09.08.2017

Sommerserie 2017 – Folge 6

Obstnamen per Handy

Die gemeinsame Gartenarbeit fördert den Austausch untereinander und damit auch Sprachkenntnisse. Im „Begegnungsgarten“ in Cölbe, zunächst ein Projekt für Flüchtlinge, kann jeder mitmachen, der daran Spaß hat. Viel Freude mit der letzten Folge unserer Sommerserie. Von Hans-Joachim Stoehr.

Mit Gießkanne und Hacke: Aktive bearbeiten ein Beet im Begegnungsgarten in Cölbe. Foto: Hans-Joachim Stoehr
Mit Gießkanne und Hacke: Aktive bearbeiten ein Beet im Begegnungsgarten
in Cölbe. Foto: Hans-Joachim Stoehr

Das Schild am Eingang hält, was es verspricht: „Begegnungsgarten“ steht darauf in bunten Buchstaben geschrieben. „Jeder ist hier willkommen“, betont Jürgen Schönberger, der sich mit Evelyne Rößer und Udo Skretzka um das Projekt kümmert. Ursprünglich wollte das Trio gemeinsam einen Garten betreiben. Dann hörten sie von dem Gartenprojekt für Flüchtlinge neben der katholischen Filialkirche in Cölbe. „Jetzt sind wir nicht nur zu dritt, sondern noch mehr Leute, die mitgärtnern“, freut sich Schönberger.

Nicht nur Flüchtlinge – alle Bewohner sind willkommen

Vor einem Jahr haben die drei das Projekt übernommen. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern sind sie aber alle berufstätig und keine Gartenprofis. Schönberger beispielsweise arbeitet als Psychologe in Gießen, Rößer ist Diplom-Pädagogin. Anders als in den Anfängen des Projekts hat die Zahl der Flüchtlinge inzwischen abgenommen. Für die ehrenamtlichen Betreiber des Gartens ist das aber kein Grund zur Resignation. „Vorher schon konnte jeder mitmachen, der kam. Das gilt auch weiterhin – aber nun für alle Bewohner von Cölbe oder anderswoher“, betont der Hobbygärtner. Statt „Interkultureller Garten“ heißt die Grünanlage nun „Begegnungsgarten“.

Schönberger entfernt an diesem Nachmittag das Unkraut auf den Wegen zwischen den Erdbeerbeeten. Der Boden ist durch die Sonnentage fest. Entsprechend kräftig muss er sein Gartengerät einsetzen. Neben ihm begießt Akid Ibrahim die Erdbeeren mit Wasser. Der Familienvater aus dem syrischen Aleppo hat in Cölbe eine neue Heimat gefunden. Er ist auch im Fußballverein des Marburger Stadtteils aktiv. Dort erfuhr der gelernte Schuhmacher auch von dem Garten-Projekt. An diesem Nachmittag zupft er die Samen von den Mohnpflanzen.

Für Rößer ist das gemeinsame Gärtnern eine Möglichkeit, sich miteinander auszutauschen. Das fängt mit den deutschen Namen der einzelnen Gemüse- oder Obstarten an. Akid Ibrahim nutzt dazu sein Smartphone, um anhand von Bildern das gesuchte Obst oder Gemüse zu bestimmen. „Wir haben beispielsweise viel Petersilie geerntet. Auch Pfefferminze ist bei Flüchtlingen beliebt – für Tee oder zum Würzen“, erläutert die Pädagogin.

Nach Obsternte zusammen Marmelade gekocht

Besonders viel Resonanz in den vergangenen zwei Jahren fand die Ernte der Obstbäume. Auf dem Areal befinden sich ein Kirsch- und ein Apfelbaum. „Nach dem Einsammeln machten wir auch gemeinsam Marmelade aus dem Obst“, erinnert sich Ute Ramb. Die Gemeindereferentin der Pfarrei St. Peter und Paul in Marburg wohnt in Cölbe und ist die Kontaktperson zu dem Gartenprojekt.

