29.09.2017

Sprachtraining auch für Priester

Dehnen, küssen, spucken

Auf die richtigen Muskeln kommt es an: Im Kapuzinerkloster Liebfrauen in der Frankfurter Innenstadt zeigt Bruder Paulus Terwitte nicht nur ausländischen Priestern, wie man Deutsch verständlich ausspricht.


Foto: Barbara Brüning
Bruder Paulus (im schwarzen T-Shirt) bittet zum Aussprache-Training. Foto: Barbara Brüning


„So – und jetzt noch zwei Tricks. Wenn ihr die beherrscht, werdet ihr sofort zu sechzig Prozent besser verstanden“, sagt Bruder Paulus Terwitte. Mucksmäuschenstill ist es im Unterrichtsraum des Frankfurter Kapuzinerklosters. Terwitte nutzt die Aufmerksamkeit seiner Schüler, um zu dem Schaubild zu gehen, das einen Querschnitt durch den menschlichen Kopf zeigt – hervorgehoben alles, was zur Stimm- und Lautbildung benötigt wird.

Trick Nummer eins betrifft den Glottisschlag. Wenn man auf den Unterschied des „e“ in „Foren“ und in „vorenthalten“ achtet, dann kann man beim zweiten einen leichten Schlag zwischen r und e wahrnehmen. Dieser kaum hörbare Laut gehört im Deutschen zu jedem Wort, das mit einem Vokal anfängt, und trägt dazu bei, einem einheitlichen Singsang den typisch deutschen Rhythmus zu geben. „Die Stimmbänder leisten dem Atem an dieser Stelle einen leichten Widerstand, durch den er sich seinen Weg erst bahnen muss. Wenn er sie dann sanft durchbricht, gibt es einen kleinen Schlag. Ein bisschen Auferstehung“, sagt Terwitte.


So mancher schämt sich, den Mund weit zu öffnen

Foto: Barbara Brüning
Dazu gehören auch Bewegungsübungen
Foto: Barbara Brüning

Knapp drei Stunden dauert das Aussprachetraining mit Bruder Paulus. Es ist kurzweilig, abwechslungsreich, voller Bewegung. Dass es Wörter und Sätze aus der Liturgie sind, gibt dem Ganzen einen besonderen Reiz. „Eeee-re“, „Vaaa-ter“ oder „áuf-erstánden“ tönt es immer reihum, noch eine Runde und noch eine, bis alle im Takt sind – und der erste Schritt auf dem Weg zu Terwittes Ziel vollbracht ist: mit Freude in den Gesang des Sprechens zu kommen.

Dann kommen Dehnübungen mit den Gesichtsmuskeln. Vokale mit weit geöffnetem Mund, das i und das e mit seeeehr breitgezogenen Lippen. Vor allem diejenigen, die das in ihrer Muttersprache nicht kennen, biegen sich vor Lachen, und Terwitte stimmt ein: „Ja, man schämt sich anfangs, den Mund so aufzumachen – aber anders geht es nicht.“

Zwischendurch gibt es immer mal wieder eine kleine Theorieeinlage. „Jede Muttersprache benutzt nur ihre eigenen 400 Muskeln aus den 1000, die wir haben“, erklärt der Kapuziner. „Um eine andere Sprache gut auszusprechen, müssen wir Muskeln aktivieren, die bislang nicht gebraucht wurden. Deshalb fühlt sich das völlig verrückt an.“ Wie findet man die richtigen Muskeln? „Denkt an euer erstes Date“, schlägt Terwitte zum Beispiel vor und macht Kussgeräusche. „Nur so gibt es ein ordentliches O im Deutschen.“

Dann gibt es ein Stückchen Papier für jeden; der zweite Trick ist die Explosion am Ende der Wörter, die auf k, t oder p enden. Kaum ein deutscher Muttersprachler ahnt etwas davon, was er da täglich leistet. Die Explosion kommt in Reinform nur zustande, wenn der Druck von unten stimmt. Dazu legen die Schüler eine Hand auf den Bauch, atmen in den Bauchraum und entlassen die Luft mit Druck: so viel Druck, dass das Papierstück, das vor den Mund gehalten wurde, sich wie ein Fähnchen im Wind bewegt. Und beim t soll Spucke fliegen.


Nach drei Stunden reden alle klar und artikuliert

Die Heiterkeit ist groß. Die Motivation auch. Und wenn dann noch der Satzakzent dazu kommt und alle im Takt sagen „Er náaaahm das Bróooothh“, mit einem schönen explosiven t am Ende, dann nähern sie sich mit Riesenschritten dem Traum von Paulus Terwitte: „Ich will, dass ihr mit Freude der Gemeinde begegnet, die euch versteht.“

Die Wirkung auf die Aussprache der indischen, eritreischen, kolumbianischen, kameruni-schen oder italienischen Deutschlernenden ist verblüffend. Zum Schluss ist bei den geübten Wörtern und Sätzen kein Akzent mehr zu hören, alle klingen klar, artikuliert und perfekt deutsch – nach nur drei Stunden. Unglaublich.

Jetzt müsse nur noch viel trainiert werden, sagt Bruder Paulus und hat noch praktische Tipps auf Lager. Die „Langsamen Nachrichten“ auf der Deutschen Welle hören. Die Sprache im Handy auf Deutsch umstellen. Und keine täglichen Telefonate in der Muttersprache nach Hause.

Ein kurzes Video von einem Einzeltraining mit Bruder Paulus: www.bit.ly/aussprachetraining

Von Barbara Brüning