12.09.2017

Abschlusszeremonie des Weltfriedenstreffens

Sehnsucht nach Frieden für alle

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hat in seiner Schlussansprache zum Weltfriedenstreffen vielen Menschen aus der Seele gesprochen, als er von einer „Sehnsucht nach Frieden in Gerechtigkeit für die ganze Welt“ erzählt hat. Dass sich Vertreter verschiedener Religionen aus politisch durchaus verfeindeten Staaten begegneten, zeige unübersehbar die positive Kraft der Religionen für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen.

Foto: OsterfeldZum Abschluss präsentierten Kinder aus der Stadt einen Friedensappell, den die Teilnehmer des Weltfriedenstreffens zuvor gemeinsam erarbeitet hatten. Darin heißt es unter anderem, dass „wir uns verpflichten, dafür zu arbeiten, dass die Ursachen vieler Konflikte beseitigt werden“ (Wortlaut siehe weiter unten). Die Begegnung und der Dialog über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg „halten die Gewalttäter auf“, heißt es weiter. Vor der Schlusszeremonie hatten die Religionen getrennt voneinander für den Frieden gebetet.

Mancher mag darüber lächeln, aber die Religionsvertreter sehen eine große Kraft im Gebet. Nicht umsonst schreiben sie in den Friedensappell, dass die Gläubigen vor alem beten können. Und sie tun es auch selbst, versammeln sich zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten.

Foto: OsterfeldDie christlichen Konfessionen treffen sich im Dom, der aus allen Nähten platzt. „Wir wollen den Beistand des Heiligen Geistes erflehen, damit er uns begleitet und bei der ausdauernden und vertrauensvollen Suche nach der Einheit unter den Christen unterstütze“, heißt es zu Beginn. Das Gebet, von Musik untermalt und in der Form angelehnt an das Stundengebet, wird begleitet von mehreren Ansprachen. Walter Kasper, in Rom lebender Kardinal, spricht in seiner Meditation jeden Einzelnen an: „Jeder wird einmal gefragt: Was hast du getan, damit die Welt ein wenig besser wird?“ Am Schluss wird für die Krisenherde in der Welt besonders um Frieden gebetet und jeweils eine Kerze entzündet – es herrscht eine dichte Atmosphäre.

Foto: OsterfeldIm Probenraum des Domchors beten die Juden. Besucher hören zunächst eine Erklärung: Das Wort „Jude“ komme vom hebräischen Wort für „Danke“. Jeder bete stets im Plural, weil er nicht nur für sich selbst danke. Der israelische Botschafter ist dabei, ebenso viele Rabbiner.

 

 

Foto: OsterfeldIn der Aula der Ursulaschule beten Vertreter der verschiedenen muslimischen Richtungen. Ob Sunniten, Schiiten oder Ibaditen – sie alle sprachen das Gebet „Imam“ zusammen. Zu welcher Glaubensrichtung der Gläubige gehört, der dabei neben ihm sitzt, sei nicht auszumachen, sagt Mohammed Said Al-Maamati aus Oman. Schließlich sei der Text auf Arabisch und klinge bei jedem gleich. Al-Maamati hat in diesem Jahr zum ersten Mal an einem Weltreligionstreffen der Gemeinschaft Sant’Egidio teilgenommen und zeigt sich beeindruckt von der guten Atmosphäre beim gemeinsamen Gebet.

Foto: OsterfeldDie Ursulaschule ist außerdem Gastgeberin für Religionsvertreter der Hindus, der Sikh, der in Indien vertretenen Jainisten und des Zoroastismus (Iran). Des Weiteren beteten hier Vertreterinnen der Byakko Shinko Kai-Religion als Mitglieder der World Peace Prayer Society für Frieden auf der Welt. Gläubige der japanischen Shinto-Religion Omoto-kyo beteten vor einem Schrein, der in der Schule aufgebaut war. Das Gebet folgte vorgegebenen Ritualen, bei denen die Priester viermal in die Hände klatschten und sich vor dem Schrein verneigten, oft wurden die Worte gesungen. Einer der bekannteren Anhänger des Ōmoto ist Ueshiba Morihei, Begründer des Aikidō, einer Selbstverteidigungskunst, die den Pazifismus betont.

