Fasten - ein Selbstversuch

Sieben Minuten ohne

Marie Eickhoff, Foto: Ruth Lehnen
Volontärin
Marie Eickhoff

Was ist das Schwierigste, das Herausforderndste, was ein junger Mensch heutzutage tun kann? Die Antwort ist: Nichts. Einfach nichts. Außer zu sein. Marie Eickhoff, Volontärin der Kirchenzeitung, probiert es aus. In den nächsten sieben Wochen wird sie täglich sieben Minuten lang nichts tun. Und in diesem Fastenblog davon berichten.

#7MinutenOhne

 

 

 

Ostersonntag, 5. April - Finaltag

Sonne am Möhnesee, Foto: Marie Eickhoff
Öfter mal loslassen!

Nichtstun ist uncool. Wer heute "in" sein will, muss Stress haben. Handy am Ohr, Sturmschritt und Kaffeebecher in der Hand - so sehen Trendsetter aus. Stehenbleiben und nichts tun? Geht gar nicht! Ich habe es trotzdem gemacht. Und mich ziemlich cool gefühlt.

Es ist eine Herausforderung, täglich bewusst Pause zu machen. Aber das liegt nicht an der fehlenden Zeit, sondern am fehlenden Willen. Ohne diesen Blog hätte ich die Aktion vielleicht auch abgebrochen.

Jetzt ist die Fastenzeit abgelaufen. Ich bin nicht geduldiger geworden. Aber ich habe viel erlebt, was ich noch nie wahrgenommen habe. Und zwar dadurch, dass ich nichts getan habe.
Mein Fasten-Fazit: Nichtstun ist ein heilsamer Verzicht.

 

Karsamstag, 4. April - Tag 46

Orientteppich, Ohrensessel und Spitzengardine. Willkommen im Wohnzimmer meiner Oma. Wenn meine Schwester Pia und ich zu Besuch sind, wird getratscht. Heute steht Apfelschorle auf dem Tisch, damit der Mund beim Reden nicht trocken wird. Nichtstun ist nicht unsere Stärke. Aber wir probieren es sieben Minuten lang. Mit zwei Generationen in einem Raum.

Orchideen am Fenster, Foto: Marie Eickhoff
Orchideen treffen Spitze - im Wohnzimmer der
Oma. Foto: Marie Eickhoff

Oma sitzt im Sessel am Fenster und guckt in den Garten. Hier sitzt sie gerne. Sie beobachtet die Straße und wartet, dass Kaninchen über die Wiese hoppeln. Aber: "Heute kommen nur Vögel, keine Karnickel." So ein Ärger. Die große Wanduhr tickt. "420 Mal", weiß meine Schwester. Klar, dass sie die Sekunden mitzählt. Mein Blick bleibt an den Orchideen auf der Fensterbank hängen.

Plötzlich dreht sich Oma zu uns um und bekommt einen Lachanfall. "Wie ihr da sitzt..." Sie kriegt sich kaum noch ein. "Wie Max und Moritz!" Schweigen mit der Familie ist ungewohnt, aber lustig. Vielleicht eine Idee für die Feiertage? Frohe Ostern!

 

Karfreitag, 3. April - Tag 45

Aua, der Schmerz sticht und brennt. Das Parkett ist hart. Warum habe ich mir keinen Teppich gesucht? Nun knie ich im Wohnzimmer. Gerne würde ich mich auf dem Klavierhocker abstützen. Meine Waden zucken und so sehr ich mich konzentriere, sie lassen nicht locker.

Was bin ich zimperlich! Ich muss an Ordensfrauen denken, die auf Stein knien und beten. Und ich Memme scheitere schon an sieben Minuten? Vielleicht hilft Beten ja. Gedanklich spreche ich ein Vaterunser. Nochmal und nochmal. Meine Gedanken kreisen um die Worte. Kann es sein, dass der Schmerz milder wird?

