Worauf es ankommt, wenn Menschen in Seenot sind

Einer muss jetzt die Ruhe bewahren

Das Evangelium von der Stillung des Seesturms erzählt, wie wichtig es ist, Ruhe zu bewahren und zu vertrauen. Davon kann auch Sven Klette berichten, ehrenamtlicher Seenotretter auf Langeoog.

Es ist ein sonniger Herbsttag, leichter Wind streicht über die Deutsche Bucht. Gute Gelegenheit, die Segeljacht „Spirit“ nach Emden ins Winterquartier zu überführen. Zügig gleitet das 8,5-Meter-Boot durch die Accumer Ee, die Strömungsrinne zwischen Langeoog und Baltrum, hinaus auf die Nordsee. Die aber ist vom Sturm vergangener Tage noch aufgewühlt. Das haben die beiden Brüder an Bord nicht bedacht.
Kurz darauf trifft sie eine „Grundsee“: So plötzlich türmt sich die Welle in dem relativ flachen Wasser auf, dass das Boot fast kentert und einer der Brüder über Bord geht. Zum Glück ist er angeleint, der andere kann ihn wieder an Bord hieven. Doch das dauert. Mit seiner vollgesogenen Seglerausrüstung ist der Mann schwer geworden. Zudem ist Wasser ins Boot gelaufen und die Maschine ausgefallen. Die beiden Brüder setzen einen Notruf ab …

„Die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann“

„Wir erhielten den Anruf von der Zentrale in Bremen“, erinnert sich Sven Klette, Seenotretter auf Langeoog. Gut zehn Minuten später dreht die „Casper Otten“, das Seenotrettungsboot der Station Langeoog, nach Steuerbord aus dem Hafen, beschleunigt und nimmt Kurs auf die offene See. „Am Horizont haben wir schon die Brandung gesehen: Das sah nicht gut aus“, sagt Klette. Schließlich sichten er und sein Sohn Lars, der ihn bei dem Einsatz begleitet, die Jacht. Auf und nieder tanzt sie in der Dünung. Klette drosselt den 300-PS-Motor und nähert sich dem Havaristen.

Sven Klette "in zivil" vor der "Casper Otten"

„Die beiden waren fix und fertig und haben selbst einfache Kommandos nicht mehr verstanden. Dabei waren das erfahrene Leute“, schildert Klette die Situation. Panik verschlimmert eine Notlage. Wer panisch wird, kann nicht mehr logisch denken, redet Unsinn, tut verrückte Sachen. Da kann jemand, der die Ruhe bewahrt, Wunder wirken. Vor Jahren hat Klette das selbst erlebt.
„Bei einem Schiffssicherheitstraining haben wir in mehreren Teams Leckabwehr geübt“, erzählt er. In einem kleinen Raum, in den plötzlich Wasser eingelassen wird, muss das Team mit Brettern und anderem Material das Leck abdichten, während das Wasser langsam steigt. „Ein älterer Kollege von uns“, erzählt Klette, „wollte sich den Stress mit dem Wasser nicht antun und hat uns stattdessen von außen dirigiert: ,Sven, du gehst jetzt dahin, Gerriet du machst das …‘ Wir waren die Schnellsten“, sagt Klette, während ein Lächeln über sein sonst ruhiges Gesicht gleitet.

„Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen“

„Einen Lotsen, der die Havaristen beruhigt und die Retter dirigiert“ – das bräuchte man. Der muss nicht einmal an Bord sein. Auch die erfahrenen Seeleute in der Einsatzzentrale der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in Bremen können per Funk dirigieren, beruhigen und helfen, verlorenes Selbstvertrauen wiederzuerwecken.
Die richtig schwierigen Rettungseinsätze pro Jahr kann das Langeooger Team rund um Vormann Gerriet Leiß an zwei Händen abzählen. Rund 50-mal im Jahr, meist im Sommer, müssen sie Hobby- und Freizeitkapitänen Hilfe leisten, etwa 60-mal im Jahr läuft die „Casper Otten“ aus, um Kranke zu transportieren. Meist dann, wenn ein Hubschrauber wegen Nebels oder Vereisungsgefahr der Rotoren nicht starten kann.

„Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“

Früher war die Seefahrt gefährlicher. Da mussten die Retter in ihren leuchtend roten Anzügen häufiger raus. „Der Insulaner stellt die Notwendigkeit von Hilfe nicht infrage“, sagt Klette, „wenn Hilfe gebraucht wird, ist er da.“ Auf den Inseln weiß man, wie gefährlich das Meer sein kann. Und so fuhren sie auch raus, als im Krieg britische Flieger abgeschossen wurden oder Schiffe in Seenot gerieten. Hillrich Kuper, legendärer Seenotretter auf Langeoog, wurde dafür später sogar von der Queen ausgezeichnet.
Wie ist es, wenn Sven Klette jemandem in Seenot gegenübersteht? „In dem Moment könnte ich alles von denen haben“, sagt er, „Frau, Haus, Boot, Geld …“ Früher war der heute 57-Jährige auch Rettungsschwimmer. Wenn er Kinder aus dem Wasser gezogen hat, klammerten die sich noch lange an ihren Retter. „Manche konnte ich kaum wieder ihrer Mutter zurückgeben.“
Aber nicht jeder hat anschließend ein Wort des Dankes übrig. Mancher, dem Klette zumindest technisch geholfen hat, entfernte sich anschließend wortlos, hielt es für selbstverständlich, dass die Leute von der DGzRS ihn raushauen: ist doch deren Job …
Von Beruf jedoch ist Sven Klette Fischhändler; unweit des Inselbahnhofs betreibt er ein Fischgeschäft und seine „Fischkombüse“. Wie die allermeisten der 980 deutschen Seenotretter ist er dies ehrenamtlich. Worauf baut er selbst, wenn es rausgeht, wenn es dunkel ist, die See tobt, wenn er Menschen in Panik vor sich hat?
„Man hat einfach Lebenserfahrung, auf die man zurückgreift“, sagt er nach kurzem Überlegen. „‚Was du schon alles gemacht hast – da kriegst du das auch noch hin‘, denke ich und nur im ersten Moment: ‚Ach du meine Güte …‘“ Dann aber muss er sich in Griff kriegen, denn „mit den ersten Zweifeln beginnt auch das klare Denken zu schwinden“. Vertrauen in sich, seine Leute, die ihr Handwerk verstehen sowie auf das Boot – darauf baut Sven Klette.

„Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Wenn der Ostfriese das auf norddeutsch-ruhige Art erzählt, klingt er keineswegs cool, sondern nachdenklich. Es gibt durchaus Nächte, in denen er noch wach liegt nach einem Einsatz und ihm die Ereignisse durch den Kopf gehen: „Haben wir das richtig gemacht? Wie hätten wir besser reagieren können?“ Etwa, als sie den brennenden Fischer retteten.
Dreimal hatte die Zentrale sie ermahnt, schnell zu sein. Dreimal eine Selbstverständlichkeit. Also warteten sie nicht, um den Arzt noch mit an Bord zu nehmen. Dann standen sie zwar einige Minuten früher dem Fischer gegenüber, der im Maschinenraum seines Kutters in eine Dieselverpuffung geraten und am halben Körper verbrannt war. Aber hier waren auch die Seenotretter überfordert.
So dauerte es dann doch länger, bis ein Hubschrauber einen Arzt bringen, ihn auf die „Casper Otten“ abwinschen konnte, um den Verletzten zu versorgen. Und weil das Opfer selber nicht in den Hubschrauber gezogen werden konnte, brachte ihn das Rettungsboot mit Vollgas an Land. In einer Hamburger Spezialklinik konnte ihm das Leben gerettet werden. „Das nächste Mal warten wir lieber ein paar Minuten länger und nehmen einen Arzt mit“, sagt Klette.
An Bord der havarierten Segeljacht „Spirit“ haben die beiden Brüder inzwischen das Schlepptau festgemacht. „Stellt euch an die Ruderpinne und haltet das Boot genau hinter unserem Heck“, ruft Sven Klette den beiden durch Wogen und Gischt zu. Dann nimmt die „Casper Otten“ langsam Fahrt auf und zieht das Segelboot Richtung Festland. Dort bedanken die beiden sich nur kurz. „Vielen wird erst später, nachdem der Schock vorüber ist, ganz klar, was geschehen ist“, sagt Klette. Sein Vater erhielt von jemandem immer zum Jahrestag der Rettung eine Flasche Rum. Der wusste zeit seines Lebens, dass ihm an jenem Tag sein Leben noch einmal geschenkt worden war.

Roland Juchem