23.05.2017

So begleitet die Kirche die documenta in Kassel

Die Schönheit der Linie

Es ist zart, es ist leicht. Es ist 600 Kilogramm schwer. Anne Gathmanns Kunstwerk für St. Elisabeth vereint Gegensätze. Für die Begleitausstellung der katholischen
Kirche zur documenta 14 in Kassel ließ die Berlinerin ein Band aus Aluminium durch den Kirchenraum spannen. Ruth Lehnen sprach mit der Künstlerin.


Nichts Poliertes, das ist Anne Gathmann wichtig. Sie spannte für die Begleitausstellung der katholischen Kirche zur documenta 14, der Kunstausstellung in Kassel, Metallseile durch die Kirche St. Elisabeth. Darauf sind Aluminiumstäbe aufgereiht, aber mit Mädchenkram und Ketten hat das nichts zu tun. Ein Hubsteiger, für den die Glastüren ausgebaut werden mussten, wie ein Bagger auf Raupen, war nötig, um die 600 Kilogramm schwere Arbeit im Innenraum der 1960 vollendeten Kirche zu befestigen. Nicht, dass jemand es noch sehen könnte, aber die Schnittkanten der Stäbe sind roh geblieben. Nichts Poliertes, dennoch schimmert jetzt eine Linie durch den Raum: Von oberhalb des Eingangs bis zum Altarraum spannt sich das Band, durch die Schwerkraft geformt, am niedrigsten Punkt für die Besucher fast mit Händen zu greifen.

Die Arbeit nimmt einen Raum ein, der sonst leer bleibt

Anne Gathmann lebt in Berlin. Foto: Marcus C. Leitschuh

Anne Gathmann, geboren 1973 in Remscheid, lebt und arbeitet in Berlin. Nach Ostern ist sie nach Kassel gekommen, weil der große Moment naht: die erdenschwere Arbeit, die auf einer großen Holzrolle nach Kassel transportiert wurde und sich jetzt auf dem Kirchenboden schlängelt, soll in die Lüfte. Sie soll einen Raum einnehmen, den jede Kirche bietet, ohne dass der Kirchenbesucher oder die Beterin darüber noch nachdenkt: die Leere über dem Kopf. Das ist der Raum, der eine Kirche oft erst zur Kirche macht, die Weite, die die Gedanken ziehen lässt und die erhebt und für Höheres öffnet.
Anne Gathmanns künstlerisches Ziel ist es, mit dem geringst möglichen und nötigen Einsatz von Material eine Veränderung zu erzielen. Mit geradem Rücken, sehr aufmerksam den Fragen lauschend, gibt sie Auskunft. In Berlin geht sie an zwei Tagen der Woche einem Brotberuf nach – sie erstellt Infografiken – und an den anderen Tagen macht sie Kunst. Dafür hat sie ein eigenes Zimmer als Atelier in der Wohnung. Sie konzentriert sich, hat vor einiger Zeit das Musizieren aufgegeben, um sich nicht zu verzetteln. Aber Aikido, die defensive Kampfkunst, hat es ihr noch immer angetan. Stark sein, ohne sich nach vorn zu drängen, das passt zu ihrer Erscheinung.
Die Künstlerin hat sich in einem Prozess gegen zehn andere Künstler und Entwürfe durchgesetzt – sie zollt allen ausdrücklich Respekt für ihre Arbeiten. Eine Jury entschied für „Statik der Resonanz“ – so nennt Gathmann ihre Arbeit. Sie hat eine Vorliebe für verrätselte Werktitel, die sie zum Beispiel nennt: „Den  Punkt drehen“ oder „Im Fall der Lage“.
„Meditierend, betrachtend“ hatte sie mit ihrer Arbeit zum Entwurf begonnen. Mehrere Stunden hielt sich die Berlinerin in St. Elisabeth auf, nur schauend, und entdeckte das Motiv der Faltung, zum Beispiel im Relief der Dreifaltigkeit über dem Eingang der Kirche und in den Deckenstrukturen. Sie mag den Kirchenraum, der nicht über eine offensichtliche, ins Auge fallende Schönheit verfügt. Für sie ist er ein Resonanzraum, „der der Andacht zuspielt“. Aus der Betrachtung heraus hat sie ihre Idee entwickelt. Es galt, eine Geste zu finden. Und die Form einer Kurve, ein Schwung, kam ihr in den Sinn, „eine Kurve, die immer ein Ausschnitt ist, wie auch der Raum ein Ausschnitt ist“.

Glücklich über die Lichteffekte

Statik der Resonanz
"Statik der Resonanz in St. Elisabeth in Kassel Foto: Sebastian Bissinger

Jetzt musste sich die Berlinerin mit Statik befassen. Sie zog Konrad Brenker, der in St. Elisabeth auch den Einbau der Bosch-Bornefeld-Orgel berechnet hat, zu Rate: Kann die Decke eine solche Konstruktion halten? Denn was sie plant, eine Linie aus Aluminium, wird zwar „materiell nicht mächtig“ in Erscheinung treten, ist aber doch ein großes Ding. Drei Männer von der Berliner Firma Konzept:werk haben an der Hängung gearbeitet, kämpfend mit den Vorgaben und damit, dass in der Kirche ja nicht geflucht werden darf.
Für die Künstlerin ist es eine große Sache, ein Projekt in dieser Größenordnung umzusetzen, eine Freude und sehr aufregend.  Als sie nach einem Jahr der Vorbereitung sieht, wie es „in echt“ wirkt, ist sie glücklich, vor allem über die Lichteffekte.
Gathmann nennt ihre Kunst für St. Elisabeth eine „ortsspezifische Arbeit“: Für das Hier und Jetzt ist sie gemacht. Zum Ende der Ausstellung wird es das Kunstwerk so nie mehr geben, viele erhalten einen Teil davon (siehe „Zur Sache“). Doch bis dahin werden Menschen kommen, die einen Augenblick der Ruhe suchen. In Führungen wird die Rede davon sein, dass die schwebende Kurve einen Kontakt herstellt mit dem Nicht-Sichtbaren, und dass sie ein Mitschwingen erzeugen und eine Blickrichtung öffnen kann.

„Den Raum lesen und in meiner eigenen Sprache antworten“

Was ist Realität, in welcher Form ist sie vorhanden? Was sind ihre Grenzbereiche, und was ist es, das den Menschen übersteigt? Das sind für Anne Gathmann existentielle, nicht allein religiöse Fragen. Nicht, dass sie Antworten hat oder gibt. Ihr Weg habe sich von der religiösen Praxis ihrer Eltern entfernt, der Vater gehört der evangelischen Kirche an, die Mutter ist katholisch.
Mancher in ihrer Umgebung in Berlin sei vielleicht irritiert, dass ihr Projekt in einer Kirche gezeigt wird, einer Ausstellung, bezahlt vom Bistum Fulda und der katholischen Kirche Kassel. Aber das stört sie nicht. „Es geschieht da eine Öffnung, die Kirche öffnet sich.“ Keiner hat ihr Vorschriften gemacht, sie hatte volle Freiheit. „Das ist für beide Seiten eine Chance, sich zu aktualisieren.“
Anne Gathmann ist überzeugt, dass erst im Betrachtungsvorgang die Kunst entsteht. „Ich versuche den Raum zu lesen und in meiner eigenen Sprache zu antworten.“ Offenheit ist dafür Voraussetzung. Auch für die Kunst, die so entsteht. Und Offenheit brauchen auch die Betrachter, damit die „Statik der Resonanz“ in ihnen etwas auslösen kann.

www.kunstraumkirche.de