 

Gründonnerstag, 2. April - Tag 44

Beklemmend. Ich sehe nichts, ich höre nichts. Wenn ich versuche, mich umzugucken, kratzen meine Wimpern an der Schlafmaske entlang. Es ist dunkel und tatsächlich still. Nichts, das mich ablenken kann. Ein bedrückendes Gefühl. Krampfhaft drückt sich meine Zunge gegen den Gaumen. Ich möchte die Maske von meinen Augen schieben, das Rollo hochziehen und die Sonne vor dem Fenster sehen. Erleichterung, als die sieben Minuten vorbei sind.

 

Mittwoch, 1. April - Tag 43

In der Hand halte ich zwei Eier aus Holz, neben mir steht ein Skelett. So soll ich entspannen. Ich liege auf einer dünnen Matte im Trainingsraum von Maria Hansmann. Sie ist Lehrerin für die Übungsweise Rhythmus - Atem - Bewegung. Heute habe ich also professionelle Anleitung. Während ich auf dem Zimmerboden liege, sagt sie mir, was ich machen kann. Hier soll ich nur ich sein. Das ist mir recht. Aber dafür muss ich locker lassen. Und das ist das Problem.

Ich konzentriere mich auf die Stimme meiner Trainerin, folge ihren Ansagen und achte auf meinen Körper. Und er scheint sich langsam zu ordnen. Das ist ungewohnt, auch ein bisschen abgedreht. Am Ende der Übung habe ich nur noch einen Gedanken: "Lassen, lassen ..." Das Gefühl sollte ich mir merken.

 

Fahnen der Stadt Mainz, Foto: Marie Eickhoff
Die Fahnen der Stadt Mainz, Foto: Marie Eickhoff

Nachtrag zu Tag 42

Sieben Minuten aushalten, nicht ausweichen. Auf dem Nachhauseweg stelle ich mich auf dem Domplatz noch mal direkt in den Wind. Es ist unangenehm. Der Sturm bläst mir ins Gesicht, zieht kalt in meine Jacke. Manchmal trifft er mich, manchmal krabbelt er von unten an mir hoch. Ich lehne mich gegen ihn, um nicht umzufallen. Die Stiefmütterchen im Blumenbeet flattern und die Stadtfahnen klappern. Nur einer bleibt standhaft: Bonifatius. Die Figur des Heiligen ist aus Stein.

 

Dienstag, 31. März - Tag 42

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind. Himmlisch? Immerhin gibt es in Mainz zwischen reichlich Sturm heute auch sonnige Phasen. Ich sitze auf einer Bank am Bischofsplatz. Auf meinen Schoß fällt die Sonne, der Sturm pustet mir die Haare ins Gesicht. Er ist warm, fühlt sich an wie Streicheln. Ich höre eine Polizeisirene. Ein Junge rennt über den Platz, lacht und jagt eine Taube. Wenn ich nichts tue, läuft das Leben nicht an mir vorbei. Im Gegenteil: Ich nehme es viel intensiver wahr.

Bei meiner Freundin Bettina ist es nicht sonnig. Deshalb macht sie Pause im Soester Patrokli-Dom:

Stille, Foto: Marie Eickhoff
Sehnsucht nach Ruhe
Foto: Marie Eickhoff

"Ich bin alleine mit dem Organisten. Am Anfang nervt mich die Orgelmusik, dann gewöhne ich mich daran. Es tut gut, einfach mit geschlossenen Augen hier zu sitzen und nachzudenken - vor allem über Gott. Draußen ist es heute stürmisch, laut und ungemütlich. Das Lied "Auge im Sturm" geht mir deshalb dauernd durch den Kopf. Hier im Dom habe ich Ruhe, bin abgeschottet vom Treiben draußen. Ich fühle mich wie im ruhigen Auge eines Orkans."

