung des Leidens und Sterbens Jesu, und wir brauchen die Erinnerung, dass er ein Mensch aus Fleisch und Blut war, nicht ein esoterischer Wunderheld oder ein Geistwesen.
Damit ist nicht gesagt, dass es nicht auch andere Jesusbilder geben soll und kann. Jesus, der Freund, dem Johannes den Kopf auf die Schulter legt. Jesus, der Unberührbare, der Maria Magdalena als der Gärtner erscheint. Jesus, das Kind in der Krippe. Jesus, dessen Angesicht nicht darstellbar ist, durchscheinend, in den Glasfenstern von Georg Meistermann.

Trotzdem bleibt die Faszination des Kreuzwegs. Als ein Beispiel kann das Kreuzweg-protokoll von Andreas Skipis gelten. Die Maler verarbeiten in ihren Bildern nicht allein die Geschichte Jesu, sie arbeiten sich auch immer neu durch innere Bilder und Verletzungen, und erfahren etwas Heilsames darin, sich an Jesu Leiden zu erinnern. „Zeige deine Wunde“, lautet eine berühmt gewordene Aufforderung von Joseph Beuys. Aus dieser Aufforderung entsteht Kunst, die nicht beim Häppchen konsumierbar ist. Sie erfordert ein Hinsehen, ein Wahrnehmen von Leid. Wir dürfen als Christen nicht blutleer werden, matt und glatt, nicht etepetete. Nicht etwa, weil wir leidensverliebt wären. Sondern weil wir es ernst meinen.

 

CONTRA: Johannes Becher

„Mein Gott braucht nicht Brandopfer und Märtyrer“

Johannes Becher
Johannes Becher,
Redaktionsleiter

Ja, ich weiß: Ohne das Kreuz kein Ostern. Und ohne Leid keine Auferstehung. Schon an der Krippe steht der Marterpfahl Jesu. Denn sein Sterben und Tod ist die Konsequenz seines radikalen Lebens. „Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber nicht mein, sondern dein Wille gesche“ … So weit, so richtig und wichtig.
Aber warum bleiben wir so oft in unserer Frömmigkeit und folglich auch in unserer Kunst beim Leiden stehen? Besonders nachdrücklich klingt mir eine Frage meines damals noch kleinen Sohnes im Ohr: Als er im Sommer einen toten Jesus am Kreuz sieht, kommentiert er: Papa, das ist doch die falsche Jahreszeit! Oder?“

Da ist so wenig Ostern. Das Blut des Karfreitags statt der Sonne des Ostermorgens. Die nagelnden Soldaten statt der fragenden Emmaus-Jünger. Alles hat seine Zeit. Richtig. In unsere Kirchen hängen die 14 Bilder des Leidenswegs aber das ganze Jahr. Dabei könnten wir uns an das entschiedene Leben des Jesus von Nazaret viel einladender erinnern. Wie wäre es, wenn wir Bilder von seinen Begegnungen mit den Menschen seiner Zeit aufhängen würden? Nicht nur jene mit Pontius Pilatus, den weinenden Frauen von Jerusalem, dem Schächer am Kreuz oder der Veronika mit ihrem Schweißtuch?

Wie wäre es mit einem Lebensweg statt dem Leidensweg? 1. Station: Jesus begegnet den Hirten. Ein Lächeln statt der Geißelung. – Dann könnten Simeon und Hanna im Tempel folgen. – Jesus lehrt in der Synagoge von Kafarnaum; Jesus bei Maria und Marta; Jesus mit der Samariterin am Jakobsbrunnen; im Sturm auf dem See; mit dem Zöllner Zachäus; er predigt, heilt, segnet. Statt all der Gewalt und dem vielen Blut.
Es geht mir nicht um ein Lieber-Jesus-Epos. Aber in den Kriegen unserer Tage und mitten im Hass geht es doch darum, friedliche Gegenentwürfe bereitzustellen. Und die verlangen mehr als ein Sich-verprügeln-Lassen. Das, genau das, wäre doch eine falsche Christusmystik. Das soll nichts wegnehmen von der Radikalität des Durchglaubens dieses Jesus. Er ging seinen Weg bis zum Tod am Kreuz. Ein mitleidender Gott. Einzigartig. Anbetungswert. Ermutigend.
Doch ich finde es unerträglich, wenn dieser Kreuzweg als Idealtypus unseres Lebens in der Nachfolge gezeichnet, gepredigt und beworben wird. Um Jesus nachzufolgen, muss ich nicht bespuckt werden. Dass dies Mitchristen in vielen Teilen der Welt bis heute widerfährt, ist schrecklich. Aber eben gerade kein Idealzustand. Was ist das für ein Weltbild, das in den Christen stets nur ein leidendes Gottesvolk erkennt?

Letztlich lässt sich auch nach der Theologie fragen. Musste Jesus sterben, um uns zu erlösen? War das alles eine inszenierte Show des göttlichen Bewegers? Hätten die Menschen sich nicht auch anstecken lassen können von Jesu friedliebendem Vorbild? Keine Frage: Sie hätten! Wo wäre sonst unser freier Wille? Mein liebender Gott braucht keine Brandopfer und keine Märtyrer. Dass ein Leben nach Jesu Vorbild auch schmerzhaft sein kann? Ganz sicher. Aber es ist nicht das Ideal eines Christen, leiden zu müssen.
Deshalb: Seid wie Josef von Arimathäa! Hängt den Gekreuzigten nach dem Karfreitag ab. Gönnt Jesus (und euch selbst) Ostern. Das leere Kreuz ist das Siegeszeichen. Malt Hände, die streicheln und Augen, die lächeln. Gegen den Hass in der Welt. Der Auferstandene lebt und liebt!

 

Zur Sache: Kreuzweg

Wie ein Kreuzweg modern interpretiert aussehen kann, und welche Geschichte dahinter steckt, lesen Sie in diesem Artikel über den Künstler Andreas Skipis und sein "Kreuzweg-Protokoll".