11.10.2017

Wie muttersprachliche Gemeinden Neuankommende unterstützten

Neustart in Frankfurt

Die muttersprachlichen Gemeinden lassen ihre Landsleute in Notlagen nicht im Stich. Mit Unterstützung anderer Einrichtungen helfen sie mit der Casa San Antonio Menschen, in Frankfurt Fuß zu fassen.

Fernanda Rodrigues im Gespräch mit einer Klientin | Foto: privat
Fernanda Rodrigues im Gespräch mit einer Klientin | Foto: privat

Ein Nachmittag in der portugiesischsprachigen Gemeinde in Frankfurt: Fast alle Stühle im Eingangsbereich sind besetzt. Viele der Wartenden halten Anträge oder offizielle Schreiben in der Hand. Francisco und Francisca sind auf Empfehlung von Pater André Bergmann da: „Kommt am Dienstag in die Sprechstunde“, hat er ihnen gesagt, als sie ihm nach dem Sonntagsgottesdienst von ihrem Problem erzählten. Eine Tür öffnet sich und die beiden betreten das Pfarrbüro. Dort werden sie herzlich empfangen. „Ich bin Fernanda Rodrigues. Was kann ich für Sie tun?“ Rodrigues ist nicht nur Pfarrsekretärin der Gemeinde, sondern auch Unterstützerin in sozialen Angelegenheiten und in Krisen.

Ein vorübergehendes Dach über dem Kopf

Für Francisco und seine Frau Francisca ist es nicht gut gelaufen. Das Ehepaar, beide Mitte 50, hat Portugal verlassen, weil es dort keine Zukunft mehr sah: Der Kündigung folgten bald Schulden und der Verlust der Wohnung. Zum Glück waren die Kinder schon aus dem Haus. Francisca und Franzisco zogen zunächst nach Hamburg, dann zu Verwandten nach Frankfurt, um Arbeit zu suchen. Francisca nahm mehrere Putzstellen an. Franzisco hatte es noch schwerer: Bis heute leidet er an den Verletzungen durch eine Messerattacke aus Hamburger Zeit. Bei den Verwandten konnten sie nicht lange bleiben, weil der Vermieter der Wohnung wegen Überbelegung mit der Kündigung drohte.

In der Sprechstunde stellt sich heraus, dass das Ehepaar erst mal zur Ruhe kommen muss, um Kraft zu tanken und neue Wege zu planen. Rodrigues und die portugiesischsprachige Gemeinde können tatsächlich helfen. Die beiden Hilfesuchenden bekommen für drei Monate ein Zimmer in der Casa San Antonio. Dort müssen sie nur die Nebenkosten bezahlen und können sich mit Hilfe von Fernanda Rodrigues um die Gesundheit, bessere Arbeitsstellen und eine eigene Wohnung kümmern. Aber: es ist nur eine vorübergehende Zeit in der Casa San Antonio. Das Haus soll Hilfe für viele Menschen leisten, die in Frankfurt neu anfangen. Deshalb ist die Wohnzeit auf drei, maximal vier Monate begrenzt.

Dennoch: Francisca und Francisco nutzen die Zeit in der Casa San Antonio, um in Frankfurt Fuß zu fassen. Sie finden sogar aus eigener Kraft eine Wohnung auf dem schwierigen Frankfurter Wohnungsmarkt: Ein möbliertes Apartment, rund 20 Quadratmeter für 680 Euro. Ein Wucherpreis? Gewiss, aber für Francisca und Francisco ist es ein Notanker. Mittlerweile wohnen sie zwar immer noch in dem teuren Apartment, aber immerhin haben sie ihre Schulden in Portugal abbezahlt und werden sicher neue Wege finden, ein besseres Leben zu führen.

Ohne Unterkunft keine Arbeit oder Kita

Vor dem Haus: Rolf Würz, Pater André Bergmann, Fernanda Rodrigues. | Foto: privat
Vor dem Haus: Rolf Würz,
Pater André Bergmann,
Fernanda Rodrigues. Foto: privat

Oft wohnen auch Familien in der Casa. Schwester Laura Knäbel, die zu Beginn des Projektes in der italienischen Gemeinde soziale Unterstützung geleistet hat, erinnert sich an eine Familie mit zwei Mädchen im Alter von vier und neun Jahren. Auch sie wohnten bereits bei Verwandten, konnten sich aber nicht beim Bürgeramt anmelden. Und das bedeutete, dass die Kinder weder in eine Kita noch in die Schule gehen konnten. Schwester Laura und Pfarrer Don Sylwester Gorczyca wussten, dass die Familie ohne Unterkunft und Meldebescheinigung keine Chance hat, in Frankfurt Fuß zu fassen – am Arbeitsmarkt und im Bildungssystem. Zum Glück waren in der Casa zwei Zimmer frei, der Vater fand schnell Arbeit in der Gastronomie, die jüngere Tochter erhielt einen Kita-Platz, die ältere ging in die Schule. Und die Mutter hatte Zeit für einen Integrationskurs, um dem Ziel näher zu kommen, in ihrem Beruf als Erzieherin in Deutschland zu arbeiten. Schon nach vier Monaten zog die Familie in eine eigene Wohnung.

„Entlastet“ die Casa San Antonio die muttersprachlichen Gemeinden? Nein, die Arbeit im sozialpastoralen Bereich sei mehr und intensiver geworden. Birgit Opielka, Pastoralreferentin der spanischsprachigen Gemeinde und von Anfang dabei, sagt: „Ohne eine vorrübergehende Herberge zu geben, können wir niemandem helfen. Die Menschen stehen auf der Straße, sind mittellos. Wer soll ihnen eine Chance geben, wenn nicht wir?“ Alles mit Hilfe von zahlreichen Ehrenamtlichen. Das ist das Besondere an dem Projekt „Neustart in Frankfurt – Casa San Antonio“: Es bildet ein Netzwerk von Engagierten und ermöglicht den muttersprachlichen Gemeinden, den christlichen Auftrag zu erfüllen, mittellosen Menschen, die fremd in der Stadt sind, zu helfen, den eigenen Weg zu gehen. (aob)

 

Zur Sache: Ein ehemaliges Pfarrhaus

Die Casa San Antonio ist ein ehemaliges Pfarrhaus, das zeitgleich bis zu 15 Menschen in sieben Wohneinheiten aufnehmen kann. Seit September 2015 sind hier schon mehr als 80 Menschen untergekommen. Getragen wird das Projekt von der portugiesischsprachigen, der spanischsprachigen und der italienischen Gemeinde. Der Gesamtverband der Katholischen Kirchengemeinden ist Träger des Hauses, die örtliche Gemeinde, die Stadtkirche und der Caritasverband unterstützen das Projekt, das Bistum finanziert es zum größten Teil. Es existiert nur durch kirchliche Mittel, weil mittellose Migranten aus den Ländern der EU in den ersten fünf Jahren keinerlei Sozialleistungen in Frankfurt bekommen. Sie sind – auch in Notlagen – sich selbst überlassen.

Da setzten die muttersprachlichen Gemeinden an. Sie helfen durch die Casa San Antonio. Es werden keine Mietverträge geschlossen, sondern nur Nutzungsvereinbarungen für drei Monate mit einer möglichen Verlängerung um einen weiteren Monat. Das Ziel: Menschen sollen aus eigener Kraft wieder auf die Beine kommen und in Frankfurt Fuß fassen können. Dabei unterstützen sie die Gemeinden durch Begleitung. (aob)