 

Montag, 30. März - Tag 41

Die Karwoche bricht an. Und ich möchte noch mal besonders meditative Momente erleben. Aber wie? Ich google "Meditieren für Anfänger" und stoße auf ein Buch, das Meditation in Bildern erklärt. Ich probiere es aus. Bürotür zu, Jacke auf den Boden. Im Schneidersitz setze ich mich darauf, ziehe die Schuhe aus und schließe die Augen. Die Hände liegen auf den Knien, den Rücken versuche ich gerade zu halten. Als es sich gut anfühlt, spreche ich ein zaghaftes "Ommmm...". Einatmen und nochmal: "Ommmm..." Es hört sich fremd an, als käme der Ton nicht von mir. Aber ich kann ihn fühlen. Er füllt die Ohren von innen mit Klang.

Zum Durchblättern: Das Buch "Den Geist beruhigen" von Matthew Johnson

Meine Kollegin Ruth Lehnen sucht die Stille in der Kirche. In der Gotthard-Kapelle des Mainzer Doms: "Gar nicht einfach, das mit der Ruhe. Erst beginnt eine Chorprobe im Dom, dann fragt mich eine Frau nach der Sakristei. Irgendwie bin ich durch die Zeitumstellung noch aus dem Takt. Während ich hier sitze, merke ich, wie erschöpft ich bin. So schnell geht die Erschöpfung nicht weg, aber sie verliert ihren Schrecken."

Als die sieben Minuten vorbei sind, schlägt Ruth noch ein Gebet im Gotteslob auf. Zufällig. Passend.

"Wer bist du, Licht, das mich erfüllt
und meines Herzens Dunkelheit erleuchtet?
Du leitest mich gleich einer Mutter Hand,
und ließest du mich los,
so wüsste keinen Schritt ich mehr zu gehen.
Du bist der Raum,
der rund mein Sein umschließt und in sich birgt.
Aus dir entlassen
sänk' es in den Abgrund des Nichts,
aus dem du es zum Sein erhobst.
Du, näher als ich mir selbst und innerlicher als mein Innerstes -
und doch ungreifbar und unfassbar
und jeden Namen sprengend:
Heiliger Geist - ewige Liebe."
(Edith Stein, Gotteslob S.54)

 

Sonntag, 29. März - Tag 40

Tag 40. Wer hätte das gedacht. Doch ein Weilchen durchgehalten. Heute hole ich mir noch mal Unterstützung. Um 19 Uhr fastet Christine Röbig, Sekretärin aus Fulda, mit. Vom Blog inspiriert macht sie seit drei Wochen täglich eine Viertelstunde Pause. Immer im Sessel im Bücherzimmer.

Marie: Platt wie eine Flunder habe ich mich auf die Matraze geschmissen. Mit dem Bauch nach unten, die Hände unter dem Kopf. Ich höre, dass es draußen stürmisch ist. Doch meine Ohren sind von Haaren, Armen und Stoff verdeckt. Die Lage ist angehm. Es fühlt es sich an wie Fliegen. Nur dass der Bauch beim Atmen gegen die Matraze drückt. Ich lasse mich fallen und erst als der Wecker klingelt, merke ich, dass ich wenig gedacht habe.

Christine: Es stürmt. Im Raum ist es still, aber vor dem Fenster tobt der Sturm. Die Jalousien klappern und der Regen platscht an die Scheiben. Ich bin sehr abgelenkt. Obwohl ich ruhig sitze, komme ich nicht zur Ruhe. Das Wetter beunruhigt mich. Wie lange das noch bleibt? Durch die Lamellen der Jalousie sehe ich die Liobakirche auf dem Petersberg. Sie wird angestrahlt, ein Licht in der Dunkelheit. Darauf versuche ich mich jetzt intensiver zu konzentrieren. Doch die Geräusche stören mich. Nach sieben Minuten stehe ich auf und gehe.

 

Samstag, 28. März - Tag 39

Wahnsinn, heute fasten wir zu viert. Jens ist Redakteur bei der Bistumszeitung in Münster, Annika Zahnärztin in Mainz und Pia Abiturientin in Soest. Um 11 Uhr machen wir parallel Pause.

