21.09.2016

„Kulturimkerei“ verbindet Menschen in der Pfarrgemeinde Gau-Algesheim

Im Kirchturm ist ein Bienenhaus

Die Vormittagssonne taucht die Kirche St. Cosmas und Damian in Gau-Algesheim in angenehmes Licht. Summende Pünktchen tummeln sich um ein Dachfenster im Turm. Ein paar der knapp 50 000 Honigbienen, die seit Februar dort zuhause sind. Jugendliche aus Gau-Algesheim und junge Flüchtlinge betreuen sie. Von Christian Burger.

Lehrer Dennis Feser am Bienenstock                Foto: Christian Burger
Dennis Feser leitet das Projekt „Kulturimkerei auf St. Cosmas und Damian“. Foto: Christian Burger

„Es ist pure Neugier, die mich als Lehrer und Künstler antreibt“, erklärt Dennis Feser, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Karin Then das Projekt leitet. Seit Sommer 2015 gibt es in der Nähe der Kirche eine Wohngruppe für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge, und Feser war es wichtig, Kommunikation zwischen ihnen und Einheimischen zu ermöglichen. Die Suche nach der Grenze zwischen Natur und Kultur leitet den Lehrer, der 2015 den Verein „Schwarmkultur“ gründete. An dieser Stelle haben Bienen, wie er sagt, eine Schnittstellenfunktion: Sie verbinden die Menschen mit ihrer Umwelt und haben als Nahrungs- und Nutzquelle entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung einer Kultur. So waren etwa Bienenwachskerzen lange eine wichtige Lichtquelle. „Mit unserem Projekt wollen wir Menschen für andere Kulturen sensibilisieren, auf der Grundlage von biologischen Prozessen bei Insekten“, erklärt Feser. „Bienen sind Netzwerker, genau wie Künstler.“

Neue Leidenschaften entdecken und entwickeln

Immer donnerstags treffen sich die Jugendlichen. Sie kommen aus Gau-Algesheim, Afghanistan, Eritrea, Syrien und dem Sudan. Bei den Treffen geht es nicht nur um die Bienen, sondern auch darum, einen Wissensfundus für Interessierte zu erarbeiten. Deshalb üben nur einige Jugendliche Imkertätigkeiten aus. Sie füttern die Bienen oder suchen und finden die Königin, während andere die Arbeit mit Kameras dokumentieren. Jedes neue Treffen beginnt mit einer kleinen Präsentation der entstandenen Fotos. Durch die Möglichkeit, verschiedene Tätigkeiten auszuprobieren, haben einige Jugendliche neue Interessen entdeckt und können diese auch ausdrücken.

Die Projekt-Verantwortlichen sprechen gezielt Menschen oder Institutionen an. Damit wollen sie „Jugendlichen, die gerade noch einen Umweg gehen“, einen Zugang zum Projekt ermöglichen, erläutert Feser. Vor allem für unruhige Kinder könne es Stress abbauend wirken, mit Bienen zu arbeiten. Sie könnten Verantwortung übernehmen und kurzzeitig traumatische Erinnerungen vergessen. Auch die Kindergartenkinder schauen immer wieder bei den Bienen vorbei und bestaunen sie im Schaukasten auf der Wiese hinter der Kirche.

„Unsere Bienen fliegen in den Gärten der Kinder“, erzählt Dennis Feser. Da sei es umso wichtiger, ihnen zu erklären, wie Spritzmittel richtig eingesetzt werden, um den Bienen nicht zu schaden, „und die vielen kleinen Augen passen auf, dass die Eltern sich daran halten“, ergänzt er schmunzelnd.
Durch einen spielerischen Umgang könnten Zusammenhänge zwischen Nahrungsmitteln, Klimawandel und auch Flucht thematisiert und erklärt werden. „Die Kinder sollen lernen, keine Angst vor Dingen zu haben, die sie noch nicht verstehen“, sagt Feser.

Warum gerade der Kirchturm als Lebensraum für die Bienen? „Wir wollten das Projekt an einem zentralen Ort anbieten, und das Dachfenster im Turm eignet sich aufgrund seiner Höhe und der Südausrichtung optimal für Bienen“, erklärt Feser. Außerdem  sei die Menschenliebe der Kirchenpatrone Cosmas und Damian immer wieder motivierend. „Sie haben als Ärzte schon vor langer Zeit Menschen zusammengebracht.“

„Wir müssen viel stärker zu den Menschen gehen“

Auch Gemeindepfarrer Henning Priesel war von dem Kultur-imkerei-Projekt sofort begeistert. „Wir müssen viel mehr zu den Menschen gehen und ihnen Möglichkeiten bieten, statt zu warten, bis sie erscheinen“, sagt er. Er wünscht sich, dass die „Kirchenorte“ durch die Bienen immer besser vernetzt werden. Und dazu gehören für ihn der Kindergarten ebenso wie die Grundschule und die Wohngruppe. „Und was kann man sich als Pfarrer mehr wünschen, als wenn alle Seiten voneinander profitieren“, freut er sich.

Bei dem Projekt finden sich für jeden Teilnehmer Anknüpfungspunkte zu den Themen Frieden, Schöpfung und Tradition. Auch das pure Abenteuer, auf den Kirchturm zu steigen, begeistert. „Eine Ganzkörpererfahrung“, sagt Dennis Feser. Er ist sich mit dem Pfarrer einig, dass die Idee Werbung verdient und ein Beispiel für andere Gemeinden sein kann. Auch die anfängliche Nervosität beim Gedanken, Bienen auf dem Kirchengelände zu halten, hat sich schnell verflüchtigt. Pfarrer Henning Priesel: „Ich warte noch heute darauf, von der ersten Biene belästigt zu werden.“