Foto: OsterfeldWährend auf dem Schulhof ein einzelner Sikh Besuchern Süßigkeiten aus Indien anbietet, erleben die Buddhisten in der Franz-von-Assisi-Schule mehr Andrang. Auch sie beginnen ihr Gebet mit einer Erklärung. Und lassen sich nicht stören von einer kleinen Gruppe von Tenrikyos, die sich wiederum nicht davon abhalten lassen, ihr Gebet vor einem großen Kreuz des heiligen Franziskus zu zelebrieren. Und so kommt jede Religion zu ihrem Recht.

Anschließend geht es auf den gut gefüllten Marktplatz, wo die Würdenträger der verschiedenen Religionen unter Beifall auf ihre Plätze gehen. Bischof Bode ist der erste, der das Wort ergreifen darf. Er erinnert an den Friedensschluss von 1648. Der Friede sei zerbrechlich gewesen. Bis heute gehe es um das Miteinander von Konfessionen und Religionen. Alle könnten Handwerker des Friedens sein, so der Bischof.

Foto: OsterfeldDas Weltfriedenstreffen findet jedes Jahr statt, es ist ein Treffen derer, die an das Gute glauben. Religionsführer, Politiker und Intellektuelle aus aller Welt sind der Einladung der katholischen Laienorganisation Sant’Egidio nach Münster und Osnabrück gefolgt, um gemäß dem Leitwort „Wege des Friedens“ zu suchen. Mehrere tausend Menschen nahmen teil – beseelt von der Idee, dass eine bessere Welt möglich ist: „Wenn wenige Menschen so viel Böses tun können, können wenige Menschen so viel Gutes tun“, sagte bei der Eröffnung eine junge Frau aus Barcelona, die über das Zusammenrücken nach dem Terroranschlag in der Metropole berichtete. Mit dieser Hoffnung ist sie nicht allein. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte die Gewissheit, „dass eine Veränderung zum Guten möglich ist“. 

Doch der Weg dahin ist anstrengend. Auch beim Friedenstreffen selbst: Es besteht vor allem aus vielen Vorträgen in unterschiedlichen Sprachen. Immer wieder wird da betont, wie wichtig der Dialog ist, wie sehr die Religionen bei allen Unterschieden – die man gar nicht beseitigen will oder soll – durch gemeinsame Ideale verbunden sind. Es dauert oft, bis die Redner zu konkreten Vorschlägen kommen. Doch diese Art des Dialogs ist vielleicht auch das, was die Menschen in der Welt lernen müssen: einander zuzuhören, die Art des anderen auszuhalten, kritische Positionen stehen zu lassen und erst einmal auf Nachfragen zu verzichten. Doch zum Dialog gibt es keine Alternative, will man sich nicht „in Parallelwelten verschanzen“, wie Merkel sagte. „Es gibt zu wenig Gespräche zwischen den Religionen“, sagte Sant’Egidio-Gründer Andrea Riccardi dieser Zeitung. Der Erfolg des Dialogs gibt ihm recht: Seine Gemeinschaft, international bestens vernetzt, hat schon in manchem Konflikt vermittelt. 

„Das sind Menschen der Tat“, sagt die deutsche Vatikanbotschafterin Annette Schavan. Das Treffen in den Städten des Westfälischen Friedens – immerhin wurde hier ein 30 Jahre dauernder Krieg zwischen Konfessionen friedlich beendet – nennt sie zurecht „eine große Werkstatt“ des Friedens. Doch bei allem Willen zum Dialog wird nicht alles mit Harmonie überdeckt, auch kritische Töne sind zu hören: Etwa als der Großimam der Al- Azhar-Universität Kairo den Westen vor zu viel Einmischung warnt: „Die islamischen Länder müssen ihre Probleme selbst lösen.“ 

Oder als ein US-Ökonom sich kritisch zum deutschen Atomausstieg äußert, weil dadurch die Laufzeit der CO2 ausstoßenden Kohlekraftwerke verlängert werden muss. Aber das ist das Rezept von Sant’Egidio: Menschen zusammenbringen, zu vernetzen, sich zuzuhören: „Frieden wird aus Freundschaft gewebt. Und das hier ist eine Bewegung der Freundschaft“, sagt Riccardi. 

