06.09.2017

100 Jahre Caritas im Bistum Mainz

Kreuzfahrt mit der MS Caritas

100 Jahre lang gibt es die Caritas als Verband im Bistum. Vergangenen Sonntag feierte sie ihr Jubiläum mit einem Festakt. Fügung, dass Peter Kohlgraf eine Woche zuvor zum Bischof geweiht wurde. Und er der Caritas zugetan ist. Von Anja Weiffen.

Sie sprachen auf dem Podium über „Caritas – Morgen“ und den demografischen Wandel (von links): der hessische Sozialminister Stefan Grüttner, Bischof Peter Kohlgraf, Moderatorin Doro Plutte, Diözesancaritasdirektor Thomas Domnik, Stefanie Rhein, Caritasdirektorin Darmstadt, und Vincent Ritter von young caritas.
Sie sprachen auf dem Podium über „Caritas – Morgen“ und den demografischen Wandel (von links): der hessische Sozialminister Stefan Grüttner, Bischof Peter Kohlgraf, Moderatorin Doro Plutte, Diözesancaritasdirektor Thomas Domnik, Stefanie Rhein, Caritasdirektorin Darmstadt, und Vincent Ritter von young caritas.

„Promis“ aus Kirche und Politik sollten anwesend sein. Der Festakt am vergangenen Sonntag in Mainz stand schon Anfang des Jahres fest. Dass auch ein ganz besonderer Prominenter dabei sein würde, und zwar der neue Bischof von Mainz, darüber konnten viele Anfang des Jahres zwar spekulieren. Dass der Neue bereits ein Pilotprojekt der Sozialpastoral im Bistum theologisch betreut, ahnte niemand.

Spontaner Beifall für Kohlgrafs Predigt

Beim Gottesdienst im Mainzer Dom stellt Bischof Kohlgraf seine Position zur Caritas vor und betonte die zentrale Bedeutung von Nächstenliebe und Diakonie im christlichen Glauben (siehe „Zur Sache“). Seine Predigt kommt bei den geladenen Gästen und den Mitfeiernden im Mainzer Dom so gut an, dass sie spontan applaudieren.

Im Gottesdienst und beim anschließenden Programm im Erbacher Hof haben weitere „Promis“ das Wort, die in ihrer Arbeit und in ihrem Engagement sonst weniger im Rampenlicht stehen: Ehren- und Hauptamtliche im caritativen Dienst. „Das christliche Menschenbild ist Grundlage und Maßstab unseres Handelns“, sagt etwa Marita Averbeck, Heimleiterin des Altenzentrums St. Rochus in Dieburg. Hiltrud Roth, ehrenamtlich tätig, und Gründerin der Lebensmittelausgabe „Oase“ in Obertshausen, betont: „Wir brauchen den dreifaltigen Gott als unseren Beistand.“

Nach Gottesdienst und Sektempfang lädt ein langes Tuten die Gäste in den Ketteler-Saal des Erbacher Hofs. Die Caritas-Revue – der Rückblick auf 100 Jahre Verbandsarbeit der Caritas im Bistum – beginnt.

Die „Theatergruppe um Krüger-Blum/Liewald“ zaubert die Gäste urplötzlich auf ein Kreuzfahrtschiff namens MS Caritas. Der Kapitän am Klavier und seine drei Matrosen nehmen sie mit auf eine Zeitreise. Mitten im Ersten Weltkrieg wurde der Diözesancaritasverband Mainz gegründet. Sirenengeheul untermalt die schauspielerische Darstellung zu Beginn, und mit diesem Ton ist das gesamte Elend, die Angst und Not der Kriegszeit im Saal präsent.

