30.10.2017

"Auch mal vor Sitzungen beten" – was sich Bernadette Weyland für Frankfurt vorstellen kann

Die Weylands: Erfahrung mit Streit und Liebe

Bernadette Weyland ist katholisch, ihr Mann Peter evangelisch. Beide halten Religion nicht nur für Privatsache. Das könnte Auswirkungen haben, denn Bernadette Weyland will 2018  Frankfurter Oberbürgermeisterin werden. Von Ruth Lehnen


Die Weylands
"Wir sind Juristen. Streitgepräch gehört dazu," sagt Bernadette Weyland über ihre Beziehung zu Peter Weyland. Die beiden sind seit 30 Jahren verheiratet und haben vier Kinder. Foto: Ruth Lehnen

„Wir sind beide aus christlichen Elternhäusern. Streng katholisch und streng protestantisch. Meine reformierte Großmutter kannte nicht mal ein Kreuz in der Kirche.“ Dr. Peter Weyland (57), Anwalt und Partner einer Kanzlei in Frankfurt, benennt die weit entfernten Punkte, von denen er und seine Frau Bernadette sich in Glaubensdingen aufeinander zu bewegt haben. Er stellt fest, dass die Ehepartner „bis zum heutigen Tag Dinge völlig unterschiedlich empfinden“. „Aber das ist eine Bereicherung und kein Fluch, der auf unserer Ehe liegt.“ Die beiden Juristen und Eltern von vier Kindern sind seit 30 Jahren verheiratet.
Dr. Bernadette Weyland (60) kann schwer mit einer nüchternen Kirche leben. Sie glaubt, dass sich die protestantische Kirche wesentlicher Bilder beraubt hat, zum Beispiel der Schutzmantelmadonna. An Beispiel von Maria erklärt sie, wie in ihrer Ehe  um Verständigung gerungen wurde. Sie habe es als Älteste von acht Kindern aus katholischen Münsterland nun einmal nicht anders gekannt, als dass zum „Vaterunser“ das „Gegrüßet seist Du, Maria“ gehört. Ihrem Mann war das fremd, und die beiden kämpften und warben für ihre Positionen: „Wir sind Juristen, Streitgespräch gehört dazu“, sagt die CDU-Politikerin, die im Februar 2018 Frankfurter Oberbürgermeisterin werden will.

Sie streiten nicht mehr über Maria: „Die schlimmsten
Grabenkämpfe sind vorbei“

Maria ist heute für sie kein Streitthema mehr. Peter Weyland findet, dass durch seine Frau mehr Gefühl in sein Gebetsleben gekommen ist: „Das bereichert heute mein Leben.“ Gerade sei er in Freiburg gewesen und habe dort im Münster gebetet, „wo in jeder Ecke eine Madonna steht“. Das sei „eine meiner liebsten Kirchen“ – er wäre gar nicht auf die Idee gekommen, nach einer protestantischen Kirche zu suchen.
Das Gespräch mit dem Ehepaar findet in den Räumen der evangelischen Martinusgemeinde in Frankfurt-Schwanheim statt. Ein paar Gehminuten weiter ist die katholische Mauritiuskirche. Beide Gotteshäuser sind Fixpunkte für die Weylands.
Die beiden reden ungewöhnlich offen über ihre Geschichte und ihren Glauben. Die schlimmsten Grabenkämpfe seien vorbei, meint der Rechtsanwalt. Wie haben sie die Gräben überwunden? Seine Ehefrau: „Man muss die Toleranz aufbringen, den anderen in seinen Wurzeln belassen zu wollen, und das kann nur aus Liebe geschehen.“
Beide finden es erstaunlich, wie sich die Entscheidung ausgewirkt hat, die Kinder „abwechselnd“ taufen zu lassen. Peter Weyland sagt: „Wir wollten das Zeichen setzen, es ist völlig egal, ob evangelisch oder katholisch.“ Bernadette Weyland weist darauf hin, dass für ein solches Modell Fairness wichtig ist: Keiner darf die Kinder in seinem Sinn manipulieren.
Die mittlerweile erwachsenen Kinder, zwei Frauen und zwei Männer, hätten ihre jeweilige Konfession mit voller Überzeugung angenommen. Bernadette Weyland: „Da stehen wir fassungslos davor. Wir haben alles gemeinsam gemacht, und doch nehmen sie ihre Rolle so an. Ich finde es rundherum schön. Man freut sich, wenn man sieht, dass sie im Glauben stehen.“ Denn die Prophezeiungen waren andere: „Ihr werdet sehen, Eure Kinder werden später an gar nichts glauben“, warnten die Eltern von Bernadette und Peter Weyland. Sie hatten unrecht: Einer ihrer Enkel hat sogar katholische Religion studiert und wird Lehrer.


Wir kommen alle alle in den Himmel –
Peter Weyland ist sich da nicht so sicher

Peter Weyland schockt als Anwalt gerne mal die Leute, indem er seinen Glauben bekennt, dass Gott „unmittelbar eingreift“ und auch in der Anwaltskanzlei zugegen ist. Der Protestant hat sich als schon viele Gedanken über die Konfessionen gemacht. Der Hauptunterschied – „der Klassiker“ – ist für ihn: „Der katholische Christ weiß sich aufgehoben und ist fest überzeugt, in den Himmel zu kommen. Bei den Evangelischen ist das viel komplizierter: Wie das Spiel ausgeht, entscheidet der Herr. Ich kann mir nie sicher sein, dass ich in den Himmel komme. Der Katholik wird sagen: Es wird schon gutgehen.“ Trotzdem meint Peter Weyland, der später im Ruhestand vielleicht als Prädikant Predigten halten will: „Ich fühle mich behütet.“
Wie schauen die beiden in die Zukunft? Peter Weyland glaubt, dass den Protestanten keine Gefahr von Katholiken droht, sondern von Atheismus, Übersättigung, Gleichgültigkeit, Antriebsarmut. Er wünscht sich eine gemeinsame Kirche mit zwei verschiedenen Glaubensrichtungen. Seiner Frau ist vor allem wichtig, dass ein gemeinsamer Kommunionempfang auch offiziell erlaubt wird.
Den Termin 12. bis 16. Mai 2021 kann Bernadette Weyland auf Anhieb zuordnen: Da ist der ökumenische Kirchentag in Frankfurt, an dem sie auf jeden Fall teilnehmen will, am liebsten als Oberbürgermeisterin der Mainstadt.
Kann sein, dass die Juristin, Mutter, Politikerin und katholische Christin einige Überraschungen für ihr Umfeld im Gepäck hat. In ihrer Zeit in den USA habe sie gelernt, dass Glauben keine verschämte Privatsache sein muss. Sie kann sich deshalb vorstellen, mit den CDU-Kollegen vor Sitzungen zu beten und sich wie im Fall des Wiesbadener Finanzministeriums für einen christlichen Segen einzusetzen, wenn neue Gebäude bezogen werden sollen. „Unser Selbstverständnis leben“ nennt sie das.
Auf die Frage, ob die Kirchen mit ihr als Oberbürgermeisterin besser fahren werden als mit dem Amtsinhaber Peter Feldmann, antwortet sie: „Ich glaube schon.“