27.09.2017

Erste Diözesanverammlung im Bistum Mainz mit Bischof Kohlgraf

Fahrplan für eine Vision

Er will kein fertiges Konzept überstülpen. Bischof Peter Kohlgraf gab auf der Diözesanversammlung Impulse, um eine Vision für die Seelsorge im Bistum zu entwickeln. Der Weg dorthin soll ein gemeinsamer und ein geistlicher werden. Von Anja Weiffen.

Die Mitglieder der Diözesanversammlung diskutieren die Impulse von Bischof Kohlgraf. | Foto: Tobias Blum
Die Mitglieder der Diözesanversammlung diskutieren die Impulse von Bischof Kohlgraf. | Foto: Tobias Blum

Spannung liegt in der Luft. Es ist die erste Diözesanversammlung mit dem neuen Bischof Peter Kohlgraf im Erbacher Hof in Mainz. Was hat er uns zu sagen? Wie soll es im Bistum weitergehen? Fragen, die auf den Gesichtern vieler Teilnehmer abzulesen sind. Schon Kohlgrafs erste Worte sind kooperativ: „Wir können auf viel Gutem aufbauen, und jetzt werden wir sehen, wo unsere Ressourcen sind.“

Kirche, die nicht nur um ihren Selbsterhalt kreist

Dass das Bistum Mainz, wie andere Bistümer auch, nicht um neue Entwicklungen in der Seelsorge herumkommt, ist vielen klar. Weniger Katholiken, weniger Priester, kurz: eine kleiner werdende Kirche ist die Ausgangslage, auf die der Bischof mit einer gemeinsamen pastoralen Vision im Bistum Mainz antworten möchte. Der Weg zu dieser Vision soll vor allem ein geistlicher Weg sein. „Irgendwann geht es auch um Strukturen“, sagt Kohlgraf, aber zuerst stehe das Hinterfragen der eigenen Perspektive an.

Seinem Referat stellt der Bischof einen geistlichen Impuls voran. Darin erläutert er das Sinnbild „Fluss“, das Teil seines Wappens ist. Im Buch Ezechiel, Kapitel 47,1-13, wird erzählt, wie Wasser unter der Tempelschwelle hervorströmt, das schließlich zu einem Fluss wird. In dem Fluss leben viele Fische, an dessen Ufern wachsen alle Arten von Obstbäumen. „Der Tempel ist kein Selbstzweck. Das Wasser, das aus ihm fließt, will Leben schenken über alle Grenzen hinweg“, interpretiert Kohlgraf diese Passage.

Für eine Kirche, die nicht nur um ihren Selbsterhalt kreist und die sich fragt, was Menschen wirklich brauchen, wirbt Kohlgraf in seinem Referat. Geistliche Leitfigur auf dem Weg zu einer neuen pastoralen Vision könnte dabei der Bistumspatron Martin von Tours sein (siehe „Zur Sache“). „Martin steht für eine Kirche, die das Interesse am einzelnen Menschen nicht verliert.“

Bischof Kohlgraf Foto: Tobias Blum
„Wir können auf viel Gutem aufbauen“, sagte
Bischof Kohlgraf gleich zu Anfang
der Sitzung. | Foto: Tobias Blum

Startpunkt der Visionssuche ist eine ehrliche Bestandsaufnahme in den Dekanaten und Pfarrgemeinden. Wo lassen sich geistliche Aufbrüche wahrnehmen? Wie können sie gestärkt werden? Wo läuft es nur noch routiniert? Wo entstehen neue Orte, wo Menschen ihren Glauben leben? Können wir akzeptieren, dass solche neuen Orte entstehen? Konsequentes Fragen und Auswerten sind für den Bischof wichtige Elemente, um an der Vision – nicht er allein sondern zusammen mit den Versammelten – zu arbeiten. „Sie sind genauso kompetent für Ihre Felder, um Ideen einzubringen“, sagt er seinem Publikum. Er ermutigt dazu, offen auch das zu benennen, was nicht läuft. „Wenn Dinge nicht funktionieren, ist das kein Eingeständnis des Versagens. Sie müssen uns keine heile Welt vorspielen.“ Auch brauche es Mut, „sich von dürren Ästen zu trennen“. Es gehe nicht um Bewahrung um jeden Preis. Die gemeinsame Vision müsse in eine Verbindlichkeit führen. Umzusetzen sei sie jedoch regional unterschiedlich, sie sei kein Einheitskonzept.

Kohlgrafs Referat stößt bei seinen Zuhöreren auf viel Zustimmung, aber auch Fragen und Bedenken werden geäußert. Vor allem Priester melden sich zu Wort. Pfarrer Thomas Meurer, Dekan des Dekanats Bergstraße-Mitte, verspürt bei aller Begeisterung für einen Perspektivenwechsel auch „Bauchgrummeln“. Gerade im Hinblick auf einen möglichen Bedeutungsverlust von Pfarreistrukturen rechnet er mit Trauerprozessen in den Gemeinden.

Besuch aller Dekanate im ersten Halbjahr 2018

Für die weitere Arbeit an der Visionsentwicklung kündigt Bischof Kohlgraf an, dass eine diözesane Steuerungsgruppe zusammengestellt werden soll, in der möglichst viele Sichtweisen vertreten sind. Zudem will er alle 20 Dekanate des Bistums im ersten Halbjahr 2018 besuchen.

 

Zur Sache: Leitfigur

Bischof Kohlgraf sieht den Bistumspatron Martin von Tours als eine Leitfigur für den geistlichen Weg im Bistum. „Martin war eine vielschichtige Persönlichkeit. Wo er hinkam wurde Leben möglich.“ Kohlgraf wies darauf hin, dass Martin bei der Mantelteilung nicht Bischof war, sondern Taufschüler. „Martin war jemand, der überall mit Christus rechnete.“ Er stehe für eine dienende Kirche, die auch auf den Straßen zu Hause ist. Ein Anstoß, sich mit dem Heiligen zu beschäftigen, war für Kohlgraf das 2016 erschienene Buch „Martin von Tours – Leitfigur für ein humanes Europa und die Zukunft des Christentums in Europa“. (wei)