13.12.2017

Kirchentüren für Lyrik öffnen!

„Früher, als man Gott noch anrufen konnte, einfach.“ Ein Gedicht von Anna Breitenbach. Zwischen Dichtern und Gott ist nichts mehr einfach, aber das Gespräch ist nicht abgebrochen. Anrufungen, Anklagen, ironische und ernste Ausbrüche, aber auch Erinnerungen enthält die neue Ausgabe der Lyrik-Zeitschrift „DAS GEDICHT“. Ein Interview mit Herausgeber Anton G. Leitner über die Jubiläumsausgabe „Religion im Gedicht“.

Frage: Die 25. Ausgabe von „DAS GEDICHT“ – und dann zum Thema christliche Religion: Wie kam es dazu?

Inspirationen – jahrhundertelang waren christliche und lyrische Sprache eng verbunden. Und auch heute befassen sich Dichter mit Gott. Zeugnis davon ist der Band „Religion im Gedicht“. | Foto: Adobe/Stock
Inspirationen – jahrhundertelang waren christliche und lyrische Sprache eng verbunden. Und auch heute befassen sich Dichter mit Gott. Zeugnis davon ist der Band „Religion im Gedicht“. | Foto: Adobe/Stock

Anton G. Leitner: Die Frage „Wo komme ich her, wo gehe ich hin?“ ist seit der Antike ein ureigenes Thema der Poesie. Gerade in einer Zeit, in der Attentate im Namen Gottes verübt werden, wodurch der Glaube diskreditiert wird, erschien es mir sinnvoll, mit dem Sensorium der Lyrik den religiösen Status Quo in unserem Sprachraum auszuloten. Weil mein Mitherausgeber José F. A. Oliver und ich mit dem Christentum aufwuchsen und dabei mit positiven wie negativen Aspekten konfrontiert wurden, lag es nahe, jene Religion, die wir am besten kennen, ins Zentrum unserer poetischen Recherche zu stellen.

Aus mehr als 3000 Gedichten haben Sie 150 zur Publikation ausgewählt und ausgerechnet nach den sieben Todsünden sortiert, die kaum mehr jemand kennt. Warum das?

Wir haben hunderte von Arbeitsstunden in die Auswahl und Anordnung der Gedichte gesteckt. Die Todsünden und jene Tugenden, die wir ihnen in unserer Sammlung antipodisch gegenüberstellen, sind für uns Schnittstellen zwischen Religion und Lebenswirklichkeit. Wir Menschen sind zum Besten wie zum Schlimmsten fähig. Die schwarzen Wortwolken auf unseren Kapitelvorsatzseiten visualisieren dieses Kompositionsprinzip: So kontrastieren wir beispielsweise Hochmut mit Demut oder Habgier mit Genügsamkeit.

Christliche Sprache und lyrische Sprache haben sich über Jahrhunderte gegenseitig befruchtet. Und heute?

Weil es viele Gemeinsamkeiten zwischen religiöser und poetischer Sprache gibt, beispielsweise Liedhaftigkeit und Metaphorik, liegt es auch heute noch nahe, beide Sprachwelten miteinander zu verbinden. Ob die Kirchentüren für zeitgenössische Lyrik geöffnet werden, hängt oft an einzelnen engagierten Personen, wie beispielsweise Erich Jooß: Als Direktor des Medienhauses Sankt Michaelsbund bot er der sinnstiftenden Lyrik bis zu seiner Pensionierung eine Herberge, die heute nicht mehr existiert.

Nach der Lektüre: Welche Zustandsbeschreibung in Sachen christliche Religion 2017 liefert die Lyrik?

Anton G. Leitner Foto: Volker Derlath
Anton G. Leitner, Dichter und
Herausgeber von „Das Gedicht“
Foto: Volker Derlath

Viele Gedichte unserer Ausgabe zeigen, dass die Krise der Kirchen nicht überwunden ist. In seinem Gedicht „Ite, missa est“ lässt Ludwig Steinherr einen alten Priester in Rom vor leeren Kirchenbänken predigen. Nicht wenige Verse beschäftigen sich mit der Frage, wo Gott in dieser Welt noch seinen Platz finden kann; sie handeln vom erschöpften Schöpfer, der durch die Anbetung des allmächtigen Kapitals beiseite gedrängt wird. Die positivste Haltung gegenüber dem Glauben kommt im Sonderteil für Kinder zum Ausdruck. Er enthält 50 Religionsgedichte für Heranwachsende.

Auffällig sind mehrere Mundartgedichte – ist die Mundart Rückzugsort auch fürs Religiöse?

Meinem Co-Editor José F. A. Oliver und mir war es wichtig, Mundartdichter vieler Sprachräume zu versammeln, unter anderem Verse auf Platt, Wienerisch, Fränkisch, Alemannisch und Bairisch, denn Dialektgedichte sind häufig melodischer und direkter, wenn nicht sogar präziser im Ausdruck als das Hochdeutsche. Sie können aber auch Zweifel unverblümt ausdrücken, insofern sind sie in unserer Sammlung nicht nur Schutzraum des Glaubens.

Bei Ihnen dichten auch die Pfarrer – welche Doppelbegabungen sind vertreten?

Auf katholischer Seite prangert der Berliner Künstlerseelsorger Jesuitenpater Georg Maria Roers die innerkirchliche „Homophobie im Namen Gottes“ an. Auf evangelischer Seite ist Pfarrer Christian Lehnert vertreten, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Liturgiewissenschaftlichen Institutes der VELKD in Leipzig.
Der evangelische Pfarrer Johannes Zultner widmet jenen Menschen ein Gedicht, die jeden Sonntag rechts an der Kirche vorbei zum „Alten Wirt“ gehen. Aus dem freikirchlichen Bereich sind die Pastoren Hans-Werner Kube und Andreas Peters dabei.

Wer liest noch religiöse Gedichte? Wen wünschen Sie sich als Lesepublikum?

Überraschend viele Menschen sprechen mich auf die Religionsausgabe an und äußern sich positiv. Allerdings haben auch einige unserer Abonnenten gekündigt, weil sie mit dem Thema nichts anfangen können. Ich hoffe, dass wir mit unserem Religionsband verstärkt kirchliche Kreise erreichen. Deshalb freue ich mich, dass uns die Katholische Akademie in Berlin eingeladen hat, dort am 4. Mai 2018 „Religion im Gedicht“ zu präsentieren.

Lebensrettend ist für Sie, aus „erzkatholischem Hause“ stammend, nicht die Religion, wohl aber die Poesie?

Ich habe der Poesie in meinem Leben mehr zu verdanken als der Religion, da ich fast alle Menschen, die mir etwas bedeuten, über die Lyrik kennengelernt habe. Das hält mich aber nicht davon ab, regelmäßig den Heiligen Berg in Andechs aufzusuchen, wo ich nach dem juristischen Examen ein Kreuz hinaufgeschleppt habe und dort 1992 auch heiratete.
Mein Lebensmotto heißt „Poesie rettet den Tag“. Und mir haben Gedichte schon so manchen Tag gerettet.

Interview: Ruth Lehnen

DAS GEDICHT, Jubiläumsausgabe Band 25, „Religion im Gedicht“, Weßling 2017, 14 Euro

Mehr Gedichte und Inspirationen rund ums Thema Lyrik im Internet unter:
www.dasgedicht.de