01.03.2017

Jahresserie 2017: Skandal egal? Die Sache mit der Ökumene, Teil 2

Knackpunkt im Credo

„Skandal egal? – Die Sache mit der Ökumene“: So heißt die Jahresserie 2017 in der Kirchenzeitung. Anders gefragt: Wann endlich überwinden die christlichen Kirchen ihre Spaltung? Schließlich betonen Kirchenleitungen doch stets, es gebe „mehr, was uns verbindet, als uns trennt“. Wie ist die Lage? Beim Glaubensbekenntnis zum Beispiel? Wann sind alle „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“? Ein Bekenntnis. Von Johannes Becher.

Ambo mit zwei Bibeln Foto: Katholiken und Protestanten: zwei Bibeln, zwei Kirchenleitungen, und mehr als zwei Bekenntnisformeln des Glaubens. | Foto: kna
Katholiken und Protestanten: zwei Bibeln, zwei Kirchenleitungen, und mehr als zwei Bekenntnisformeln des Glaubens. Foto: kna

Der Weg zur Einheit der Kirchen ist mit ganz viel Psychologie gepflastert. Man könnte auch sagen: er führt um Fettnäpfchen herum, schlängelt sich entlang vernarbter Erniedrigungen, überspringt Aufbauten der Eitelkeit…

Trotzdem lässt sich auch sagen: Nichts davon ist mehr so akut, dass jemand deshalb eine Ökumene-Allergie vorschieben darf. Aber zugegeben: Es gibt bis heute zentrale Momente im Feiern des Glaubens, in denen klar wird, dass zuweilen auch die besten Argumente nicht genug sind, um eins und einig zu sein.

Beispiel: das Glaubensbekenntnis im Gottesdienst. Die traditionelle Formel ist uralt und stammt wohl schon aus dem 3. Jahrhundert (vielleicht ein Taufbekenntnis aus der Stadt Rom): Wir beten das „Apostolische Glaubensbekennntnis“. Soll es ein wenig feierlicher sein, kommt jenes „große“ Glaubenskenntnis – die Glaubens-Summe der Konzilien von Nicäa (325) und Konstantinopel (381) – zum Einsatz. Darin heißt es an der entscheidenden Ökumene-Stelle (nicht, dass der Glaube an den einen und dreifaltigen Gott und seinen Sohn Jesus Christus – „wahrer Mensch und wahrer Gott; gezeugt, nicht geschaffen“ – weniger entscheidend wäre, aber da gibt es ja keinen Disput mehr): Wir glauben also „an die eine, heilige,  katholische und apostolische Kirche“. So weit, so katholisch.

Die Protestanten beten – seit ihren Liturgiereformen nach dem Krieg – in ihrem „Credo“ meist, dass sie „an die heilige christliche Kirche“ glauben.

Perspektivwechsel: Der gute Katholik stelle sich einmal vor, es wäre genau anders herum. Mit dem traditionsreichen Gebetstext hätte er zu bekennen, er glaube an „die eine heilige und evangelische Kirche“. Machbar oder unsagbar? Konstruierter Quatsch, sagen Sie? Mitnichten. „Evangelisch“ könnte ja hier gemeint sein als Bekenntnis der Frohen Botschaft, als Glaube an das Evangelium Jesu Christi. Und eben nicht als hohes Lied auf die protestantischen Kirchen der Reformation, „die evangelischen“ halt.

„Letztlich geht es um alles und um alle“

Genau hier kommt die psychologische Hemmschwelle ins Gebet. Denn ein ebensolches Missverständnis liegt den Vorbehalten evangelischer Christen gegen die Formulierung „Ich glaube an die katholische Kirche“ zugrunde. Sie meinen, damit sei die römisch-katholische Kirche gemeint.

Dabei geht es um viel mehr. Letztlich um alles und um alle. Denn „katholisch“ meint hier doch „allumfassend“. (In Klammern gesagt: Ist schon interessant, dass wir die „una sancta“ als die „eine“ und die „heilige“ Kirche übersetzt haben; das „catholicam“ aber unbearbeitet lassen.) Die orthodoxen Griechen bleiben im Credo übrigens beim „katholikèn“ – obwohl sie sicher auch an die lateinischen Christen Roms denken …

Jedenfalls meint das „katholisch“ im Glaubenskenntnis alle Christen (und zu guter Letzt sogar das Heil aller Menschen), ja, es verbindet sie in diesem Gebet zur Ganzheit. Erst alle Glieder zusammen machen den einen Leib Christi aus. Oder weltlicher gesprochen: Nur zusammen sind alle Christen „die heilige, allumfassende und auf den Aposteln aufbauende Kirche“, wie es der Evangelische Jugendkatechismus „YOUBE“ formuliert.

Wir könnten uns ja abschließend alle mal mit dem Kirchenvater Augustinus selbst besinnen. Der schreibt: „Dein Credo sei für dich wie ein Spiegel! Betrachte dich in ihm, um zu sehen, ob du das, was du zu glauben erklärst, auch wirklich glaubst.“

„Manchmal legt sich ein Zweifelchen ans Dogma“

Und ganz ehrlich: Es ist doch mit dem „standhaft im Glauben“ in den Zeitläuften des Lebens nicht immer so einfach. Glaubt man denn immer gleich? Manchmal steht doch hier etwas in Frage, manchmal legt sich da ein Zweifelchen ans Dogma. Kurz: Auch dem von Grund auf sozialisierten Katholiken fällt es manchmal schwerer, jeden Satz des Glaubensbekenntnisses laut und vernehmbar mitzubeten. Wenn man drüber nachdenkt … Mal stolpert man über die Jungfrauengeburt – ginge nicht auch junge Frau? Mal ist das mit dem Glauben an die missbrauchsverseuchte Kirche nicht so einfach. Dann wieder fragt man sich, ob das denn nun wirklich so ist mit dem Aufstieg aus dem Reich des Todes.

Und doch: Wer bin ich, dass mein kleiner Glaube diesen universellen, gereiften, über Jahrhunderte gefestigten, von weisen Denkern in Worte gebrachten Glauben anzukratzen vermag? Diesen ehrwürdigen Text unverändert zu erhalten ist ein hohes Gut.

Dass es für jeden und jede Christin darüber hinaus an vielen Orten und bei mannigfachen Gelegenheiten die Chance gibt, frei und ungezwungen allen Zeugnis zu geben von der Hoffnung, die sie trägt, ist doch unbenommen. Dann kann es ein persönliches Schöpfungs-Credo sein, das Eine-Welt-Bekenntnis oder ein Gerechtigkeits-Glaubens-Manifest.

Das traditionelle „Credo“ aber ist überkonfessionell, hypermodern und fundamental. Denn das ist der gemeinsame Glaube aller Christen: Es gibt einen Gott, ein Evangelium, einen Jesus in Leben, Kreuz und Auferstehung und seinen heiligen Geist, aus dessen Kraft wir leben. Und er schafft, wie es Kardinal Walter Kasper und Bischof Ulrich Wilckens so wunderbar formulieren, „er schafft Gemeinschaft miteinander in der einen Kirche, die deswegen katholisch sein soll, weil sie evangelisch ist.“

Für die gemeinsamen liturgischen Feiern möchte ich mich an die alten ehrwürdigen Texte klammern. Sie sind durch Krieg und Leiden hindurchgegangen, haben Reformation und Aufklärung überstanden und trotzen Klimawandel und Globalisierung. Sie werden auch morgen noch kraftvoll den einen Gott loben – von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.