13.06.2017

Moraltheologie am Wendepunkt?

„Liebe lässt sich nicht in eine Form pressen“

Was ist gut, was böse? Können wir wissen, was Gottes Wille ist? Wie verhält sich Glaube zur Moral? Der Theologe Stephan Goertz hat einen Lehrstuhl für Moraltheologie an der Universität Mainz. Derzeit sieht er sein Fachgebiet am „Wendepunkt“. Warum das so ist, beantwortet er im Interview.

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„An welcher Stelle in der Welt der Moral kommt der Glaube ins Spiel?“ Das ist eine der Fragen, mit denen die Moraltheologie sich auf der Internetseite des Fachbereichs Theologie an der Universität Mainz vorstellt. | Foto: fotolia / Thomas Reimer

Sie haben nach dem Erscheinen von „Amoris laetitia“ einen Sammelband führender Moraltheologen herausgebracht und fragen, ob dieses Schreiben des Papstes „ein Wendepunkt für die Moraltheologie“ ist? Ihre Antwort?

Wir sprechen von einem Wendepunkt, weil Papst Franziskus die kirchliche Sexual- und Ehemoral aus ihrer Erstarrung lösen will. Er geht auf Distanz zu den rigorosen Positionen der Vergangenheit. Er konfrontiert die Lehre mit der Frage, ob sie sich an der befreienden Botschaft des Evangeliums orientiert oder sich an einmal formulierte Gebote klammert.  

Was ändert sich konkret?

Geändert hat sich vor allem die Methode, wie auf moralische Fragen eine Antwort gesucht wird. Der Papst setzt mehr auf das biblische Zeugnis und die menschliche Erfahrung als auf vermeintliche Gesetze der Natur oder scheinbar unverrückbare kirchliche Dokumente. Zudem erinnert er an die alte Einsicht der Ethik, dass die Umstände einer Handlung in aller Regel deren sittlichen Charakter bestimmen. Daher gilt es, Situationen gut zu unterscheiden.

Nicht kleinliche Kontrolle, sondern Förderung des Lebens. Das soll Moraltheologie leisten. Mit den Worten von Papst Franziskus: Vaterhaus sein statt Zollstation. – Woran machen Sie fest, dass sich die Moraltheologie bewegt – weg von einer Unterdisziplin des Kirchenrechts hin zur autonomen theologischen Disziplin?

Stephan Goertz
Stephan Goertz Foto: privat

Eine Unterdisziplin des Kirchenrechts ist die Moraltheologie nie gewesen. Im Gegenteil. Eherechtliche Normen spiegeln häufig moralische Überzeugungen wider. Mein Eindruck ist, dass das Kirchenrecht moraltheologischen Entwicklungen zuweilen hinterher hinkt. Warum ist etwa Impotenz ein Ehehindernis? Geht es beim Vollzug der Ehe um sexuelle Potenz oder um sinnliche Liebesfähigkeit?

Nun hatten in der jüngsten Geschichte schon viele deutschsprachige Moraltheologen ihre Händel mit dem Lehramt auszutragen – Beispiel Franz Böckle, Alfons Auer ...

... und viele andere mehr. Theologie, die keine Debatten mehr auslöst, weil sie sich in Harmlosigkeiten eingerichtet hat, erweist der Kirche keinen Dienst. Aber den theologischen Freimut dann lehramtlich zu diskreditieren, anstatt auf die Argumente einzugehen, betrachte ich als Zeichen der geistigen Erstarrung, die vom Papst immer wieder kritisiert wird.

Warum eckt die Moraltheologie immer wieder an im Elfenbeinturm der theologischen Disziplinen? Sind Sie näher dran am Leben der Menschen?

Was heißt Elfenbeinturm? Dass alle theologische Theorie grau ist? Eine Praxis, die sich von Theorie meint fern halten zu können, endet häufig im Gestümper. Die ethischen Fragen sind heute so kompliziert, dass es mit den einfachen Antworten vorbei ist. Das Christentum ist keine intellektuell simple Angelegenheit.

