10.01.2018

Lichtverschmutzung belastet Menschen und Tiere

„Gott will im Dunkeln wohnen“

In Großstädten ist der Sternenhimmel schon lange nicht mehr gut zu sehen. Auch auf dem Land gibt es immer weniger Orte mit gutem Blick auf die Milchstraße. Haben Sie schon einmal etwas von Lichtverschmutzung gehört? Sabine Frank aus Fulda koordiniert den Sternenpark im Biosphärenreservat Rhön. Sie kämpft gegen die zunehmende Ausleuchtung der Welt. Ein Gespräch mit der „Anwältin der Nacht“.

Sternenhimmel bei Nacht Foto: Adobe Stock
Wann haben Sie das letzte Mal in solch einen Sternenhimmel geschaut? Für viele ist der Blick in die Weiten des Alls eine überwältigende Erfahrung. | Foto: Adobe Stock

Frage: Künstliches Licht ist eine Errungenschaft der Menschheit. Was ist so problematisch daran?

Frank: Wenn es nachts nicht mehr richtig dunkel wird, schadet das Menschen, Tieren und Pflanzen. Zu helles Licht zur falschen Uhrzeit und noch im falschen Farbton bringt den Tag-Nacht-Rhythmus von Lebewesen durcheinander. Dieser Rhythmus ist einer der grundlegendsten des Lebens: Tag und Nacht wechseln einander ab, seit Urzeiten. Unsere Organismen sind daran angepasst.

Die Wissenschaft ist aktuell an dem Thema dran. Beispielsweise haben kürzlich zwei US-Wissenschaftler den Nobelpreis für Medizin verliehen bekommen. Sie haben zur inneren Uhr des Menschen geforscht.
Nicht nur den Menschen schädigt das künstliche Licht. Zum Beispiel sterben viele Insekten durch helle Lampen, wodurch wiederum viele Tiere, die sich von Insekten ernähren, weniger Nahrung zur Verfügung haben. Das ist Teil des dramatischen Insektensterbens. Sogar Pflanzen reagieren auf künstliches Licht. Vor einigen Jahren gab es einen Zwischenfall mit Kranichen in der Region. Vögel haben hinter ihrer Nasenwurzel einen Rezeptor zur Wahrnehmung der Erdmagnetfeldlinien. Starke künstliche Lichtquellen, die ihr Licht in den Himmel richten, überlagern die Feldlinien. Sie sind dann nicht mehr wahrnehmbar.. 1999 kam ein Schwarm Kraniche in der Region von seiner Route ab, die Tiere landeten hier in den Gärten, 13 Tiere starben dabei.

Sie sagen, dass die Kirchen mit die größten Lichtverschmutzer sind. Wie kommen Sie zu der Feststellung?

Die Rhön gilt als Region mit wenig Lichtverschmutzung. Daher ist gerade dort ein Phänomen wie Streulicht gut erkennbar wie hier der Ort Brüchs| Foto: A. Hänel
Die Rhön gilt als Region mit wenig Lichtverschmutzung. Daher ist gerade dort ein Phänomen wie Streulicht gut erkennbar wie hier der Ort Brüchs. Foto: A. Hänel

Früher war in den Dörfern die Kirche das einzige angestrahlte Gebäude. Man war stolz auf das Erscheinungsbild der Kirche und hat sie deshalb nachts beleuchtet. In den Städten waren es die Kirche und die Straßen, die beleuchtet wurden. Daher kann ich sagen, dass die Kirchen stark an der Problematik der Lichtverschmutzung beteiligt sind. Die Lampen zur Kirchenbeleuchtung wurden oder werden jedoch oft von den Kommunen bezahlt. Denn es geht ja um das nächtliche Erscheinungsbild eines Ortes, damit wollen sich Städte und Gemeinden profilieren.

