20.09.2017

Bäuerin aus Ebersburg-Ried bei Fulda über Ernte und Dankbarkeit

Ihr geht’s um mehr als um Doppelzentner

Anfang August war die Ernte drin: Gerste und Weizen für die rund 1500 Schweine, Raps, der zur Ölmühle geht. Extrem früh alles dieses Jahr und schnell im Vergleich zu früher. Für Bäuerin Brigitte Baumgarten aus Ebersburg-Ried gehört es zum Erntedank, „wenn alles gnädig abgelaufen ist“ – sie kennt das auch anders. Für sie geht die Ernte noch weiter, im Garten. Ansichten einer Bäuerin zu Ernte und Dankbarkeit. Von Ruth Lehnen.

Brigitte Baumgarten trägt eine Kette um den Hals mit einer silbernen Biene. Die hat ihr gefallen, die hat sie sich selbst gekauft. Die Biene passt zu ihr, denn ohne Bienen keine Ernte, und auch der Fleiß der Bienen passt gut zu der Bäuerin aus Ebersburg-Ried bei Fulda. Zudem ist die Biene eins der Logos des Landfrauenvereins, dessen Vorsitzende im Bezirk Fulda die 63-Jährige ist.

Reiche Ernte: Rotkraut, Bohnen und 120 Gläser Marmelade

Die Zucchini ist beim Ernten abgebrochen. Brigitte Baumgarten hält sie in die Kamera Foto: Ruth Lehnen
Die Zucchini ist beim Ernten abgebrochen. Aber sie soll ja schmecken und muss nicht bildschön sein. Brigitte Baumgarten erntet auch Kürbis, Wirsing, Blumenkohl, Salat und noch viel mehr im eigenen Garten. Foto: Ruth Lehnen
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Die Wolken am Himmel haben sich zusammengezogen und sind dick und duster geworden. Schnell hinaus in den Garten! Brigitte Baumgarten ist ein Blumen- und Pflanzenfan. Die Gartenarbeit ist ihr Fitnessstudio, und nicht nur Muskeln hat sie davon, sondern Salat und Wirsing, Kürbisse und Zucchini, Tomaten und ein paar letzte Himbeeren. Nur Radieschen sind weit und breit nicht zu sehen: „Dieses Jahr ist kein Radieschenjahr.“ Die Erdflöhe haben den Radieschen den Garaus gemacht.

Der Garten ist schön, und die Blumen sind fast noch schöner, Rosen, Malven, Dahlien. Die sind nur da, um das Herz zu erfreuen, alles andere macht Arbeit. Brigitte Baumgarten betreibt noch eine klassische Vorratshaltung, rote Beete weckt sie ein und Rotkraut, Bohnen und Kohlrabi wandern in die Tiefkühltruhe, Stachelbeeren ins Glas. Vergangenes Jahr hat sie 120 Gläser Marmelade eingekocht, auch Säfte für Schorlen bereitet sie aus Rhabarber und Holunder zu, und Liköre zum Verschenken.

Wenn hier auf dem Ritzelshof von Ernte die Rede ist, ist aber nicht der Garten gemeint, sondern das Feld. Mehr als 100 Hektar „gehen durch den Mähdrescher“, wie Brigittes Mann Josef Baumgarten berichtet. Er ist immer noch fasziniert, dass die Arbeit jetzt, wenn das Wetter mitspielt, in sechs bis sieben Tagen zu schaffen ist, früher dauerte das bis zu sechs Wochen. Von Gerste und Weizen, jetzt sicher untergebracht in den Silos, leben die Mastschweine, und vom Verkauf der Mastschweine leben Josef, Brigitte und ihr Sohn Andreas, der den Betrieb seit 2009 führt.

Die Ernte ist drin, und was ist mit dem Dank? Andreas Baumgarten, in fünfter Generation Bauer auf dem Ritzelshof, sagt: „Erntedank ist für mich ein einigermaßen gutes Ergebnis, wenn alles gut über die Bühne gegangen ist, alles unter Dach ist, kein Unwetter und kein Unheil sich ereignet hat.“

Die Baumgartens kennen das Unheil, Bruder und Sohn Christoph starb bei einem Unglück bei Erntearbeiten. Brigitte Baumgarten wird deshalb die Ernte nie mehr nur in Doppelzentnern messen, sondern immer danach bewerten, „ob alles gnädig abgelaufen ist“.

Und das kann man für dieses Jahr sagen. Obwohl die Weizen-ernte nicht besonders gut war. Mit den Bauern, die auf Obst spezialisiert sind, hat die Bäuerin Mitleid, der Kälteeinbruch im Frühjahr hat ihnen schwer geschadet: „Das ist schon heftig, wer keine Rücklagen hat, für den ist es bitter.“ Eine Apfelschwemme wird es nicht geben, und „die Zwetschgen teilen wir uns mit dem Wurm“. Weil es keine Wildkirschen gab, haben sich auch die Vögel im Garten bedient, aber Brigitte Baumgarten nimmt das gelassen hin: „Wir leiden keinen Mangel, wir haben keinen Hunger.“
Und das ist für sie der wichtigste Grund für Dankbarkeit. Damit verschwindet Brigitte Baumgarten in der Küche und tischt auf: Gulasch mit Spätzle, dazu Gurkensalat, zum Nachtisch Tiramisu. Vor dem Essen wird gebetet: „Das machen wir hier so!“, sagt Josef Baumgarten.

