08.11.2017

Für eine Kirche, die sich verausgabt

Kann der heilige Martin einen Beitrag leisten für die moderne Seelsorge im 21. Jahrhundert? Richard Hartmann ist Pastoraltheologe. Er hat sich Gedanken gemacht über diese Frage. Mit Martinus Christ sein – was heißt das, wie geht das, was bringt das? Professor Hartmann hat aus einer Vielzahl von Kriterien drei Impulse ausgewählt. Er sagt: „Kirche darf sich diakonisch verausgaben.“ – „Kirche ist Ort der Stille und führt zu Gott als dem Herz der Welt hin“ – „Kirche versöhnt in dialogischem Zugang mit den Menschen.“ Ein Ausblick in die Seelsorge von heute und morgen.

Von Richard Hartmann.

St. Martin-Statue auf dem Mainzer Dom Foto: Radtke
St. Martin: Statue auf dem Mainzer Dom. I Foto: Radtke

Martinus war ein wachsamer Mensch. Jung, wie schon vor ihm sein Vater, Soldat geworden, sah er, was um ihn herum geschieht und hat dies für sein Leben als Herausforderung angenommen. Drei Aspekte aus den Berichten und Legenden dieses frühen Bischofs können helfen, unser Christsein heute neu zu begreifen und daraus zu gestalten. Das, was von Martinus in Legenden und Geschichten überliefert ist, war für seine Zeit fast der Modellbericht, wie man sich einen Bischof wünschte. Etliche Parallelen finden sich bei anderen Heiligen der Zeit.

1. Martinus war wach für die Not der Menschen. Schon zu seinen Soldatenzeiten geriet er nicht in die Versuchung, seine Aufgabe und seine Möglichkeiten vorrangig zur eigenen Ehre anzunehmen und zu gestalten. Sein Soldatsein fand er als wichtigen Dienst, aber noch wichtiger war ihm der Dienst an den Notleidenden, an den Menschen, die – wie der Mann zwischen Jericho und Jerusalem – unter die Räuber gefallen waren. Für sie „verausgabte“ er sich. Ihm kam gar nicht in den Sinn, sie für sich einnehmen zu wollen, oder sie für dies oder jenes zu vereinnahmen. Er gab alles, was er hatte, für sie hin. Keinen Überfluss, keine Sicherheit behielt er für sich.

Als er den frierenden Mann sah, blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Mantel zu teilen – alles andere war schon verschenkt. Eine Überlieferung sagt sogar, er konnte nur den halben Mantel herschenken, weil die andere ihm gar nicht gehörte, sondern Militärbesitz war.
Kirche muss sich heute ebenso verausgaben. Nicht der Blick auf die eigene Rolle oder gar den öffentlichen Einfluss darf ihr Handeln prägen, sondern die Bereitschaft, sich radikal den Menschen in Not zuzuwenden. Kirche heute ist diakonische Kirche.

Jedes Mal, wenn sie versucht, auch durch das Wirken der Caritas, andere zu vereinnahmen, dann wird sie in Verdacht geraten, dann wird man sich von ihr abwenden.

Das ist für die Kirche in unseren Breiten nicht einfach. Sie ist als Organisation und Institution in unserer Gesellschaft in vielen Abhängigkeiten. Würde der Bischof – vielleicht sogar mit seinen Beratungsgremien – das Tafelsilber des Bistums verschenken, dann gäbe es viele, die aufschreien, weil zum Beispiel ihre eigene Alterssicherung, die doch 100-prozentig sicher schien, weg wäre. In solchen Abhängigkeiten muss unsere Kirche einen Veränderungsprozess einläuten, der ihr ermöglicht – mit Papst Franziskus – zu einer armen Kirche zu werden, die sich nicht schämen müsste, wenn ihr nur ein halber Mantel bliebe.

Was für die Kirchen als Ganze schwierig ist, kann für den Einzelnen oder kleine Gemeinschaften vielleicht leichter sein. Wir sollten wachsam werden, wenn heute ähnlich wie im 13. Jahrhundert Gruppen und Kreise wieder glaubwürdiger die Armut und damit die Nähe und Solidarität mit den Armen als Berufung annehmen.

2. Ein zweiter Aspekt wird deutlich, nachdem Martinus – trotz vergeblichem Widerstand – das Bischofsamt in Tours angenommen hat. Für sich selber entschied er, keine Zeichen und Lebenshaltungen anzunehmen, die seinem „Stand“ und seiner „Bedeutung“ zugesprochen wurden: Keine Residenz, kein Herrscherpalast, keine Überhöhung. Er wollte weiter einfach und demütig bleiben. Eine kleine Einsiedelei sollte sein Zuhause sein. Das entspricht seinem Armutsideal, mehr aber noch macht es ein anderes Motiv deutlich: Der Rückzug in die Einsamkeit und Stille ist ein wichtiger Schutzraum für die Aufmerksamkeit auf Gott hin.

Kirche heute soll eine Oase der Stille und des Gebets sein. In einer Zeit, die sehr von Unruhe und ständiger Aktivität geprägt ist, braucht es Gegenwelten. Nicht wenige Menschen zieht es heute zur Stille ins Kloster. Der immer gleiche Rhythmus des Tages mit Gebet, Arbeit, Mahlzeiten und Stille hilft, wieder Ordnung in den eigenen Tagesablauf zu bekommen. Die Gewichte werden neu gesetzt: Ohne die Stille und den Raum, überhaupt auf Gott hören zu können, wird das Alltagsgeschäft uns auffressen.

3. Martinus war aber, und das sei der dritte Akzent, nicht ein weltferner und isoliert einsamer Beter. Er war – so die Überlieferung – ein Mann der Dialoge und der Kommunikation. In den Legenden um seinen Tod heißt es, dass er – schon auf dem Krankenlager – noch einmal gebeten wurde, in einen Konvent zu kommen, um in einem Streit zur Versöhnung beizutragen. Es heißt, dass er sich innerlich schon aufs Sterben vorbereitet. Aber – so steht es im Stundengebet des Festes – „non recuso laborem“: Ich verweigere mich nicht der Arbeit, nicht der Bitte der Brüder.

Offenbar war ihm die Gabe geschenkt, mit der richtigen Art hinzuhören, die richtigen Worte zu finden, um Menschen wieder zusammen zu bringen und zu Gott zu führen.
Christen heute können und sollen Mediatoren sein. Wer die Menschen in all ihren Eigenarten bereit ist, anzunehmen, wie Gott sie annimmt, der wird auch fähig werden, mit ihnen zu sprechen, sie mehr und mehr zu verstehen und zueinander zu führen.

Mich fasziniert, wenn an etlichen Orten auch politischer Konflikte, Christinnen und Christen als starke Helfer der Versöhnung mitwirken und tätig sind.
Drei Aspekte habe ich hervorgehoben, um mit Martinus neue Impulse zum Christsein zu gewinnen:

Kirche darf sich diakonisch verausgaben, Kirche ist Ort der Stille und führt zu Gott als Herz der Welt hin und Kirche versöhnt in dialogischem Zugang zu den Menschen. In allen Bereichen werden wir in der der Pastoral noch einiges vorantreiben.

 

Richard Hartmann Foto: privat
Foto: privat

Der Autor Richard Hartmann ist Mainzer Diözesanpriester.
Er lehrt als Professor für Pastoraltheologie und Homiletik
an der Theologischen Fakultät Fulda.
Seit 2009 ist er Vorsitzender der Konferenz der
deutschsprachigen Pastoraltheologinnen und -theologen e. V.