08.09.2017

Wir müssen etwas tun

Der Umgang mit dem Terror

Islamistische Anschläge erschüttern die Welt. Müssen auch wir Christen uns von ihnen erschüttern lassen? Oder dürfen wir wegsehen, um uns selbst zu schützen? Experten sagen: Wir dürfen uns nicht an das Böse gewöhnen. Wir sollen auch nicht nur Mitleid mit den Opfern haben. Wir müssen etwas tun. 


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Stille Trauer: Gedenken an die Opfer des Terroranschlags in Berlin im Dezember 2016. Foto: imago

 

Immer wieder dieser Terror. Paris, November 2015: 130 Tote. Istanbul, Januar 2016: zwölf Tote. Brüssel, März 2016: 32 Tote. Immer wieder Schock, Entsetzen, Trauer, Wut. Nizza, Juli 2016: 86 Tote. Berlin, Dezember 2016: zwölf Tote. Immer wieder Sondersendungen im Fernsehen, immer wieder Experten-Interviews, immer wieder dieselben Rituale. Istanbul, Januar 2017: 39 Tote. Manchester, Mai 2017: 22 Tote. Schließlich Barcelona, August 2017: 14 Tote. Nach jedem Anschlag kehren wir schneller zum Alltag zurück. Ist das okay? Müssen wir Christen nicht bei jedem Anschlag aufs Neue mitleiden? Oder dürfen wir abstumpfen – und wegsehen, um nicht verrückt zu werden über dem Wahnsinn dieser Welt?

„Wichtig ist, dass wir sensibel bleiben“, sagt Peter Schallenberg, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn. „Wichtig ist, dass wir das Böse als Böses wahrnehmen und erkennen. Es wäre schlimm, wenn wir uns an das Böse gewöhnen und es für normal erklären.“ 

Martin Kopf sagt, ein Christ solle das Leid, die Tragik, den Tod an sich heranlassen. Kopf ist Diplom-Theologe und Vorsitzender des Bundesverbandes Katholischer Ehe-, Familien- und Lebensberater. Er betont, ein Christ müsse aber auch zur rechten Zeit anfangen, den Terror zu verdrängen. Sonst laufe er Gefahr, depressiv zu werden und nicht mehr handlungsfähig zu sein: „Ich sollte als Christ aber ja ins Handeln kommen, nicht in die Handlungsunfähigkeit.“

Wir sollen die Macht über unsere Gefühle behalten

Das also könnte ein Weg sein: dass wir bewusst hinschauen, aber auch bewusst wegschauen. Dass wir die Macht über unsere Gedanken und Gefühle behalten – und nicht ohnmächtig werden. Dass wir uns vom Terror nicht terrorisieren lassen. Der Lebensberater Kopf erzählt, er könne zu einem ARD-„Brennpunkt“ vom neuesten Anschlag sogar mal ein Glas Wein trinken, und er könne anschließend umschalten aufs Fußballspiel, das gerade läuft. Leid und Schrecken bleiben. Als Christ aber glaubt Kopf daran, dass die Welt erlöst ist: „Das hat ein anderer gemacht, dafür bin ich nicht zuständig.“ Dieser Gedanke erleichtert ihn. Kopf sagt, er habe dennoch eine Verantwortung. Er müsse überlegen, was er im Angesicht des Terrors tun kann, um die Welt etwas besser zu machen. Er könne keinen Einfluss nehmen auf die Syrien-Politik. Aber er könne dort handeln, wo er ist: „Im Sprachunterricht für Flüchtlinge – oder indem ich klare Kante zeige gegen rechte Stammtischparolen.“

Christen sollen also aktiv werden. Der Moraltheologe Schallenberg sagt, wenn der barmherzige Samariter im biblischen Gleichnis nur Mitleid gehabt hätte mit dem schwerverletzten Mann, dann hätte er ihm nicht geholfen: „Mitleid ist kein Ziel. Mitleid ist gut, wenn wir es in eine konkrete Hilfeleistung umsetzen. Oder zumindest für die Betroffenen beten.“ Schallenberg nimmt die Opfer und Täter des Terrors morgens und abends beim Breviergebet in die Fürbitten. Kopf glaubt, das Gebet sei auch ein Weg, den Terror zu verarbeiten. Zu beten, zu klagen oder eine Kerze anzuzünden, das könne helfen. Jedes Licht macht die Welt ein bisschen heller.

Von Andreas Lesch