Grundstück war ursprünglich für ein Pfarrhaus geplant

Das Gartengrundstück gehört auch der katholischen Kirchengemeinde. Auf der anderen Straßenseite steht seit 60 Jahren die Filialkirche Maria Königin. Der Kirchenbau entstand nach dem Zuzug zahlreicher Heimatvertriebener. Die Überlegung, gegenüber der Kirche ein Pfarrhaus zu errichten, wurde vom Bistum bald wieder fallen gelassen. Cölbe erhielt keinen eigenen Pfarrer. Jahrzehntelang war das Gelände daraufhin eine grüne Wiese. Bis die Idee mit dem Garten kam.

Das Wasser für den Garten kommt durch einen Schlauch aus dem Pfarrheim. Für die Bierbänke wurden Gelder aus dem Flüchtlingsfonds des Bistums genutzt. Der Garten ist aber nicht das einzige Projekt, an dem sich die Kirchengemeinde beteiligt. Im Pfarrheim treffen sich Flüchtlinge einmal in der Woche zu Sprachkursen und danach zur Begegnung.

Gemeindereferentin Ute Ramb
St. Peter und Paul, Marburg
Telefon 06421/ 16 95 70
Internet: www.peterundpaul-marburg.de

 

Durch die Blume: Das Wunder des Wachsens

Stoehr Foto: Marie Eickhoff
Hans-Joachim Stoehr

Wie will jemand die Gleichnisse Jesu verstehen, der Landwirtschaft nur aus dem Fernsehen kennt, Es soll ja Kinder geben – und vielleicht nicht nur die –, die fest davon überzeugt sind, dass es lila Kühe wirklich gibt. Sie erliegen der Macht der Bilder auf den verschiedenen Kanälen. Deshalb mein Tipp für Familien: Geht mit euren Kindern raus und zeigt ihnen Kühe im Original und alles, was sonst noch dazu gehört: Schafherden und hoppelnde Hasen auf den Wiesen, bunte Vögel in den Bäumen, Weizenfelder, deren Farbe sich vom saftigen Grün im Lauf der Wochen ins Gelb wandelt.

Von solchen Tieren und Pflanzen ist immer wieder in der Bibel die Rede. Wobei im Alten Testament der Hase wegen seiner Kaubewegungen fälschlicherweise zu den Wiederkäuern (Levitikus 11,6) gezählt wird.
Auch Jesus verweist in seiner Frohen Botschaft immer wieder auf Tiere und Pflanzen. Vor allem in seinen Gleichnissen. Da ist von Samenkörnern die Rede, die auf guten beziehungsweise schlechten Boden fallen. Wo aber kommt der Samen her? Klar, den kann man kaufen. Muss man aber nicht. Pflanzen tragen Samen in sich. Wie der Mohn, dessen Samen die Hobbygärtner im Begegnungsgarten „ernten“, um ihn erneut auszusäen.

Auch Früchte tragen Samen in sich. Für Kinder, aber auch Erwachsene, kann es so faszinierend sein, etwas langsam wachsen zu sehen. Es braucht aber Geduld dazu. Wer sich in dieser schnelllebigen Zeit darauf einlässt, zu entschleunigen, der kann sich an dem Wunder des Wachstums erfreuen, sich dafür begeistern.

In den Gleichnissen wird das Wachsen des Samens mit dem Reich Gottes verglichen. Ich deute es so: Wir Menschen sind der Samen, der zunächst behütet in guter Erde wächst. Bis er beim Austritt aus der Erde das Licht erblickt und sich danach ausrichtet. All dies geschieht langsam. Beim Wachsen im Glauben wird nicht mit der Stoppuhr gemessen. Ich darf mir dafür Zeit lassen.

Zum Wachsen einer Pflanze zählen aber auch Trockenzeiten. Im Leben eines Menschen sind das die Zeiten, wenn es mir nicht gut geht, wenn nichts gelingen will, wenn ich statt Beifall Prügel beziehe. Es gibt aber auch die Zeiten, wenn frisches Wasser die Pflanze wieder aufrichtet. Dann also, wenn es statt bergab wieder bergauf geht. Wenn ich spüre, jemand hilft mir, unterstützt mich, gibt mir einen Ansporn, Probleme zu überwinden.

All dies kann ich in der Schöpfung wahrnehmen. Vorausgesetzt: Ich öffne Augen und Ohren – und mein Herz – für das Wunder des Wachsens.