Fotos: Thomas Osterfeld (7); Matthias Petersen (1)

 

Der Friedensappell im Wortlaut:

Wir sind Frauen und Männer verschiedener Religionen und haben uns nach intensiven Tagen der Begegnung und Freundschaft hier versammelt, um alle auf das Bedürfnis hinzuweisen, neue „Wege des Friedens“ einzuschlagen. Die Welt braucht sie wie das Brot, damit sie nicht in der Vergangenheit und in Angst gefangen bleibt. Ganze Völker sehnen sich nach Frieden, Völker, die durch endlose Konflikte verarmt und geknechtet sind. Den Frieden erbitten die Opfer der Gewalt und eines erbarmungslosen Terrorismus. Um ihn flehen Flüchtlinge und Vertriebene, die aufgrund von Konflikten und Naturkatastrophen ihre Heimat verlassen haben.

Wir die wir hier sind, verkünden den Frieden vor aller Augen, in einer Region die es in der Vergangenheit verstand, Religionen zu versöhnen und Frieden zu stiften – im Herzen Europas, das es nötig hat, einiger, offener, und solidarischer zu sein. Ängste und Vorurteile müssen überwunden werden, die zur Ausgrenzung des Anderen führen, nur weil er anders ist oder weil man ihn nicht kennt, oft ohne die Gründe dafür zu verstehen.

Deshalb sind heute alle Gläubigen gefordert, mit mehr Kühnheit zu handeln.

Der Globalisierung ist es gelungen, Wirtschaft und Handel zu einigen, doch nicht die Herzen: Im Respekt vor der Verschiedenheit muss durch einen dauerhaften Dialog eine spirituelle Einigung verwirklicht und aufgebaut werden, und dabei darf niemand ausgegrenzt werden. Diese „spirituelle Einigung“ kann der Welt viel geben. Es ist die Seele, die fehlt und die den so ersehnten Frieden bringen kann.

Als Vertreter der Weltreligionen wollen wir den Blick über unsere Horizonte hinaus richten und eine neue Bewegung des Dialogs ins Leben rufen. Die Begegnung und der Dialog entwaffnen und halten die Gewalttäter auf. Denn wir wissen, dass der Krieg niemals heilig ist und dass jene, die im Namen Gottes töten, weder im Namen einer Religion noch im Namen der Menschen handeln. Voller Überzeugung sagen wir Nein zum Terrorismus, der in den vergangenen Monaten zu viele Länder heimgesucht und zu viele Unschuldige im Norden und Süden der Welt getötet hat.

Wir verpflichten uns, dafür zu arbeiten, dass dir Ursachen vieler Konflikte beseitigt werden: die Gier nach Macht und Geld der Waffenhandel, der Fanatismus und der Nationalismus. Nach dem Ende des Kalten Krieges erscheint zu ersten Mal wieder die Gefahr eines Atomkriege3s vom Fernen Osten her. Was können die Gläubigen tun? Vielleicht mehr als sie selbst hoffen und sich vorstellen.

Vor allem können sie beten! Wie heute Abend an verschiedenen Orten dieser Stadt und auf diesem Platz: mit einem großen friedensgebet. Doch auch unser Zusammensein unter verschiedenen Religionen, das in diesen Jahren gewachsen ist, ist ein Zeichen des Friedens und hat bereits ein Netz zur Vorbeugung von Konflikten geschaffen.

Es gibt große Erwartungen uns gegenüber. Sie kommen von den Demütigen und Armen der Erde. Wir haben eine große Verantwortung: Wir dürfen nicht zulassen, dass die Resignation überwiegt, oder, was noch schlimmer ist, die Gleichgültigkeit. Das haben wir im letzten Jahr in Assisi zum Ausdruck gebracht am dreißigsten Jahrestag des ersten Friedensgebets. Zu diesem Ereignis hatte Papst Johannes Paul II. eingeladen, und die Gemeinschaft Sant’ Egidio wollte es jedes Jahr fortsetzen. Im Appell von 2016 heißt es: „Friede ist der Name Gottes. Wer den Namen Gottes anruft, um Terrorismus, Gewalt oder Krieg zu rechtfertigen, befindet sich nicht aus Seinem Weg“. Daher wollen wir uns heute mit der Hilfe Gottes und mit der Unterstützung vieler feierlich dazu verpflichten, in unserer Welt neue „Wege des Friedens“ zu eröffnen.

Münster - Osnabrück, 12. September 2017