Allerdings bekommen die Kirchen und Kommunen zunehmend Konkurrenz durch Privatleute oder Händler, die ihre Häuser oder Geschäfte beleuchten.
Inzwischen bin ich so weit, dass ich denke: Lieber eine sinnvoll gelenkte und maßvolle Kirchenbeleuchtung als ein Wildwuchs von Licht aus den verschiedensten Quellen. Grund für diese Zunahme der Lichtquellen ist, dass durch die neuen LED-Lampen Beleuchtung sehr günstig geworden ist.

LED-Leuchten sind energiesparender als die früheren Glühbirnen. Ist das nicht gut für die Umwelt?

Da LED-Leuchten nicht so viel Strom verbrauchen, wird Energie eingespart, das stimmt. Aber Licht wird dadurch insgesamt billiger. Deshalb werden mehr Lampen angeschafft und es wird doch wieder mehr Energie verbraucht und – das ist das Tragische – weit mehr Licht in die Welt gesetzt. Das verursacht in den Städten und Dörfern die zunehmende Lichtverschmutzung.

Zudem ist Licht aus LED-Lampen in der Regel weißer als das Licht der früheren Glühbirnen und hat höhere Leuchtdichten. Je weißer das Licht, je stärker der Kontrast zur Dunkelheit desto schädlicher ist es für unseren Tag-Nacht-Rhythmus.

Welche Lösungsansätze gibt es?

So ganz ohne Licht geht es ja nicht, zum Beispiel an Straßen und auf Gehwegen – auch auf kirchlichem Gelände.

Sabine Frank Foto: privat
Sabine Frank
Foto: privat

Zuerst muss man sich immer fragen: Brauche ich diese Beleuchtung wirklich? Wenn ja, dann ist es sinnvoll zu überlegen, wie das Licht gelenkt werden kann, damit es nicht so breit streut. Es gibt bereits Lampen in Kniehöhe und Lampen, die strahlen von oben nach unten, sodass kein unnötiges Licht in den Himmel abgegeben wird. Denn dort wird es oftmals von Wolken reflektiert, sodass über Orten wahre Lichtglocken entstehen. Das ist der Grund, warum wir immer seltener den Sternenhimmel sehen können.

Ein weiterer Punkt ist die Lichtmenge: Oft braucht es gar nicht so viel Helligkeit. Hier können Planer zum Beispiel den Untergrund eines Geländes mit bedenken. Helle Pflastersteine beispielsweise reflektieren viel mehr Licht als dunkler Asphalt.

Der dritte wichtige Parameter ist die Lichtfarbe. Je greller und weißer das Licht, desto schädlicher ist es. Künstliches Licht mit einem hohen Blauanteil ist ganz schlecht, weil Blau die Lichtfarbe ist, die am meisten streut. Deshalb sehen wir zum Beispiel den Himmel in der Farbe Blau. Am unschädlichsten für Lebewesen ist Orange. Licht-Experten nennen oranges Licht Amber-Licht, das ist die Farbe von Feuer. Diese Farbe hat die Sonne, bevor sie untergeht, es ist das letzte Licht des Tages. Anderes Licht als Amber-Licht sollten wir gar nicht nutzen im nächtlichen Außenbereich.

Gott hat uns die Gabe gegeben, auch bei Nacht sehen zu können. Wir nutzen diese Gabe nur nicht mehr. Im Auge gibt es sogenannte Zapfen und Stäbchen. Die Zapfen sind für das Sehen bei Tage zuständig, die Stäbchen für das Sehen bei Nacht. Wir brauchen oft gar nicht so viel Licht, wir können nachts sehen, Sterne und Mond geben genügend Licht ab. Und bei Vollmond erst recht. Nur manche Farben kann das menschliche Auge nachts nicht so gut unterscheiden, dafür erkennen wir Kontraste umso besser.

Die Linse des menschlichen Auges trübt sich ab 40 etwas ein. Und manche Menschen denken, sie wären dann nachtblind. Aber „nachtblind“ gibt es nicht. Wir werden nachts nur leichter geblendet, vor allem wenn das Licht von der Seite kommt und nicht von oben. Das ist für uns Lichtstress. Daher haben wir das Gefühl, nachts schlechter sehen zu können als tagsüber.

