30.05.2017

Initiative: Weniger Lebensmittel wegwerfen

Radieschen: Teil der Schöpfung

Ein Drittel aller produzierten Lebensmittel landen auf dem Müll. Auf dieses Problem machen einige Menschen als ehrenamtliche Lebensmittelretter aufmerksam. Ein Beispiel aus Kassel. Von Sara Mierzwa.

Zwei Lebensmittelretter packen Obst und Gemüse ein. Foto: Sara Mierzwa
Zwei Lebensmittelretter packen Obst und Gemüse ein. Foto: Sara Mierzwa

Mit großen Rucksäcken und Plastiktaschen rechts und links in der Hand stehen Jana Keller und Nils Rohark-Schünemann vor dem Supermarkt. Was nach einem Großeinkauf aussieht, entpuppt sich als etwas ganz anderes: Die zwei Studierenden laufen zielstrebig durch die Gänge auf das Lager zu. Dort treffen sie eine Mitarbeiterin, die ihnen einen Rollwagen mit sechs großen grünen Kisten voller Obst, Gemüse und Brot bringt: 20 bis 30 Kilo Lebensmittel, die ansonsten im Müll landen würden.

Weniger Lebensmittelverschwenden

Die beiden Studenten sind „Foodsaver“ (Lebensmittelretter). Sie verstauen die Lebensmittel in ihren Rucksäcken und Taschen. Dann sind die grünen Körbe leer – fast. Nils greift noch nach einem roten Radieschen und sechs grünen Bohnen, die lose in einem der Körbe liegen. „Es soll nichts weggeworfen werden“, sagt Nils Rohark-Schünemann. Er studiert in Kassel Religions- und Gemeindepädagogik und soziale Arbeit. Dem 23 Jährigen ist es wichtig, dass man mit der Schöpfung achtsam umgeht – dazu zählen auch Radieschen. Es gibt etwa 200 Lebensmittelretter und 20 Bäckereien und Lebensmittelmärkte in Kassel, die bei der Initiative mitmachen. Die meisten Ehrenamtlichen sind Studenten. Auch ein paar Rentner und Berufstätige sind im Team. Die meisten Läden sind dabei, weil sie dadurch Kosten sparen, nur wenige aus Idealismus. Die Mülltonnen für Lebensmittel sind teuer. Die Lebensmittelretter holen das Essen kostenlos ab.Nils Rohark-Schünemann wünscht sich, dass das Bewusstsein für Überproduktion irgendwann so sehr in den Betrieben ankommt, dass Foodsharing nicht mehr nötig ist. „Gesetzliche Regelungen, die das Wegwerfen verbieten, wie etwa in Frankreich, wären auch wichtig“, sagt er. Und auch die Konsumenten müssten ihr Kaufverhalten ändern, weniger wegwerfen und sie mehr wertschätzen.


Die zwei Studierenden verlassen voll gepackt den Supermarkt. Sie sind froh, dass es heute nicht so viel war und sie kein Auto brauchen. Nils Rohark-Schünemann fährt mit der Straßenbahn zu dem „Fair-Teiler“ an die Universität, wohin auch Privatpersonen übrige Lebensmittel bringen können. Dort ist ein Kühlschrank in einem Raum, in dem andere Menschen Lebensmittel abholen können. „Teilen ist für mich etwas Bibliches“, sagt Rohark-Schünemann, während er mit Essigwasser den Kühlschrank putzt.
Nils Rohark-Schünemann ist der Foodsharing-Botschafter für Kassel. Er arbeitet zwischen zehn und 20 Stunden in der Woche ehrenamtlich für die Initiative: Er begrüßt die neuen Lebensmittelretter, kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit, ist bei Gesprächen mit Betrieben dabei und organisiert die monatlichen Treffen, die in den Räumen der Katholischen Hochschulgemeinde stattfidnen. Dort ist Nils im Mitarbeiterkreis.
 

Anderes Konzept als die Tafeln

Mit den Tafeln, die auch in Supermärkten Lebensmittel abholen, gibt es keine Konkurrenz. Die haben strengere Richtlinien: Sie nehmen zum Beispiel keine Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum und arbeiten auch nicht samstags. „Es geht bei der Foodsharing-Initiative nicht darum, sozial Schwache zu unterstützen, sondern die Gesellschaft für das Thema Lebensmittelverschwendung zu sensibilisieren“, sagt Nils Rohark-Schünemann.
Er wünscht sich, dass es noch mehr Verteilerorte in Kassel für die geretteten Lebensmittel gibt. Foodsharing kooperiert bereits mit Greanpeace, der Bahnhofsmission und Stadtteiltreffs und bringt dort Lebensmittel hin. Eine Anfrage an eine Kirchengemeinde blieb erfolglos. Die Verantwortlichen meinten, die Idee von Lebensmittelretten und der Kirche passe nicht zusammen.

 

Zur Sache

Foodsharing („Lebensmittel teilen“) ist eine Initiative von Menschen in ganz Deutschland, die sich für das Ende der Lebensmittelverschwendung einsetzen. Auf der Internetplattform können Privatpersonen, Händler oder Produzenten Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, kostenlos anbieten oder abholen. Damit soll gegen die Lebensmittelverschwendung vorgegangen und ein größeres Problembewusstsein dafür in der Gesellschaft geschaffen werden. Die vielen ehrenamtlichen Lebensmittelretter holen bei Supermärkten, Bäckereien oder auch in Mensen die übrig gebliebenen oder abgelaufenen Lebensmittel ab, die ansonsten weggeworfen würden. Seit Mai 2013 haben sich bereits über 20 000 ehrenamtliche Menschen in Deutschland angemeldet und tausende Freiwillige von ihnen retten schon aktiv in über 2 700 Betrieben Lebensmittel. Mehr als 500 Botschafter und Botschafterinnen koordinieren die Foodsaver und Freiwilligen in den jeweiligen Regionen, Städten und Bundesländern. Zusätzlich gibt es in vielen Städten auch Facebookgruppen, in denen Menschen Essen, das sie übrig haben, teilen.

www.foodsharing.de