Marie: Uiuiui hier gibt es noch viel zu tun. Wenn ich den Staub auf dem Kleiderständer so sehe, sinkt meine Stimmung. Weiter gucke ich lieber gar nicht. Überall sehe ich Arbeit. Wie soll man denn da abschalten? Die Haare sind mir ins Gesicht gefallen und meine Nase läuft. Wenn diese sieben Minuten rum sind, starte ich durch. Schnell die Motivationsreserven rauskramen.

Jens: Staubsauger aus. Für die Pause unterbreche ich den Samstagsputz und setze mich in den Wohnzimmersessel. Die Wanduhr tickt ziemlich laut und ich höre die Autos vor der Wohnung vorbeifahren. Ich schließe die Augen, aber kann nicht abschalten. Schade. Ob es überhaupt möglich ist, dass ich bewusst nur in einem Moment bin? Ich kriege den Kopf nicht aus. Da merke ich, dass ich die Hände gefaltet habe. Das ist anscheinend unbewusst passiert. Ich lasse es so.

Annika: Die Glocken des Mainzer Doms läuten. Ich sitze am Frühstückstisch und gucke in die Luft. Wow, ich habe ja echt einige Kochbücher im Regal. Die sollte ich mal wieder nutzen. Aber jetzt ist Nichtstun angesagt. Das ist ungewohnt und schwierig. Wirklich den Kopf abzuschalten, fällt mir schwer. Der kann wohl nicht nichts tun. Wäre schön, wenn ich ihn mal ausknipsen könnte. Trotzdem ist es schön: Körperlich nichts tun, nur dasitzen.

Pia: Es ist still. Denn ich bin alleine zuhause. Das ist super zum Bio-Lernen. Ich muss an das Worship-Lied "Still" denken. Mein Schreibtisch steht am Fenster. Durch den Garten der Nachbarn fliegen Vögel, Schmetterlinge und kleine Insekten. Der Himmel ist blau, ohne Flugzeugspuren. Nur kleine Wolken ziehen vorbei. Den Kopf habe ich auf die Hand gestützt. So könnte ich einschlafen, aber ich denke wieder an meinen Ohrwurm. Und mein Fuß tippt mit.

 

Freitag, 27. März - Tag 38

Hannah hat mein Projekt seit Beginn verfolgt und manchmal mitgemacht. Heute fasten wir zusammen. Es ist 10.50 Uhr. Sie kommt vom Reiten und sitzt im Auto auf einem Supermarktparkplatz. Ich bin bei der Arbeit.

Marie: Fünfmal muss ich innerhalb der sieben Minuten gähnen. Dabei fühle ich mich heute recht fit und wach. Wahrscheinlich eine Kettenreaktion. Wenn man einmal anfängt... Interessant dieses Gähnen, wie weit der Mund plötzlich auf geht. Und das, ohne dass etwas raus kommt. Ich sollte öfter mal den Mund aufmachen, ohne die Hand davor zu halten. Was raus muss, darf raus.

Hannah: Die ersten Minuten sind noch angenehm. Gerade nach dem Sport. Einfach mal auf das Atmen zu achten, tut gut. Doch dann wird es zäh. Das Nichtstun macht mich unruhig. Boah, die sieben Minuten kriege ich nie rum! Ob das Handy vielleicht ausgegangen ist und der Wecker deshalb nicht klingelt? Vor dem Einschlafen ist es einfacher. Aber hier gucke ich nur vor eine Hauswand, kann noch nicht mal etwas beobachten. Das bin ich nicht gewohnt. Aktives Nichtstun ist anstrengend. 

 

Donnerstag, 26. März - Tag 37

Die Sonne lockt in die Eisdiele. Dort sitzt Alice um 16 Uhr, Studentin aus Mainz. Ich mache Pause im Auto, bin also etwas schneller unterwegs. Aber sieben Minuten bleiben sieben Minuten.