Erntedank ist mehr, als wenn Früchte und Rüben am Altar liegen

Frauen aus Flieden, die zum Bezirksverein Fulda der Hessischen Landfrauen gehören, haben dieses Jahr die Erntekrone gestaltet: Das Schmuckstück aus verschiedenen Getreiden wird am 15. Oktober im Fuldaer Dom zu sehen sein. | Foto: Thorsten Kress
Frauen aus Flieden, die zum Bezirksverein Fulda der Hessischen Landfrauen gehören, haben dieses Jahr die Erntekrone gestaltet: Das Schmuckstück aus verschiedenen Getreiden wird am 15. Oktober im Fuldaer Dom zu sehen sein. Foto: Thorsten Kress

Beim Essen lässt Sohn Andreas durchblicken, was ihm nicht passt, das negative Image „konventionell wirtschaftender Betriebe“ zum Beispiel. Er betont, dass auch ihm das Tierwohl am Herzen liege, aber da die Verbraucher so wenig für Schweinefleisch zahlen wollen, sind ihm die Hände gebunden, was zum Beispiel den Freilauf angeht. In den Schweinestall kommt ihm keiner rein, nur sein Vater und er sehen nach den Tieren. Beim Hof gehe es um Leistung und Ertrag, die Schreibtischarbeit ist immer wichtiger geworden. Und für ihn ist nach der Ernte vor der Ernte, nur im November lässt die Arbeitsbelastung etwas nach.

Seine Mutter mit 63 und sein Vater mit 73 arbeiten mit, nicht mehr 16 bis 18 Stunden am Tag in der „Werkstatt unter freiem Himmel“, aber doch so viel, dass mancher Städter passen würde.
Brigitte Baumgarten kennt den klassischen Erntedank, wenn „Früchte und Runkeln“ an den Altären liegen und die Kindergartenkinder kommen und staunen. Oft genug hat sie eine Erntekrone gebunden, eine überdimensionale Krone aus Getreide, ein Symbol der Fruchtbarkeit und der Dankbarkeit. Brigitte Baumgarten wird auch in diesem Jahr dabei sein, wenn das Landeserntedankfest des Hessischen Bauernverbands am 15. Oktober im Fuldaer Dom gefeiert wird (siehe „Tipp“).

Zu den Themen Ernte und Dank hat sie sich schon viele Gedanken gemacht. Jesus sagt ja, dass man sich die Vögel zum Vorbild nehmen soll, die nicht säen und doch ernten. Aber sie weiß, dass Bauern vom Nichtstun nicht leben können und immer etwas leisten müssen. Dankbar ist sie, dass sie in der freien Natur arbeiten darf, dankbar, dass sie, was im Garten nicht gedeiht, im Supermarkt kaufen kann: „Wir sind ja auch Verbraucher!“ Sie ist dankbar für das Trinkwasser, für die Quellen, die der Ritzelshof sein eigen nennt, dankbar für Wohlstand, und dankbar, dass sie tätig sein kann und „relativ gesund ist“. Sie ist dankbar für ihre Eltern, und die Lehrer und Ausbilder, alles Frauen, die sie gefördert haben. Sie ist dankbar für ihre Kinder, für die beiden Töchter Beate und Eva-Maria, und stolz auf sie und die Enkel.

Der Tod ihres Sohnes prägt sie und hat sie nachdenklicher gemacht. Das Schlimmste hat sie nur nur mit Hilfe der Enkel überwunden, die nicht sagen sollten „Die Oma jammert nur.“ Aber sie hadert nicht oft mit Gott, sondern es ist umgekehrt, ihr Glaube hat ihr durch diese schwerste Zeit ihres Lebens geholfen. Ihr Lieblingslied, verrät sie, ist im Gotteslob die Nummer 216, „Im Frieden dein“. Da ist Gott der große Gastgeber: „Mir armem Gast bereitet hast das reiche Mahl der Gnaden. Das Lebensbrot stillt Hungers Not, heilt meiner Seele Schaden.“
Ist sie ein dankbarer Mensch? Da lacht Brigitte Baumgarten und sagt: „Nicht immer.“

 

Hier geht es zu einer Bildergalerie mit weiteren Fotos zu Brigitte Baumgarten, ihrem Hof und ihrem Garten.

 

Tipp: Erntedank feiern

Der Hessische Bauernverband lädt zum Landeserntedankfest am 15. Oktober in Fulda ein. Der ökumenische Gottesdienst mit Weihbischof Karlheinz Diez und Propst Bernd Böttner von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck beginnt um 14 Uhr im Fuldaer Dom.
Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd feiert Erntedank am 1. Oktober um 10.30 Uhr in der evangelischen Kirche von Wallhalben.
Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau feiert Erntedank am 30. September in Koblenz, um 16 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Basilika St. Kastor. (sas)