07.09.2017

Schüler sammeln für die Fazenda da Esperanca

„Ein richtig gutes Projekt“

„Wenn’s mir gut geht, sollte ich auch anderen davon abgeben“, finden Schüler aus Vellmar. Deshalb sammeln sie Geld für die Fazenda da Esperança in Nauen – einen Ort, an dem Menschen, die im Abseits standen, neue Hoffnung finden. Von Niklas Wagner.

Ein Erfolg: Pascal engagiert sich gerne für den guten Zweck. | Fotos (2): Niklas Wagner
Ein Erfolg: Pascal engagiert sich gerne für den guten Zweck. | Fotos (2): Niklas Wagner

„Wir müssten das nochmal machen, so richtig groß!“ Jeremy plant schon über den Tag hinaus weiter. Gemeinsam mit seinen Mitschülern von der Ahnatalschule steht der Zehntklässler im Herkules E-Center Vellmar hinter dem Tisch mit selbstgebackenen Kuchen: Muffins, Gugelhupf, Brownies, Amerikaner und Zitronenkuchen, dazu noch Schokoküsse. Gerade haben die Schüler einen Coup gelandet: Ein benachbartes Geschäft kauft ihnen gleich 15 Stück Kuchen ab. Mit den Einnahmen aus ihrer Spendenaktion unterstützt die Klasse 10e die Fazenda da Esperança in Nauen, einen Ort, an dem Jugendliche und junge Erwachsene Unterstützung und Begleitung auf ihrem Weg aus Süchten heraus erfahren. Das Projekt wird vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken gefördert.

Die Kelly-Tour macht Station in Kassel

Ausgangspunkt für die Spendenaktion der Klasse ist die RUAH-Tour von Michael Patrick Kelly im vergangenen Herbst: Über das Bonifatiuswerk wurde ein Teil der Einnahmen der Tour an die Fazenda weitergeleitet. Eine Station von Kellys Tour war die St.-Elisabeth-Kirche in Kassel. Das dortige Konzert hat Nina Grede, die Lehrerin der 10e, mitbetreut. Dabei kam sie ins Gespräch mit zwei Eheleuten, die als Freiwillige auf der Fazenda mitarbeiten und die auch die RUAH-Tour begleitet haben. Die Berichte haben bei Grede Spuren hinterlassen: „Was das Ehepaar erzählt hat, das hat mich berührt, weil ich als Lehrerin diese Problematik kenne. Doch ich bin oft machtlos.“

In der 10e stieß Grede damit auf reges Interesse. „Das sind Leute in unserem Alter, die da auf der Fazenda leben“, erklärt Fabienne ihren Bezug zu diesem Projekt. Grede bestätigt das: „Die Drogen-Thematik ist den Schülern bekannt – durch Freunde oder Verwandte. Deswegen ist dieses Thema für sie angesagt. Und es ist wie bei jedem Thema: Je mehr eigene Erfahrungen man hat, desto mehr klemmt man sich dahinter.“ Das beeinflusste auch den Unterricht, berichtet Grede: „In der Runde war auf einmal eine Offenheit da, sehr persönlich über eigene Erfahrungen mit dem Thema zu sprechen, ob aus dem Familien- oder Freundeskreis.“

Konzept spricht junge Menschen an

Lynn war sofort davon begeistert, Gebäck und Kuchen zu verkaufen, um die Jugendlichen der Fazenda da Esperança in Nauen zu unterstützen.
Lynn war sofort davon begeistert,
Gebäck und Kuchen zu verkaufen,
um die Jugendlichen der Fazenda da
Esperança in Nauen zu unterstützen.

Auch das Konzept der Fazenda spricht die Schüler an, wie Fabienne sagt: „Oft werden Drogenabhängige ja ausgegrenzt, in die Psychiatrie quasi abgeschoben und dort mit Medikamenten vollgepumpt. Auf der Fazenda aber bringen die Helfer den Leuten dort Liebe entgegen. Und da wird auch der Glaube erfahrbar als etwas, woran sich Menschen festhalten können, und etwas, das ihnen nicht genommen werden kann.“ Begeistert von dem Projekt in Nauen ist auch Brunhilde Ulbrich: „Ein Entwicklungshelfer hat mir mal gesagt: Hilfe muss immer Hilfe zur Selbsthilfe sein. Das hat mein Denken ganz stark geprägt, und dafür bin ich heute noch dankbar.“ Und die Fazenda mache genau das: Sie bietet Hilfe zur Selbsthilfe. „Deswegen finde ich das ein richtig gutes Projekt“, so Ulbrich und setzt das gleich in die Tat um und kauft einige auf der Fazenda gefertigte Schlüsselanhänger. Ein Stück Kuchen nimmt sie ebenfalls gern mit.

Andere Kunden bringen sich ebenfalls ein: „Ihr müsst die Leute noch mehr ansprechen“, rät eine Frau den Schülern am Stand, während sie ein Stück Kuchen entgegennimmt. Nick muss sie das nicht mehr sagen: Er hat schon mehrere Rundgänge durch das Einkaufszentrum absolviert, Flyer verteilt und die Besucher auf die Spendenaktion aufmerksam gemacht. „Dabei ist nur einer einfach vorbeigegangen, ansonsten ist das ganz gut gelaufen“, berichtet er. Wie fühlt sich der Schüler dabei, die Besucher des Einkaufszentrums anzusprechen? „Wenn sie einen abweisen, ist das natürlich schon enttäuschend“, gibt Nick zu. „Aber ich habe ja auch Erfolg gehabt, viele haben sich ansprechen lassen. Und es macht absolut Spaß, den Leuten die Fazenda zu erklären!“

Das sehen auch seine Mitschüler so: Viele von ihnen bleiben fast den ganzen Tag über am Stand, weit über ihre Dienstzeiten hinaus. Nina Grede ist von diesem Engagement nicht überrascht: „Bei der ersten Spendenaktion für die Fazenda, im November an der Ahnatalschule, haben wir knapp 300 Euro eingenommen“, berichtet sie. „Die Schüler haben gesagt: Da geht noch mehr! Also haben wir einen neuen Anlauf genommen. Den haben die Schüler komplett freiwillig und aus eigenem Antrieb auf die Beine gestellt.“ Deswegen freut Grede sich auch, dass Schulleiter Gunter Freiling den Stand der 10e besucht und mit den Schülern ins Gespräch kommt: „Das ist ein Zeichen der Wertschätzung für die Klasse.“

Die plant inzwischen schon weiter: „Heute wollen wir auf jeden Fall mehr Geld sammeln als im November!“, hat Fabienne als Ziel für den Tag ausgegeben. Und auch die Planungen zu einer weiteren Spendenaktion laufen schon: Auf dem Wochenmarkt in Vellmar wollen die Schüler ebenfalls einmal Geld für die Fazenda sammeln.