Marie: Die Autos an der Autobahnausfahrt bewegen sich nur noch schleichend. Stau. Ich sitze mittendrin, auf der Rückbank eines grauen Opel. Wie dreckig so eine Ausfahrt ist. Auf dem Grünstreifen an der Straßenseite liegt ein buntes Allerlei aus Plastiktüten, Flaschen und Fastfood-Verpackungen. Schade, dass nur ich das sehe. Resteentsorgung durch das Autofenster ist Müll!

Alice: Das Eis war eine Geschmacksexplosion: Schokolade, Nuss, Waffel, Sahne... es war so viel, dass ich nicht alles geschafft habe. Erstmal sacken lassen. Ich kann verschiedenen Gesprächen lauschen. Hier sind Familien, Freunde, Arbeitskollegen und Paare. Sie sprechen über lustige Partys, Streit, die letzten Ereignisse. Die Eisdiele ist kein Ort zum Entspannen, aber hier kreuzen sich viele Erlebnisse. Es macht Spaß, mitten in dieser Hektik "Stop" zu mir selbst zu sagen und ruhig zu sein.

 

Mittwoch, 25. März - Tag 36

Auf Facebook habe ich veröffentlicht, dass ich Freiwillige suche, die mit mir Fasten. Kollegin Anna aus Bad Oeynhausen macht trotz Abistress um 15.30 Uhr mit. Und auch Ann-Kristin hat Lust. Sie ist Gemeindereferentin am Möhnesee in Westfalen und gerade schwanger.

Wolken, Foto: Marie Eickhoff
Sind diese Wolken nur Illusion? Foto: Marie Eickhoff

Marie: Es ist wie eine Achterbahnfahrt. Als würde ich durch die Wolken fliegen. Dieses Bild ist plötzlich in meinem Kopf. Beim Einatmen spannt sich mein Körper an, beim Ausatmen macht er sich locker. Hoch, runter. Von einer Wolke zur nächsten. Nach sieben Minuten ist mir schwindelig.

Anna: Meine letzte Schulwoche läuft. In der Schule verkleiden wir uns und machen jeden Abend Party. Das bedeutet viel Spaß und wenig Schlaf. Heute Nachmittag bin ich mit Freundinnen shoppen. Ich habe extra einen Handyalarm gestellt, damit ich die Pause nicht vergesse. Als er klingelt, ziehe ich mich zwischen Männersocken und Boxershorts zurück. Hier sind alle so in Hektik, dass sie mich auf dem Hocker übersehen. Die sieben Minuten kommen mir lang vor, aber ich genieße die Pause. Sie ist kein Verzicht, sondern eindeutig ein Geschenk!

Ann-Kristin: Zum ersten Mal dieses Jahr sitze ich auf der Terasse. Die Bäume sind noch kahl, sodass ich bis zum Möhnesee gucken kann. Die Beine habe ich ausgestreckt, die Hände auf dem Bauch. Das Kind darin ist aktiv. Es tritt mich in die Seite und unter den Rippenbogen. Angenehm ist anders. Mit der Hand drücke ich vorsichtig zurück. Bald wird es ruhiger. Anscheinend hat es eine bequeme Haltung gefunden. Jetzt können wir nur noch sein.

 

Dienstag, 24. März - Tag 35

Heute mache ich Pause mit meiner Mama. Sie Zuhause, ich in der Redaktion. Nach den sieben Minuten tauschen wir uns am Telefon aus.

Marie: Den verträumten Blick habe ich mittlerweile ganz gut drauf. Wie beim Träumen sehe ich dann alles etwas unscharf und versinke in meinen Gedanken. Bestimmt sitzt Mama gerade im Wohnzimmer, in dem grauen Ledersessel. Der ist viel bequemer als mein Rollstuhl hier. Ich versuche mich in den Sessel zu denken. Unter die helle Holzdecke und das Bücherregal. Zuhause riecht es etwas nach Holz...schon habe ich den Geruch in der Nase. Was die Phantasie nicht alles kann.

