09.08.2017

Im Europaviertel entsteht auch ein ökumenisches Glaubenszentrum

Auf die Neubürger eingehen

Es ist eines der größten städtebaulichen Projekte in Deutschland. Fast 14.000 Menschen sollen einmal im Frankfurter Europaviertel wohnen, arbeiten sogar 30.000. Schon jetzt zeigen die Kirchen dort Präsenz. Von Barbara Schmidt.

Guter Ausblick vom Aussichtsturm auf das sich weiter entwickelnde Europaviertel: Pfarrerin Katja Föhrenbach und Pastoralreferent Harald Stuntebeck. Beim Blick durch ein Turmfenster erkennen sie bereits das neue Ökumenische Zentrum (kleines Bild) | Fotos: Barbara Schmidt
Guter Ausblick vom Aussichtsturm auf das sich weiter entwickelnde Europaviertel: Pfarrerin Katja Föhrenbach und Pastoralreferent Harald Stuntebeck. | Foto: Barbara Schmidt

Es ist ein spannendes Arbeitsfeld, das der Pastoralreferent Harald Stuntebeck und die evangelische Pfarrerin Katja Föhrenbach im Team bearbeiten. Die beiden Theologen sollen – je mit halber Stelle – das Ökumenische Zentrum im Europaviertel aufbauen. Fast 7000 Menschen sind bereits in die Neubauten eingezogen, die über eine ganze Reihe von Jahren schon zwischen Messe und Rebstock auf dem Gelände des früheren Frankfurter Güterbahnhofs aus dem Boden wachsen.

Immerhin 30 Prozent der neuen Bewohner sind Christen, der Katholikenanteil liegt ein bisschen höher als der der Protestanten. Kirchlich gehören sie zu unterschiedlichen Pfarreien und evangelischen Kirchengemeinden. „Sechs sind es insgesamt, drei davon katholisch, drei evangelisch“, erklärt Pastoralreferent Harald Stuntebeck. Vor allem für die Pfarrei St. Pius, in der er mit seiner anderen halben Stelle tätig ist, hat das Europaviertel schon eine riesige Veränderung gebracht. Denn die Mitgliederzahl ist nach Jahrzehnten stetigen Niedergangs wieder deutlich gestiegen: von 700 auf mehr als 2500 Gläubige.

Doch das riesige Neubauviertel gehört eben auch noch in Teilen zu St. Gallus im Gallusviertel und zu Maria Himmelfahrt in Griesheim. Nicht anders ist es auf evangelischer Seite. Den Menschen im Europaviertel wird das nicht gerecht, waren sich die beiden Stadtkirchen einig. Sie wollten daher ein Angebot, dass dem neuen Wohngebiet etwas Verbindendes, Identitätsstiftendes geben kann. Und das wollten sie gemeinsam realisieren. „Was wir machen, ist ein kirchlicher Ort für die Menschen, die im Europaviertel wohnen“, erläutert Katja Föhrenbach das Projekt. Hier sollen sich alle eingeladen fühlen, willkommen sein, mitgestalten dürfen. Auch die sogenannten Fernstehenden wolle man ansprechen, sagt Dr. Stuntebeck. Davon dürfte es viele im Europaviertel geben, wie Milieustudien nahelegen. Denn die Bewohner sind jung – der Altersdurchschnitt liegt laut Föhrenbach bei 41 Jahren – und sehr gut ausgebildet. Nicht gerade die Gruppe, die in Kirchengemeinden stark anzutreffen ist.

Von Anfang an ökumenisch geplant

Manches läuft schon, auch wenn das Ökumenische Zentrum, für das im Erdgeschoss eines neuen Wohngebäudes in der Pariser Straße rund 300 Quadratmeter zur Verfügung stehen werden, erst im kommenden Jahr komplett fertiggestellt sein wird. Föhrenbach und Stuntebeck haben zum Beispiel schon eine Befragung im Rewe-Markt gemacht, aktuell einer der wichtigsten Treffpunkte im Europaviertel. So wollten sie mehr darüber erfahren, was sich Menschen hier an Angebot von den Kirchen wünschen. Dass es ein ökumenisches ist, sei für alle selbstverständlich gewesen, haben sie festgestellt. Weniger gefragt als gedacht sei der Raum der Stille, der auch entsteht. Die Neubürger hofften vor allem auf Raum für Begegnung, fasst Föhrenbach zusammen.

Möglichkeiten dazu versucht sie mit ihrem Kollegen auch ohne fertiges Zentrum schon zu schaffen. So gibt es ein erstes Angebot zu einem gemeinsamen Abendessen einmal im Quartal in einem der örtlichen Restaurants, bei dem die Kirchen eine Suppe oder ein anderes kleines Gericht spendieren. Unter den Lokalen im Europaviertel sticht das „Laube, Liebe, Hoffnung“ ganz besonders hervor. Nicht nur seiner exklusiven Lage und des Namens wegen, der die Aufzählung der göttlichen Tugenden, die Paulus im ersten Korintherbrief nennt, verfremdend aufgreift. Auch das Gebäude selbst hat einen sakralen Touch, gehört doch ein Aussichtsturm dazu. „Als ich mir zum ersten Mal das Gebiet hier angeschaut habe, habe ich gedacht, das sei die Kirche“, sagt Katja Föhrenbach und weiß längst, dass sie nicht die Einzige ist. Die Immobilien-Gesellschaft, die das Viertel erschlossen hat, habe das Restaurant bauen lassen, weil sie gemerkt habe, dass es den Menschen an einem Identifikationspunkt fehle.

Der Bau steht im Park, für ihn wurde eigens eine Ausnahmegenehmigung bis 2021 erteilt, dann soll er eigentlich wieder verschwinden. Dass das Ökumenische Zentrum, für das ein Name noch gesucht wird, dem „Laube, Liebe, Hoffnung“ genau gegenüber liegt, finden die beiden Theologen prima. Zumal beide Einrichtungen im Grunde dasselbe Ziel hätten, meint Stuntebeck: „Heimat schaffen.“

 

Meinung: Ein starkes Signal

Redakteur
Bernhard Perrefort

Sie reagieren nicht erst, sie agieren bereits in der Bauphase. Und dabei kocht nicht jeder sein eigenes Süppchen, nein, gemeinsam gehen sie die Sache an. Ein starkes Signal. Katholische und evangelische Kirche im Europaviertel fragen von vorneherein die Bürger nach Wünschen. Sonst läge vielleicht ein besonderer Fokus auf einem Raum der Stille, der vielen aber gar nicht so wichtig ist.