Wir haben also gar keinen Grund, so viel Licht zu verschwenden?

Licht ist eine Emission. Unsere künstlichen Lichtquellen senden sie aus, und diese Emissionen bleiben nicht ohne Folgen, sie verschmutzen, wie andere Emissionen auch, unseren Planeten.
Mit dem Licht verändern wir den Lebensraum vieler nachtaktiver Tiere. Wir stören damit alle tagaktiven Wesen bei ihrem Schlaf, den sie dringend zur Erholung brauchen. Der Mensch ist ein tagaktives Wesen, daraus resultiert wohl eine Art Unverständnis oder Ignoranz der Nacht gegenüber. Zu dieser Geringschätzung hat nicht nur die Leuchtmittelindustrie beigetragen, sondern auch der Lichtmythos, der das Licht einseitig verklärt. Heißt es nicht in einem Kirchenlied „Gott will im Dunkeln wohnen“? Papst Benedikt XVI. hat in der Ostervigil 2012 gesagt: „Wir können heute unsere Städte so grell erleuchten, dass die Sterne des Himmels nicht mehr sichtbar sind. Ist das nicht ein Bild für die Problematik unserer Aufgeklärtheit?“ Der Mensch schießt sich selbst die Sterne vom Himmel, indem er sie unsichtbar macht. Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn uns der Himmel auch im übertragenen Sinn so fern ist.

In Ihrer Arbeit im Sternenpark sprechen Sie auch mit Kirchenvertretern, um sie davon zu überzeugen, Gebäude weniger oder sinnvoller zu beleuchten. Wie kommt das bei Pfarrern an?

Es gibt einige positive Reaktionen, aber zu wenige. Es kommt auf das jeweilige Naturverständnis eines Pfarrers an. In einer Kirchengemeinde ist es am besten, über das Thema Licht zu reden, bevor eine neue Beleuchtung installiert wird. Eine bestehende Beleuchtung abzubauen oder zu verändern, ist meiner Erfahrung nach oftmals schwierig – aber nicht unmöglich.

Steckt die Kirche nicht in einem Dilemma, wenn Gotteshäuser durch Licht schön präsentiert werden sollen und die Kirche sich die „Bewahrung der Schöpfung“ auf die Fahnen schreibt?

Ja, das ist ein Dilemma. Aber man kann nicht den schwarzen Peter immer an andere weitergeben. Wir haben eine Verantwortung den nachfolgenden Generationen gegenüber. In der Summe gibt es einfach zu viel Licht. Irgendwer muss anfangen, damit bewusster umzugehen. In der Nähe von Kirchen stehen oft Bäume oder Büsche, das sind Lebensräume für viele Tierarten. Wenn dort Licht installiert wird, sollten sich die Verantwortlichen darüber klar sein, was sie tun. Eichhörnchen und Singvögel finden wir alle niedlich, aber wir leuchten mit unseren Lampen direkt in ihre Schlafzimmer. Und: Warum muss eine Kirche, die 400 Jahre nicht angestrahlt wurde, jetzt unbedingt erleuchtet werden? Ist es nicht viel schöner, in den Sternenhimmel zu schauen?
Wissen Sie, was mein schönster Weihnachtsbaum ist? Ich stelle mich nachts mit dem Rücken an einen Baum, schließe die Augen, lege den Kopf in den Nacken und öffne meine Augen wieder. Dann sehe ich die Sterne wie kleine Lichter auf den Ästen sitzen. Das ist für mich das wahre Licht.

