01.03.2017

Fluch oder Segen?

Am katholischen Gymnasium Edith-Stein-Schule in Darmstadt gibt es jetzt einen Roboter für den Informatik-Unterricht. Schüler lernen mit ihm zu programmieren. Eine Unterrichtsstunde mit Nao. Von Sara Mierzwa.

Fast schon Freunde: Roboter Nao und Schüler im Informatik-Untericht| Foto: Ulrich Helm
Fast schon Freunde: Roboter Nao und Schüler im Informatik-Untericht
Foto: Ulrich Helm

Er kann winken, tanzen und Vokabeln abfragen – aber nur 60 Minuten lang. Dann muss man seine Batterien wechseln oder aufladen. Nao, ein 58 Zentimeter großer Roboter, wird seit Kurzem im Informatik-Unterricht an der Edith-Stein-Schule (ESS) eingesetzt. „Bisher kannte ich Roboter nur aus dem Fernsehen“, sagt Friederike Tampe. Die Schüler sind begeistert von dem neuen Schulmitglied. „Der ist total klein und süß“, sagt Paul Bednarek.

Roboter, Datenschutz und Gesellschaft

Informatiklehrer Ulrich Helm holt den etwa vier Kilogramm schweren Roboter vorsichtig aus der Glasvitrine im Computer-Raum. 13 Schüler aus der zehnten Klasse sitzen um den Tisch herum. Sie sind alle freiwillig hier, um zu lernen, wie man einen Roboter programmieren kann, wie Datenschutz funktioniert und was Roboter für die Gesellschaft bedeuten. „Industrie 4.0“ ist das Schlagwort für die Herstellung von Produkten in der Zukunft, die jetzt schon begonnen hat. Durch den Informationsaustausch zwischen Menschen, Maschinen und Produkt sollen Produktionsschritte verbessert werden.

Von der Wirtschaft zurück ins Klassenzimmer: Der rund 8000 Euro teure Nao wurde von Darmstädter Unternehmen wie beispielsweise dem Chemiekonzern Merck finanziert. Manche Lehrer an der Schule kritisierten, dass weder eine neue Klimaanlage noch neue Stühle gesponsert werden.

Die Schüler stören sich scheinbar weniger an den älteren Stühlen. Sie lesen Aufsätze zum Thema „Roboter und Gesellschaft“ vor und diskutieren, ob Roboter in der Zukunft mehr Segen oder Fluch sein können. „Sie können den Alltag der Menschen erleichtern und ihnen körperliche Anstrengungen ersparen, weil sie Lebensmittel verpacken, nähen und Fließbandarbeit an Stelle des Menschen leisten“, schreibt Sarah Stoll. Dass Roboter niemals Therapeuten und Ärzte völlig ersetzen können, darüber sind sich die Schüler einig. „Emotionen hat ein Roboter nicht“, sagt Max Rusam. Und könnten Roboter die Lehrer ersetzen? Während einige Schüler von Ausschlafen, Unterricht im Schlafanzug von zuhause aus und fairen Noten träumen, können sich andere keine Lehrer-Roboter vorstellen. Manche Lehrer an der Schule wünschen sich, dass die Schüler dem Roboter beibringen, Zeugnisse zu schreiben.
Vier Minuten nach dem Einschalten ist der Roboter startbereit. „Ognak Gnouk“, sagt er zur Begrüßung. Die Schüler setzen sich an die Computer, um Anweisungen für den Roboter zu schreiben. Sie sollen ihm „beibringen“, Wörter zu sagen, wenn man ihn an der Hand berührt. Drei Schüler versuchen ihm „Stehenbleiben“ einzuprogrammieren. Nachdem Nao mit seinen 25 steuerbaren Gelenken dabei einige Male fast vom Tisch gefallen wäre, wird er auf den Boden gesetzt.

Schüler und Lehrer lernen gemeinsam

Frontalunterricht gibt es in der Informatik-Stunde selten. Schüler und Lehrer blättern im Handbuch für den in Frankreich hergestellten Nao und versuchen herauszufinden, warum er nicht auf Hindernisse reagiert. Dieses Schuljahr soll es eine Fortbildung für die Informatiklehrer an der ESS geben. Einige Schüler der Generation „digital natives“ (digitale Ureinwohner) wissen schon mehr als die Lehrer über das Programmieren.

Sarah Stoll hat inzwischen ein Programm auf dem Computer geschrieben: Wenn man den Roboter an der Hand berührt, sagt er: „Was willst du von mir? Hahaha.“ Als sie die blecherne Stimme aus dem Roboter hört, schaut sie etwas enttäuscht. „Es wäre schön, wenn die Stimme auch Gefühle zeigen würde“, sagt sie.

 

Meinung: Maschinen und Mensch

Sara Mierzwa Foto: Julia  Hoffmann
Sara Mierzwa Foto: jul

Obwohl ich noch nicht 30 Jahre alt bin, fühle ich mich im Informatik-Unterricht plötzlich alt. Roboter, Computer und 3D-Drucker: Das gab es zu meiner Schulzeit nicht. Spätestens als aus dem Roboter das Lied „Take on me“ (Nimm es mit mir auf) klingt und Nao dazu tanzt, bin ich fasziniert, was heutzutage möglich ist.
Von Menschen mit Behinderung, die mit ihrer Stimme Licht und Rollläden steuern, erzählen mir die Schüler.
Ich wünsche mir statt einem Haushaltsroboter, dass Menschen sich um mich kümmern, wenn ich einmal schwer krank werden sollte. Dass durch Roboter unser Leben leichter und menschlicher wird, glaube ich nicht: Roboter haben keine Seelen, und sie können mich bestimmt nicht trösten, wenn ich traurig bin.

Von Sara Mierzwa