04.10.2017

Theatergruppe „GrauTöne“ in Wetzlar

„Eine Supergeschichte“

Sie heißen „GrauTöne“. Weil sie alt sind, aber nicht still. Die Wetzlarer Laienschauspielerinnen haben etwas zu sagen. Und möchten das gern beim Katholikentag nächstes Jahr in Münster tun. Von Heike Kaiser.

„Zeigt Emotionen!“, fordert Regisseur Jörg Harald Werron die neun Laienschauspielerinnen auf. | Foto: Heike Kaiser
„Zeigt Emotionen!“, fordert Regisseur Jörg Harald Werron die neun Laienschauspielerinnen auf. | Foto: Heike Kaiser

„Was die machen, hat wirklich Niveau.“ Das Urteil von Hermann Bernhard über die Theatergruppe „GrauTöne“ fällt eindeutig aus. „Die haben Spaß an dem, was sie tun, das merkt man. Das ist wirklich stark. Und natürlich wäre es eine Supergeschichte, wenn die für den Katholikentag nächstes Jahr in Münster genommen würden“, hofft er für das Ensemble.
Bernhard hat die „GrauTöne“ quasi gegründet. Auf der Suche nach neuen Ideen für die Seniorenpastoral initiierte der Wetzlarer Bezirksreferent vor einigen Jahren in den Wetzlarer Stadtpfarreien eine „Theatergruppe 60+“. Er trat in Kontakt mit einem Kollegen, dem Schauspieler, Theaterpädagogen und Regisseur Jörg Harald Werron, der zu 50 Prozent als Gemeindereferent im Frankfurter Kirchenlanden punctum arbeitet.

Männer sind als weitere Ensemble-Mitglieder willkommen

Seit vier Jahren leitet Werron das Ensemble aus neun Frauen im Alter von 63 bis 82. Es ist seit zwei Jahren unverändert. „Männer trauen sich nicht so recht, dazuzustoßen“, vermutet und bedauert er. Sie seien als weitere Ensemblemitglieder jedenfalls herzlich willkommen, unterstreicht der 49-Jährige. Er arbeitet viel mit Sprache und Rhythmik, und darum heißt die Theatergruppe auch „GrauTöne“: „Weil die Seniorinnen auch im Alter noch etwas zu sagen haben – und weil sie das tun und nicht still sind.“

Das möchten die Laienschauspielerinnen auch vor großem Publikum beweisen. Deswegen hat Jörg Harald Werron sich mit den „GrauTönen“ und ihrem Stück „LebensKlänge – Leben mit Gefühlen“ zur Gestaltung des Programms des Katholikentags in Münster im Mai nächsten Jahres beworben. „Wut, Trauer, Liebe, Angst, Freude, Lust: diese sechs Emotionen des Theaters versuchen wir, mit Texten aus der Bibel in Einklang zu bringen“, erläutert er. „LebensKlänge“ sei die bislang anspruchsvollste und anstrengendste Performance der „GrauTöne“. Sie stammt aus der Feder von Jörg Harald Werron, „unterstützt von unseren Gedanken und Beiträgen“, sagen die neun Mitglieder des Ensembles. „Wir haben das Stück gemeinsam erarbeitet. Ich habe nur zusammengeführt und arrangiert“, meint hingegen der Regisseur bescheiden. Als Requisiten genügen Mäntel, ein Koffer – und ein Apfel.