Mama: "Oh Gott, oh Gott" geht es mir durch den Kopf. Vor der Pause habe ich kurz ferngesehen. Auf jedem Sender wurde vom Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine in Frankreich berichtet. Was ein schreckliches Unglück. Ich überlege, wie ich reagiert hätte, wenn meine Kinder in dem Flugzeug gesessen hätten. Plötzlich hab ich einen Ohrwurm. "Aufbruch hier, Aufbruch jetzt". Der Vers des Kirchenlieds geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Daran halte ich mich fest.

 

Montag, 23. März - Tag 34

Diese Woche möchte ich nicht allein fasten. Mal sehen, wen ich überzeugen kann, auch mal sieben Minuten Pause zu machen. Meine Freundin Hanna aus Mainz sagt schnell zu. Wir verabreden: Von 20 bis 20.07 Uhr machen wir nichts.

Marie: Ich setze mich in der Mainzer Innenstadt auf eine Mauer. Gegenüber ist das Gutenbergmuseum. Auf der höchsten Spitze des Hauses trohnt ein Buchfink. Er beschallt den ganzen Platz mit seinem Gezwitscher. Das ist der Gesang des Frühlings.

Hanna: Eingemummelt in eine Decke sitze ich nach dem Essen auf dem Balkon. Seit letzter Woche stehen die Liegestühle draußen. Ich höre Autos vorbeifahren und die Nachbarskinder beim Verstecken spielen. Aber vor allem schaue ich in die Sterne. Eines meiner Lieblingsdinge, wenn ich abends draußen bin. Mir kommt das Lied "Universum" von Ich+Ich in den Sinn. In einer Strophe heißt es: "Du kannst in die Sterne fliegen, am Orion vorbei." Wenn ich mir die Sterne anschaue, fühle ich mich klein und unbedeutend. Wie ein kleines Rad im großen Getriebe.

 

Blick durchs Fernrohr, Foto: Marie Eickhoff
Immer auf dem richtigen Kurs
Foto: Marie Eickhoff

Sonntag, 22. März - Tag 33

Gemächlich bewegt sich die MS RheinFantasie über das Wasser. In der Kabine des Käpt'ns läuft leise Radio, der Schiffsführer ist konzentriert. Von einem hohen Ledersitz aus steuert er das Schiff mit einem Hebel. Vor und neben sich hat er Radar, Fernglas und diverse Knöpfe.

Hier oben gibt es einen Rundumblick auf Fluss und Ufer. Sport- und Schokoladenmuseum ziehen vorbei. Geradeaus ist die Kölner Hohenzollernbrücke zu sehen. Bei dieser Perspektive ist egal, dass selbst der Fahrradfahrer an Land schneller ist als das Schiff. Seemänner wissen eben, was reicht im Leben: Eine Hand breit Wasser unterm Kiel.

 

Samstag, 21. März - Tag 32

Kölner Dom, Foto: Junge Presse e.V.
Auch vom anderen Rheinufer ist der Kölner Dom
sichtbar. Foto: Junge Presse e.V.

Er ist das Wahrzeichen von Kölle: Der Dom. Die Spitzen des gotischen Baus tauchen im Stadtlogo und auf fast jeder kölschen Grußkarte auf. Beinahe so atemberaubend wie die Kirche sind die Stufen vom Bahnhof bis zu den Toren der Kathedrale.

Von der Domplatte aus habe ich die Stufen die Treppe bestens im Blick. Für die junge Clique ist sie ein Pausenpunkt, für den Tänzer mit dem weißen Anzug eine Bühne, für den Touristen eine Hürde und für einige vielleicht eine Himmelsleiter. Das kann ich nicht sehen. Ich höre nur die Sambatrommeln einer Protestgruppe auf der anderen Seite des Doms. Olé!