Eine Theatergruppe nimmt die Geburtstagsgäste mit auf Zeitreise. | Fotos: Maria Weißenberger
Eine Theatergruppe nimmt die Geburtstagsgäste mit auf Zeitreise. | Fotos: Maria Weißenberger

Zu jedem Zeitabschnitt „Gestern – Heute – Morgen“ gibt es auf dem Podium eine Talkrunde. Kardinal Karl Lehmann spricht zu „Caritas – Gestern“. Er weist darauf hin, dass es früher vor allem um die materielle Not ging. „Die Caritas war gemeindeorientiert und auf die Ordensgemeinschaften angewiesen. Anfang des 20. Jahrhunderts stammten 60 Prozent der Caritasmitarbeiter aus Orden, Ende des 20. Jahrhunderts nur noch vier Prozent.“

Dreyer: „Eine Säule unseres Sozialstaats“

Auch heute gibt es matierelle Not. Sie betreffe jedoch vor allem Alleinerziehende und Familien mit vielen Kindern, sagt die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, die sich zu „Caritas – Heute“ äußert. Die Caritas im Bistum sei für die Politik ein wichtiger und verlässlicher Partner. „Es ist wichtig, dass Caritas den Finger in die Wunde legt.“ Sie würdigt die Caritas als Träger sozialer Dienstleistungen, der „zu einer Säule unseres Sozialstaats geworden ist“. Für die Zukunft freut sie sich auf eine „weiterhin gute Zusammenarbeit“.

 

Zur Sache: Mache die Erde zum Himmel!

Seit es christliche Gemeinden gibt, gibt es Caritas: In seiner Predigt erinnerte Bischof Peter Kohlgraf daran, dass die ersten Christen die Sorge um die Armen nicht der zufälligen Barmherzigkeit Einzelner überließen, sondern früh feste Einrichtungen gründeten. Neu für die damalige Gesellschaft war, dass ihre Sorge nicht nur Angehörigen und Freunden galt, sondern allen Armen und Kranken, Gescheiterten und Fremden. Ein Glaube, der dermaßen bewegt, überzeugte.

Kohlgraf bezog sich unter anderem auf eine Predigt des Theologen Johannes Chrysostomus (344 bis 407), der erzählt, wie drei Männer wegen ihres Glaubens im Feuerofen verbrannt werden sollen. Ein Engel steigt zu ihnen herab und kühlt sie, sie werden gerettet. „Hilfe gibt es nur, wo ich in das Feuer der Armut steige“, sagte Kohlgraf. 100 Jahre Caritas im Bistum, das bedeute: Wir sind Kirche, politischer Einsatz, Stimme und Anwältin der Armen. „Viele steigen zu den Armen ins Feuer“, würdigte der Bischof den Einsatz Tausender Ehren- und Hauptamtlicher. Und schloss seine Predigt wie einst Chrysostomus: „Ich, sagt Gott, habe Himmel und Erde erschaffen. Ich gebe auch dir Schöpferkraft. Mache die Erde zum Himmel: Du kannst es ja!“ (mw)

 

Meinung: Zeitzeichen

Anja Weiffen, Redakteurin
Anja Weiffen, Redakteurin

Gut gewählt, das Motiv der Revue: ein Kreuzfahrtschiff und seine Crew als Sinnbild für den Caritasverband. Menschen, die auf einem Schiff arbeiten, sind aufeinander angewiesen und müssen sich stets neuen Anforderungen stellen. Mal ist die See rau, mal glatt wie ein Teppich. War es Fügung oder Notwendigkeit, dass die Caritas sich gerade bei „rauer See“, während des Ersten Weltkriegs, gründete? Woher kam damals die Kraft, um – außer dem Lindern der größten Not – auch noch Strukturen auf die Beine zu stellen? Eine Interpretation: Als sich die Caritas vor 120 Jahren in Deutschland und vor 100 Jahren im Bistum verbandlich gründete, nahm sie die „Zeichen der Zeit“ wahr – fast wie eine Vorahnung. Nur gut organisiert war den Anforderungen beizukommen. Wie wären Weltkriege und Nachkriegszeit ohne strukturierte Hilfe abgelaufen? Ein Wunsch für die nächsten 100 Jahre Caritas: Mögen ihr Zeitzeichen immer bewusst sein.