04.10.2017

Einfluss der Stasi auf das Glaubensleben der Menschen

Seelen unter Kontrolle

Bespitzeln und Manipulieren – damit arbeitete die Staatssicherheit in der DDR. Welchen Einfluss die Stasi auf Menschen hatte, zeigt eine Ausstellung im Mainzer Dommuseum. Der Stasi-Arm reichte bis ins Glaubensleben der Bürger. Von Anja Weiffen.

Jugendweihe um 1983 in Berlin. 1983 nahmen 98 Prozent aller DDR-Jugendlichen an dem Ritus teil. | Foto: dpa
Jugendweihe um 1983 in Berlin. 1983 nahmen 98 Prozent aller DDR-Jugendlichen an dem Ritus teil. | Foto: dpa

Seine Post wurde kontrolliert, sein Telefon abgehört und seine gesamte Wohnung mit Abhörtechnik verkabelt. Wolf Biermann war einer von vielen, die ins Visier der Staatssicherheit (Stasi) in der ehemaligen DDR gerieten. Sein Gedichtband „Die Drahtharfe“ galt der DDR-Regierung als „staatsfeindliches Produkt“.

Der Künstler gehört zu den neun Beispielpersonen, deren Geschichten in der Ausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ im Dommuseum in Mainz erzählt werden. Mit Fotos, Dokumenten und Exponaten erläutert die Ausstellung die Methoden, die die Stasi nutzte, um Andersdenkende in Schach zu halten.

Konkurrenz zu Firmung und Konfirmation

Um das Verhältnis zwischen Kirche und DDR-Staat geht es am 8. November 2017 im Mainzer Dommuseum in einem Vortrag. Der Einfluss des Staats und damit auch der Stasi machte auch vor dem kirchlichen Leben nicht Halt. Ab dem Jahr 1955 bahnte die DDR-Regierung den Weg für die Jugendweihe. Diese Lebensabschnittsfeier, deren Vorbereitungsmaterial atheistische Züge und Polemik gegen die Kirchen enthielt, positionierte der DDR-Staat geschickt als Konkurrenzveranstaltung zur evangelischen Konfirmation und zur katholischen Firmung. Beispielsweise fand die Feier der Jugendweihe im selben Monat statt wie die Konfirmation. Doch wurde die Jugendweihe unter dem Deckmantel der Freiwilligkeit angeboten, was den Staat als „Absender“ der Jugendweihe verschleierte.

Die evangelische und die katholische Kirche in der damaligen DDR hielten die Teilnahme an der Jugendweihe für unvereinbar mit einer Teilnahme an der Konfirmation beziehungsweise an der Firmung. Doch Kritik von kirchlicher Seite wurde zunehmend als Kritik an der Politik der SED aufgefasst und lief Gefahr, zum Straftatbestand zu werden. Um kritische Geister in den Kirchen mundtot zu machen, setzte die Stasi ihre Methoden ein, um Pfarrer zu bespitzeln, zu verleumden und einzuschüchtern.

Keil zwischen Pfarrer und Gemeinde

Ausstellungsstück: „Container“ der Stasi, um geheime Gegenstände zu transportieren. | Foto: Anja Weiffen
Ausstellungsstück: „Container“ der Stasi,
um geheime Gegenstände zu transportieren.
Foto: Anja Weiffen

Eine der Methoden hieß: „Differenzierungsmaßnahmen“. Hinter diesem Begriff verbarg sich das Spalten zwischen Kirchenoberen und Pfarrern, zwischen Pfarrern und Gemeindemitgliedern. Die Stasi verbreitete dazu Lügen über einzelne Pfarrer, führte Pressekampagnen gegen sie durch und wohnte Einwohnerversammlungen bei, wo die Versetzung von Pfarrern gefordert wurde.

Nicht unbedingt Personen der Kirchenleitung standen im Fokus der Stasi, sondern vor allem einzelne Seelsorger, die die Jugendweihe offen ablehnten.

Indem Gegenwehr gebrochen und zugleich die Teilnahme an der Jugendweihe gefördert wurde, gelang es dem SED-Staat, bis 1983 die Marke von 98 Prozent aller DDR-Jugendlichen zu erreichen, die an der Jugendweihe teilnahmen. Die Beteiligung der katholischen Jugendlichen an dem Ritus lag jedoch deutlich unter dem Durchschnitt.

Quelle: Markus Anhalt: „Die Macht der Kirchen brechen. Die Mitwirkung der Staatssicherheit bei der Durchsetzung der Jugendweihe in der DDR“, Vandenhoeck & Ruprecht, 14,99 Euro

Vortrag von Dr. Markus Anhalt zur Jugendweihe am 8. November um 18 Uhr im Dommuseum, Domstraße 3, in Mainz. Kontakt Museum: Telefon 06131 / 25 33 44

 

Zur Sache: Stasi-Schau

Die Ausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ ist eine Wanderausstellung der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Die Schau ist bis zum 10. Dezember im Dommuseum in Mainz zu sehen. Der Eintritt ist frei. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 10 bis 17 Uhr, samstags und sonntags
11 bis 18 Uhr. (red)