07.03.2017

Die Dernbacher Schwester Annemarie Pitzl ist neu im Leitungsteam von Solwodi

Das denkende Herz

Annemarie Pitzl ist neu im Leitungsteam von Solwodi. Für Frauen zu kämpfen, gehört zu ihrem Leben. Hier lesen Sie, woher die Dernbacher Schwester ihre Kraft holt und warum sie manchmal beim Beten zornig ist. Von Ruth Lehnen.

 Parlamentarischer Abend in Mainz. Annemarie Pitzl (vorn) und Lea Ackermann werben für die Ziele von Solwodi. | Fotos: Ruth Lehnen
Parlamentarischer Abend in Mainz. Annemarie Pitzl (vorn) und Lea
Ackermann werben für die Ziele von Solwodi. | Foto: Ruth Lehnen

Sie kämpft nicht gegen den Sex. Der sei ein wunderbares Geschenk an die Menschen, meint Schwester Annemarie Pitzl. Sie kämpft dagegen, dass Menschen wegen ihrer Sexualität kaputtgemacht werden. Dass Frauen vergewaltigt und misshandelt und zum Schweigen gebracht werden. „Früher wäre ich ja bis in die Haarspitzen errötet“, meint sie: Wenn sie so über Sex hätte reden müssen, wie sie es heute kann. Denn das gehört zu ihrer Aufgabe.

Annemarie Pitzl setzt sich für die verkauften Frauen in Deutschland ein, über die selten gesprochen wird, die es aber gibt, auch wenn keiner sie zählt. Frauen, die monatelang kein Tageslicht sehen, von einem Bordell ins nächste verschoben werden. Seit ein paar Monaten gehört die Ordensfrau bei der Frauenrechtsorganisation Solwodi (Solidarität mit Frauen in Not) zum Leitungsteam. Auf die Dauer soll sie Schwester Lea Ackermann dort nachfolgen.

„Stachel im Fleisch sein“ für die ihrer Rechte beraubten Frauen

Die zunächst zurückhaltend wirkende Dernbacher Schwester („ich bin keine Rampensau“) möchte auf die ihrer Rechte beraubten Frauen aufmerksam machen. „Ein Stachel im Fleisch“ sein nennt sie das. Annemarie Pitzl kann beides: zuhören und klare Ansagen machen. Eine Mitarbeiterin – Solwodi beschäftigt mehr als 80 Menschen in Deutschland – beschreibt sie so: „Schwester Annemarie ist schon ruhig, aber mit Pfiff!“

Den kann sie gebrauchen. Denn um an der Seite der deutschlandweit bekannten Gründerin von Solwodi, Schwester Lea Ackermann, zu stehen, dazu braucht es Selbstbewusstsein. Die 80-jährige Lea und die bald 65-jährige Annemarie sind Damen im Angriffsmodus, höflich, aber deutlich. Beim Parlamentarischen Abend in Mainz fordern sie von den Politikern des rheinland-pfälzischen Landtags ein Sexkaufverbot und mehr finanzielle Unterstützung für ihre Organisation.

Annemarie Pitzl Foto: Ruth Lehnen
Annemarie Pitzl vor der Solwodi-Zentrale in Boppard-Hirzenach
Foto: Ruth Lehnen

In der Solwodi-Zentrale in Boppard-Hirzenach muss sich das Frauen-Doppel erst noch finden, ohne gelegentliche Auseinandersetzungen geht das nicht ab. Aber die beiden Ordensfrauen beten auch zusammen und gehen mittags gemeinsam spazieren, wenn das Wetter es erlaubt. Gehen und beten kombiniert Annemarie Pitzl auch gern.

Sie ist stolz auf die Gründerin ihres Ordens, Katharina Kasper. So wie die Gründerin es getan hat, will auch sie sich für Menschen in Not und Elend einsetzen. Denn Katharina Kasper und die Frauen ihrer Zeit hätten Not gesehen und gehandelt – weit vor dem Aufwachen der Oberen in der Kirche: „Rerum Novarum“, die berühmte Sozialenzyklika Papst Leo XIII. zur sozialen Frage, da könne sie ja nur lachen: Das sei doch für die Ordensfrauen damals nicht Neues mehr gewesen!

Aus dem bayrischen Mädchen aus dem frommen Pfaffenwinkel ist eine streitbare Frau geworden, die mit Psalm 144 auch mal zornig betet: Herr, „schleudre Blitze und zerstreue die Feinde“! Denn es bedrückt Pitzl, dass nicht alle Mitgefühl für die vielen geflüchteten Frauen empfinden, die auf ihrem monatelangen Weg vergewaltigt und misshandelt werden.

Die vielgeschmähte Bezeichnung „Feministin“ nimmt die Sozialpädagogin für sich in Anspruch, mit dem leise ironischen Satz: „Als femina bin ich ja von Natur aus Feministin.“ Gibt es da nicht ein Problem mit dem Gehorsam, den sie als Ordensfrau versprochen hat, vor nunmehr 39 Jahren? Gehorsam in ihrer Gemeinschaft sei kein Kadavergehorsam: „Ich wurde gehört.“  

Ihr Ehrenname war Mwaza: „Du hast uns stolz gemacht!“

Annemarie Pitzl in Nigeria mit Chisimdiri – das Mädchen hatten die Ordensschwestern vernachlässigt aufgefunden. Es wurde zu einer Art „Patenkind“ der Dernbacher Schwester. Chisimdiri heißt „Gott will leben“. Foto: privat

Annemarie Pitzl in Nigeria mit Chisimdiri –
das Mädchen hatten die Ordensschwestern
vernachlässigt aufgefunden. Es wurde zu
einer Art „Patenkind“ der Dernbacher
Schwester. Chisimdiri heißt „Gott will leben“.
Foto: privat

Annemarie Pitzl ist Gott und ihren Oberen im Orden dankbar, weil sie ihren Weg gehen konnte, weil sie sich frei entscheiden konnte. Das hat sie auch anderen Frauen vorgelebt. In Nigeria, wo sie jahrelang einheimische Ordensschwestern ausgebildet hat, bekam sie von einer Frauengruppe des Dorfs einen Ehrennamen: „Mwaza: Du hast uns stolz gemacht“. Stolz im Sinne von: den aufrechten Gang zurückgegeben. Dieser Name war ihr größtes Geschenk.

Die Verbindung von Spiritualität und Tun fasst sie in ein Wort aus dem biblischen Buch Jesus Sirach: „das denkende Herz“. Nicht Verstand und Wissen allein, auch nicht Gefühl allein, leiten sie auf ihrem Weg. Es soll das „denkende Herz“ sein, das Gott ihr gegeben hat.

Dieses „denkende Herz“ gibt ihr große Unabhängigkeit. Niemand folgt sie einfach so, nicht mal im Straßenverkehr. Sogar dem Navi widerspricht sie gern.

 

Zur Sache: Solwodi

Solwodi („Solidarity with women in distress – Solidarität mit Frauen in Not“) setzt sich seit 1985 für in Not geratene Frauen ein, die Opfer von Zwangsheirat, Menschenhandel oder Zwangsprostitution sind. Aktuell ist die Kampagne gegen den Sexkauf: Solwodi strebt an, dass es in Deutschland wie in den nordischen Ländern ein Gesetz gibt, das Freier bestraft. Prostitution fördert nach Ansicht von Solwodi den Menschenhandel, Rassismus und Armut und verletzt die Menschenrechte und die Würde der Frau.

www.solwodi.de