„Wir haben mit Grundübungen begonnen: Miteinander ins Spiel kommen, sich von der Alltagswelt befreien, sich einlassen auf Körper-, Wahrnehmungs- und Sprach-übungen, sich Schritt für Schritt auch auf die Theaterwelt einlassen“, erläutert der 49-Jährige. „Wir wollen ein Stück nicht spielen, sondern verkörpern. Bevor wir etwas auf die Bühne bringen, müssen wir uns damit auseinandersetzen.“

Nach und nach sind neue Parameter hinzugekommen: Die Texte der „LebensKlänge“ werden synchron gesprochen, Texte rhythmisch in Szene gesetzt. Vertrauen, sagt Jörg-Harald Werron, sei dabei ein „großes Thema“: „Theater hat immer auch mit der eigenen Person zu tun. Es braucht Mut, sich fallenzulassen.“ Laienschauspielerin Sieglinde Hahn-Niederhöfer (74) bekräftigt das: „Nur, weil wir uns so gut verstehen, trauen wir uns, uns so zu zeigen, wie wir sind.“ Die pensionierte Lehrerin für Religion und Chemie hat es nicht bereut, vor fünf Jahren zu den „GrauTönen“ gestoßen zu sein. „Ich habe schon immer gerne beim Schultheater mitgemacht“, erzählt sie, und im Ruhestand habe sie ja nun genug Zeit für ihr Hobby.

Bei den „GrauTönen“ gelernt, aus sich rauszugehen

Die Jüngste im Bunde ist Sonja Waldschmidt (63). Der Chorsängerin waren Auftritte vor Publikum eher unangenehm. „Doch bei den ,GrauTönen’ habe ich gelernt, aus mir rauszugehen, mich zu zeigen“, sagt sie. „Ich fühle mich hier wohl.“ Seit der Gründung der „GrauTöne“ dabei ist die älteste Laienschauspielerin, Maria Hülsmann (82). Die „LebensKlänge“ sind bereits das sechste Stück, bei dem sie mitmacht. „Ich freue mich darüber, dass ich auch in meinem Alter immer noch etwas lernen kann“, meint sie schmunzelnd.

Altenseelsorger Hermann Bernhard, der die „GrauTöne“ ins Rollen brachte, hätte noch jede Menge weitere Ideen, der Theatergruppe weitere Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen. Zum Beispiel in Altenheimen. Sieglinde Hahn-Niederhöfer würde das freuen: „ Ob da zwei, 20 oder 200 Zuschauer sitzen, ist egal. Die Aufregung ist dieselbe. Wichtig für uns Schauspieler ist, dass wir ein Stück aufführen können, und das andere das Stück auch sehen wollen.“

Die „LebensKlänge“ wurden unter anderem bereits im Wetzlarer Gertrudishaus und im Dom aufgeführt. Und vielleicht ja nächstes Jahr vor einem ganz großen Publikum in Münster.
Neue Mitglieder sind bei den „GrauTönen“ willkommen. Kontakt: Hermann Bernhard, Telefon 06441/ 4 47 79 - 12, E-Mail: kbb.wetzlar@bistumlimburg.de

 

Meinung: Alte sind vielfältig

Bernhard Perrefort Foto: privat
Redakteur Bernhard Perrefort

„Senioren und Seniorinnen“ oder auch „Alte“ sind Begriffe, die viel zu oft negativ besetzt sind. Sogar ein „Seniorenteller“ – immer noch auf Speisekarten – kann da einen schalen Beigeschmack erhalten. Selbstverständlich gibt es die kranken, immobilen älteren Menschen, die auf Unterstützung durch andere angewiesen sind. Aber es gibt eben auch die fitten und unternehmungsfreudigen Frauen und Männer, die ein nachmittägliches Kaffeekränzchen nicht zufriedenstellt. „Junge Alte“ (young olds), nannte mir gegenüber schon in den 1980-er Jahre nicht nur die damalige Bundesministerin Ursula Lehr, eine anerkannte Altersforscherin, diese Gruppe alter Menschen, die studieren, Marathon laufen, junge Menschen beim Berufseinstieg unterstützen, als Entwicklungshelfer in aller Welt tätig sind oder verantwortlich für komplexe Neubauten in Pfarrgemeinden auftreten. Ein immenser Erfahrungsschatz, der nicht verloren gehen darf und fürs eigene Ego immer gut ist. Es gibt sie nicht – die eine Gruppe der Alten. Entsprechend müssen allerorten viele Angebote für Alte entwickelt werden.