14.06.2017

Freiwillige aus Kamerun lebt ein Jahr bei Gastfamilie in Eltville

Gut organisiert

Susanne Marx-Herrlein hatte sich alles etwas schwieriger vorgestellt. Doch nun sind sie und ihr Mann froh, sich so entschieden zu haben: Für ein Jahr haben sie Christa-Marie Ringnyu aus Kamerun in ihre Familie aufgenommen. Von Christa Kaddar.

Cornelia Schindler (links), Referentin für Freiwilligendienste im Bistum Limburg, und Gastgeberin Susanne Marx-Herrlein freuen sich mit Christa-Marie Ringnyu aus Kumbo „über eine gute Zeit in Eltville“.| Foto: Christa Kaddar
Cornelia Schindler (links), Referentin für Freiwilligendienste im Bistum Limburg, und Gastgeberin Susanne Marx-Herrlein freuen sich mit Christa-Marie Ringnyu aus Kumbo „über eine gute Zeit in Eltville“.| Foto: Christa Kaddar

Christa Marie Ringnyu ist eine von vielen jungen Frauen und Männern, die die Fachstelle für Freiwilligendienste im Bistum Limburg aus den Partnerdiözesen jedes Jahr vermittelt.
Mit ihrer offenen, fröhlichen Art hat sie in Eltville schon viele Herzen gewonnen – in ihrer Gastfamilie und im Kindergarten St. Peter und Paul, wo sie seit Dezember vergangenen Jahres arbeitet, sowieso. Aber auch in der Gemeinde St. Peter und Paul, bei den Pfadfindern und im Kirchenchor wurde sie mit offenen Armen aufgenommen.

Mit Verwandten und Freunden ihrer Gastfamilie geht die 21-Jährige regelmäßig zum Lauftreff. Von ihnen hat sie Schwimmen gelernt, und jetzt lernt sie auch noch Radfahren. „In meiner Heimatstadt gibt es kein Schwimmbad, und Radfahren ist dort nur für Männer und Jungen“, erklärt Christa Marie. Und freut sich darüber, das alles nachholen zu dürfen.

Nach der Arbeit steht Deutsch lernen auf dem Programm

Am Anfang sei sie „sehr kaputt“ gewesen nach der Arbeit im Kindergarten, dem Deutsch lernen und den stetig zunehmenden Freizeitaktivitäten, räumt sie ein. Doch inzwischen hat die junge Kamerunerin sich an die Arbeitsabläufe gewöhnt und genießt ihre ausgefüllte Freizeit. „Es freut mich, dass in Eltville so viel geht“, sagt Cornelia Schindler, die als Referentin der Fachstelle für Freiwilligendienste die jungen Leute aus den Partnerdiözesen und ihre Gastfamilien betreut.

„Ich mag Deutschland, weil alles so gut organisiert ist und die Menschen so hart arbeiten“, sagt Christa Marie. „Ich habe schon so viel gelernt in dieser Zeit.“ Die 21-Jährige lebt bei Familie Herrlein, und im Gespräch mit Susanne Marx-Herrlein und Cornelia Schindler erzählt sie in fließendem Deutsch von ihren Erfahrungen. Sie macht nur noch wenig Fehler, beurteilt aber selbst ihre Sprachkenntnisse kritisch. Nicht nur der Deutschunterricht, auch die Kinder im Kindergarten haben schnell zur Verbesserung ihrer Sprachkenntnisse beigetragen.

Susanne Marx-Herrlein hatte sich eigentlich alles etwas schwieriger vorgestellt. „Christa Marie findet durch ihre offene und freundliche Art schnell Kontakt, und durch die vielen Aktivitäten bleibt nicht so viel an uns hängen“, sagt die Gastmutter. „Bisher war noch nicht einmal Zeit für einen geplanten Ausflug auf den Niederwald oder zur russisch-orthodoxen Kirche in Wiesbaden.“

Susanne Marx-Herrlein und ihr Mann sind froh, dass sie sich dafür entschieden haben, eine Freiwillige aus Kamerun aufzunehmen. Im vergangenen Jahr lasen sie in ihrem Pfarrbrief, dass Gastfamilien gesucht werden. Die eigenen beiden Kinder sind inzwischen aus dem Haus.

„Unsere Tochter war 2011/12 auch über den Freiwilligendienst ein Jahr in Sambia. Das war eine sehr nachhaltige Erfahrung und es war für sie auch sehr wichtig, dass sie in einer guten Familie untergebracht war“, nennt Marx-Herrlein als einen Beweggrund für die Entscheidung. „Es ist sehr bereichernd, durch eine Freiwillige eine andere Kultur zu erleben und über den Horizont zu schauen. Christa Marie bringt viel Fröhlichkeit, Schwung und Lebendigkeit mit, und sie lebt ihre Religiosität sehr intensiv.“

Sie machte ihren Gastgebern klar, dass Palmsonntag ein ganz besonderer Feiertag ist und wählte ihr feinstes afrikanisches Gewand für den Gottesdienstbesuch aus. In der Fastenzeit hat sie sogar vor der Gemeinde auf Deutsch aus der Bibel gelesen und das Vaterunser in ihrer Muttersprache – in Limbum – gesungen.

Die verhaltene Art, in Deutschland Gottesdienst zu feiern, wirkte am Anfang langweilig auf Christa Marie. „Aber seitdem ich mehr Deutsch verstehe, ist es besser geworden“, sagt die junge Afrikanerin, die in Kamerun bereits eine einjährige Ausbildung zur Kinderbetreuerin gemacht und schon zwei Jahre in einem Kindergarten gearbeitet hat. Wenn sie nach Kamerun zurückkehrt, will sie Krankenschwester werden.

 

Zur Sache: Gastfamilie gesucht

Die Fachstelle Freiwilligendienste im Bistum Limburg sucht für Freiwillige aus Kamerun und Bosnien-Herzegowina Gastfamilien. Sie sollten bereit sein, eine/n Freiwillige/n für mindestens sechs Monate aufzunehmen. Mindestens ein Familienmitglied sollte Englischkenntnisse haben. Ein eigenes Zimmer sollte zur Verfügung stehen. Gastfamilien und Freiwillige werden von der Fachstelle Freiwilligendienste im Bistum Limburg begleitet und unterstützt.
Informationen: www.soziale-dienste.net, Telefon 06433/ 8 87 60

 

Meinung: Eine Chance bieten

Heike Kaiser
Heike Kaiser Foto: privat

Es gibt viele gute Gründe dafür, Gastfamilie für eine/n Freiwillige/n zu werden – unter anderem den, zu Hause eine neue Kultur kennenzulernen. Daraus können internationale Freundschaften entstehen, und das eigene Familienleben wird bereichert. Ein Unterhaltungsprogramm wird nicht erwartet, wichtiger sind eine herzliche und gastfreundliche Aufnahme und die Integration in die Gastfamilie.
Doch was tun, wenn die Chemie nicht stimmt, wenn es Probleme gibt mit einem, einer „Fremden“ im Haus aus einer anderen Kultur? Die müssen nicht allein gelöst werden. Die Fachstelle Freiwilligendienste im Bistum Limburg begleitet und unterstützt Familien sowie Freiwillige von Anfang an – und nicht nur, wenn es „brennt“. Und: Die Gastfamilien sind untereinander vernetzt.
Wahrscheinlicher aber ist die Erfahrung, die Susanne Marx-Herrlein und ihr Mann gemacht haben: Es ist gar nicht so schwierig, einem jungen Menschen eine einmalige Chance zu bieten.