Warum hat denn die verfasste Kirche in ihren konservierenden Amtsträgern solche Angst vor Veränderung? Ist es die Sorge um die Wahrheit, die reine Lehre, das göttliche Gesetz … oder nicht doch – ganz menschlich – die Angst davor, die Deutungshoheit und den eigenen Einfluss zu verlieren?

Wohl eine Mischung aus all dem, was Sie ansprechen. Das ist nicht immer einfach auseinander zu halten.
Manche Zurschaustellung des göttlichen Gesetzes hat sich in der Vergangenheit als sehr zeitbedingtes Vorurteil entpuppt. Die Theologie kann helfen, solche Irrläufer der Vergangenheit nicht zu vergessen. Denken wir etwa an die Herrschaft des Mannes über die Frau. Vielleicht sind auch heutige Forderungen des göttlichen Gesetzes sehr zeitbedingte menschliche Konstruktionen.

Wie lässt sich das bewerkstelligen, eine gute Gewissensbildung des normalen Katholiken? Eine, die mich in tiefer Überzeugung sagen lässt: Der Mensch ist mündig und handelt verantwortlich vor seinem Gott.

Das ist letztlich eine Frage von Erziehung und gelingender Sozialisation in eine christliche Kultur der Mündigkeit und Achtsamkeit hinein. In welchem Maße ein Mensch sich dann als gläubig, gar als katholisch versteht, ist aber nicht Resultat von Erziehungstechniken. Jedenfalls dann nicht, wenn man die Autonomie des anderen achten und fördern will.

Konkret im Streitfall der wiederverheiratet Geschiedenen, der unverheiratet Zusammenlebenden, der ihre Homosexualität praktizierenden Katholiken: Warum traue ich den Menschen nicht zu, dass sie sich ihre Entscheidung, möglicherweise zur Kommunion zu gehen, nicht leicht machen? – Wie kann ein Moraltheologe die Zweifler eines freien Gewissensurteils überzeugen, dass die Menschen schon gut handeln werden?

Ich weiß nie mit letzter Gewissheit, ob Menschen gut handeln – in dem Sinne, dass ich biblisch gesprochen nicht in ihr Herz schauen kann. Wir sollten aufhören zu behaupten, diese Wiederverheiratete oder dieser Homosexuelle können gar nicht gut handeln, weil ihre Lebenssituation als solche nicht in Ordnung ist. Der Papst möchte dieses schlichte Denken überwinden. Liebe lässt sich nicht in eine bestimmte Lebensform pressen.

Geht es derzeit „nur“ um einen Umbau der Moraltheologie oder um eine Kernsanierung der ganzen Kirche – weg vom zentralistisch-hierarchischen Monolithen hin zu synodal gegründeten Mehrvölkerhäusern?

Die allseits akzeptierten Pläne für eine solche Kernsanierung kenne ich nicht. Die soziale Gestalt des Christentums wird immer strittig bleiben. Es wäre schon viel erreicht, wenn wir uns darauf verständigen könnten, dass bei der Suche nach einem zukunftsfähigen Christentum keine Gruppe willkürlich ausgeschlossen werden darf. Damit sind wir bei den Themen Geschlechterverhältnis und Umgang mit sexuellen Minderheiten.

Ihr Sammelband ist erschienen in der Reihe „Katholizismus im Umbruch“. Wie lebt und liebt der Katholik 2030?

Wahrscheinlich nicht viel anders als im Jahre 2017. Das Christentum und die westliche Moderne sind ja beide sehr langfristige Projekte, in denen es normativ um ein menschenwürdiges Leben in Freiheit und Gleichheit geht. Die Strategie einer katholischen Anti-Moderne ist darum zu Recht gescheitert. Der Umbruch des Katholizismus, was das konkrete Leben und Lieben betrifft, ist in vollem Gang.

Interview: Johannes Becher

 

Stephan Goertz / Caroline Witting (Hg.): Amoris laetitia – Wendepunkt für die Moraltheologie?,
Herder Verlag, 336 Seiten, 24,99 Euro

Die Kirchenzeitung verlost fünf Exemplare des Buchs, bitte rufen Sie an am Montag, 19. Juni, von 10 bis 10.15 Uhr: 06131 / 287 55 35