26.09.2017

Gemeindearbeit mit Sport und Bibel

Mit Bibel und Baseball

Erst waren es nur Konfirmanden, mit denen Pfarrer Andreas Schneider Baseball spielte. Inzwischen ist der amerikanische Sport aber zum festen Bestandteil der Gemeindearbeit geworden. Bibel und Gebetbuch gehören auch zum Team.


Foto: kna
Mit dem Franziskanermönch „St. Francis“ als Maskottchen und der Bibel als Richtschnur: Baseball-Training der „Saints“ mit Pfarrer Andreas Schneider. Foto: kna


Pfarrer Andreas Schneider steht leicht erhöht, inmitten seiner Schäfchen. „Shit happens“, bricht es aus ihm heraus, als ein Baseball weit am Mitspieler vorbeifliegt. Sein Einsatzort ist heute nicht in der Kirche, sondern er steht auf dem „Pitcher“-Hügel des Baseballfeldes seiner Pfarrei in Alfter bei Bonn. Schneider ist nicht nur evangelischer Pfarrer, sondern auch Baseballtrainer im Auftrag des Herrn. An diesem Tag trainiert er die Elf- und Zwölfjährigen.

Während seines Zivildienstes hat Schneider das Spiel kennengelernt. Lederne Baseballhandschuhe hat er auch geschenkt bekommen – aber schnell wieder vergessen. Bis zu einer Konfirmandenfreizeit in seiner ersten Gemeinde, der Bonner Johanniskirche. „Beim Packen habe ich zufällig die Handschuhe gefunden und einfach mit in die Tasche geworfen“, sagt der 51-Jährige.

Bei den Jugendlichen kam das gleich gut an, erinnert sich Schneider. „Gegenüber dem Fußballspielen hat Baseball den Vorteil, dass die Jungs durch Vereinserfahrung immer die Guten waren und die Mädchen höchstens ins Tor gewählt wurden; beim Baseball waren die Mädchen oft sogar besser.“ Schneider schaffte eine Trainingsausrüstung an – und seit 2004 spielen Konfirmanden Baseball.


„Es geht darum, nach Hause zu kommen“

Baseball ist aber nicht nur gut für den sportlichen Geschlechterausgleich. „Das Spiel hat eine Menge mit den Werten unseres Glaubens gemeinsam. Es ist die einzige Sportart, bei der es darum geht, nach Hause zu kommen“, erklärt Schneider Kaugummi kauend. Die sogenannte „homeplate“ ist der Zielpunkt des Spiels, benannt nach dem „Zuhause“, englisch „home“. Es sei also wie im Glauben: Frieden zu suchen und zu Gott, nach Hause, zu finden.Von Trainer Schneider hört man aber auch Sätze wie: „Was bist du denn für ein Pazifist? Fester!“, als Jacob seinen Handschuh zu sanft einsetzt. Kernige Worte gehören zum Sport eben dazu.

Sein Baseball-Engagement beschränkt sich längst nicht mehr auf das Konfirmandenwochenende. „Den Jugendlichen hat das so viel Spaß gemacht, dass sie mich nach weiteren Möglichkeiten fragten“, so Schneider. Durch die Nähe zum Bundesligaverein Bonn Capitals organisierte der Pfarrer mit der Unterstützung von Profispielern ein Wintercamp in der Halle. Doch einmal mit dem Baseball-Fieber infiziert, wollten die Spieler mehr. 2006 bildete Schneider eine feste Baseballgruppe: die Kottenforst Saints, die „Heiligen“.

Mittlerweile tragen bei drei Trainingseinheiten Kinder, Jugendliche und Erwachsene das Logo, ein großes „S“ mit Heiligenschein, auf Kappen und Trikots. Einmal im Jahr findet ein Baseball-Gottesdienst statt. In Eigenleistung und mit Spenden baute die Gemeinde ein kleines Spielfeld auf. Coach Schneider hat inzwischen seine C-Trainerlizenz gemacht.

Auch Schneiders Söhne schwingen für die Saints die Keule. „Ich finde es schön, dass der Vater mit seinen Jungs ein gemeinsames Hobby hat und Zeit mit ihnen verbringt“, sagt seine Ehefrau Christiane. Auch wenn sein sportlicher Einsatz recht zeit-
intensiv ist, erkennt die Gemeindeleitung diese Arbeit an. „Wir müssen sehen, wie wir als Kirche die Menschen heutzutage erreichen. Ich treffe die Kinder beim Baseball auf einem anderen Level“, sagt Schneider.

Zudem würden auf dem Feld Werte vermittelt, die auch woanders helfen, sagt er, etwa: Können wir dem Schiedsrichter eine Fehlentscheidung verzeihen? Die christlichen Baseball-Ansätze fasste er in dem Buch „9 Innings“ zusammen, das er gemeinsam mit Simon Gühring schrieb, einem früheren deutschen Spieler aus der amerikanischen Profiliga. Darin gibt es Anregungen zu Teamwork, Selbstzufriedenheit und Motivation – passende Bibelstellen inklusive.

Ganz neu eingetroffen sind auch „Prayercards“: „Dass der liebe Gott durch sie einem hilft zu siegen, glauben wir weniger“, erklären die Saints auf Facebook. Das Gebet auf den Karten könne jedoch helfen, vor großen und schwierigen Spielen den Blick auf das Wesentliche auszurichten. „Gib mir die Kraft, fair zu spielen, auch dann, wenn ich verliere oder andere unfair spielen“, ist ein Beispiel.


Am Ende jedes Trainings eine Andacht

Ein wichtiges Thema für Schneider ist die Ökumene. Er unterstützt den „Asylkompass Alfter“, eine Koordinierungsstelle für die ökumenische Flüchtlingsarbeit. In seinem Team heißt Schneider inzwischen Katholiken auch willkommen. „Wir haben Messdiener, denen ich sage, sie sollen den Schläger nicht wie ein Weihrauchfass schwingen“, scherzt der Geistliche.

Das neue Maskottchen der Saints ist im Übrigen die Handpuppe eines Franziskanermönchs. „Der Luther sah gar nicht heilig aus“, erklärt der Baseballpfarrer seine Entscheidung für „Saint Francis“, tauscht seine stylische Sonnenbrille gegen die Lesebrille und ruft die Spieler zusammen. „In den letzten 15 Minuten jeden Trainings halten wir eine Andacht ab.“

Verschwitzt und verstaubt bilden die Saints einen Stuhlkreis im Schatten. Jeder hat eine Bibel in der Hand. Der Pfarrer bespricht einen Vers, dann falten die Saints die Hände zum Gebet, das Schneider abschließt mit: „Wir bitten, dass Liv, die sich heute beim Training verletzt hat, schnell wieder gesund wird. Amen.“ Zehn Tage später gehörte Liv zu den erfolgreichen Saints beim Kampf um den Titel des NRW-Meisters.

Von Rainer Nolte