Interview: Anja Weiffen

 

Zur Person: Gegen die Verschwendung

Sabine Frank ist in Tann in der Rhön aufgewachsen. Sie hat Sozial- und Kulturwissenschaften studiert. Die 46-Jährige arbeitet hauptamtlich für den Sternenpark im Biosphärenreservat Rhön und bietet dort unter anderem Sternenführungen an. Die Hobby-Astronomin und -Vogelkundlerin nennt sich „einzige offizielle Nachtschutzbeauftragte Deutschlands“. Der Grund für ihren besonderen Einsatz? „Ich war schon immer ein großer Naturfreund. Mich haben schon immer Überfluss und Verschwendung aufgeregt, vielleicht weil meine Mutter Schwäbin ist“, sagt Frank lachend.
www.sternenpark-rhoen.de

 

Zur Sache: Wie wirkt sich Lichtverschmutzung aus?

Licht gilt als Taktgeber unserer „inneren Uhr“. Alle Lebewesen haben sich dem Wechselspiel von Tag und Nacht angepasst – auch wir Menschen. Künstliches Licht ist aus unserem modernen Lebensalltag nicht mehr wegzudenken. Doch es hat Schattenseiten: Unser Körper kann das Schlaf- und Anti-Aging-Hormon Melatonin nur im Dunklen produzieren. Dieses Hormon ist von entscheidender Bedeutung für die nächtliche Erholung des Körpers und die Stärkung des Immunsystems. Künstliches Licht am Abend oder nachts kann die Melatonin-Ausschüttung drosseln. Licht mit hohem Blauanteil wirkt sich besonders negativ aus. Zudem kann unser natürlicher Tag-Nacht-Rhythmus aus dem Takt geraten, was zu Schlafstörungen führt.

Vor allem die nachtaktive Tier- und Pflanzenwelt leidet unter künstlichem Licht. Nachtaktive Insekten, die aus ihrem Naturraum gelockt wurden, verenden an hellen Lichtquellen. Folglich fehlen sie als Glied der Nahrungskette für Fledermäuse, Igel und weitere Tiere sowie als Bestäuber nacht- und dämmerungsaktiver Pflanzen wie Linde und Holunder. Zugvögel fliegen meist in der Nacht und sind geringe Lichtintensitäten gewöhnt. Starke Lichtemissionen können sie von ihrer Route ablenken. Auch die Lebensrhythmen und –räume tagaktiver Tiere und Pflanzen, Fische und Amphibien werden nachhaltig beeinflusst – so beispielsweise das Brutverhalten. (pm)

 

Meinung: Wie ein Bumerang

Anja Weiffen
Anja Weiffen,
Redakteurin

Wenn Sabine Frank im Interview von Eichhörnchen erzählt, denen wir mit Kirchenstrahlern „ins Schlafzimmer leuchten“, dann klingt das lustig. Mir selbst war nicht zum Lachen, als ebendies mir passierte. In einem Haus gegenüber brannte zwei Wochen lang das Licht, wohl weil die mir unbekannten Nachbarn vor ihrem Urlaub vergessen hatten, den Lichtschalter zu betätigen. 14 Nächte Dauerbeleuchtung. Nachdem ich die Vorhänge durch Spezial-Rollos ausgetauscht hatte, fiel mir auf, dass mir jahrelang etwas gefehlt hatte: komplette Dunkelheit und dementsprechend tiefer Schlaf. Dunkelheit gibt’s nicht mehr gratis, die hat heute ihren Preis, wie ich beim Blick auf die Rechnung für die Rollos feststellte. Das war der Beginn einer Recherche zur Lichtverschmutzung.

Das Thema ist hochkomplex und ein Beispiel für unsere Begrenztheit, die Auswirkungen unseres Tuns zu begreifen. Was weiß denn der weise „homo sapiens“ wirklich über die Zusammenhänge in der Schöpfung? Merken wir erst, wenn die letzten Insekten an Lampen verbrennen, wie schwer es ist, Obstbäume zu bestäuben? Was wir aussenden, Feinstaub, Pestizide, Licht, fällt auf uns zurück – wie ein Bumerang. Sonderbar ist Folgendes: Warum muss erst das 21. Jahrhundert mit der LED-Lampe kommen, damit wir die ersten Zeilen der Bibel begreifen? Gott schuf Himmel und Erde, Tag und Nacht, und das war gut so. (frei nach Genesis 1)