 

Freitag, 20. März - Tag 31

Wie Ameisen strömen die Besucher ein. Ich bin im Kölner Mediapark, sitze ganz oben im Cinedom. Das verglaste Gebäude beherbergt 13 Kinosäle und diverse Restaurants. Im zweiten Stock ist mein Platz. Mit freiem Blick ins Erdgeschoss, denn die Etagen sind wie Galerien angelegt.

Das Kuppeldach ist mit kleinen Lichtern dekoriert. Als es draußen dunkel wird, funkeln sie wie Sterne.
Aber LAUT ist es! Warum fällt mir das erst jetzt auf? Gerade habe ich einen Artikel geschrieben. Anscheinend ist im Arbeitsflow eine Stille erlebbar, die gar nicht da ist. Stille überhört.

 

Donnerstag, 19. März - Tag 30

Freiwillig bleibt hier niemand stehen. In der Eingangshalle des Kölner Hauptbahnhofs ist es laut und eng. 250.000 Menschen schieben sich pro Tag mit ihrem Gepäck zum richtigen Gleis. Der Boden ist glatt, damit die Koffer besser rollen. Vor mir liegen vier Tage Jugendmedienevent, eine Veranstaltung der Jungen Presse e.V.

Kölner Hauptbahnhof, Foto: Marie Eickhoff
Kölner Hauptbahnhof, Foto: Marie Eickhoff

Ich stehe gegenüber vom Infoschalter. Genervt warten die Reisenden davor. Ein Mann mit Rockerweste feilt seine Nägel. Amüsant. Stehe ich eigentlich im Weg? Wahrscheinlich.

 

Mittwoch, 18. März - Tag 29

Heute probiere ich es mal mit sieben Minuten für Gott. Fromme Phase, könnte man meinen. Aber warum die Zeit nicht zum Beten nutzen. Doch wie geht das? Gedanklich gehe ich den Tag noch mal durch. Dabei fühle ich mich wie in der Schule bei der Hausaufgabenkontrolle. Heft auf - so sieht es aus, Gott. Ich öffne mich nicht gerne. Obwohl es nur in meinem Kopf passiert, fühle ich mich unwohl.

Ich beginne eine Liste von Wünschen. Gesundheit, Glück, Frieden. Für meine Familie, für meine Freunde, für mich. Wenn ich schon mal dabei bin, wünsche ich mir direkt das volle Programm. Dieses Beten kommt mir gestellt vor. Das Wichtigste wusste Gott wahrscheinlich eh schon.

 

Dienstag, 17. März - Tag 28

"Du bist müde und ausgelaugt", singt er. "Hast deine Kräfte ausgebraucht." Die dunkle Stimme bohrt sich in mein Ohr. In dreißig Minuten hört Johannes Falk auf zu singen. Dann geht der CD-Player aus. Sleep-Funktion nennt sich das. Die habe ich angemacht, damit beim Einschlafen noch ein bisschen Musik läuft. Das Lied macht mich locker. Es füllt Ohren und Kopf, sodass kein Platz für andere Gedanken ist. "Komm und ruh dich aus. Lass die Gedanken einfach fliegen." Nichts lieber als das.

Das Lied zum Nachhören: Komm und ruh dich aus von Johannes Falk

 

Montag, 16. März - Tag 27

Morgens um sieben mal das Fenster aufgemacht? Vor meinem ist dann schon ordentlich was los. Die Vögel sind wach und zwitschern fröhlich. Nur das Gurren der Tauben erkenne ich. Als würden sie einen morgendlichen Plausch halten. Vielleicht tauschen sie die Nachrichten des Tages aus.
In das Gezwitscher mischen sich Automotoren und Flugzeugturbinen. An der Eingangstür treffen sich zwei Nachbarn, höre ich. Ein freundliches "Morgen!" wird ausgetauscht. Guten Morgen!

 

Sonntag, 15. März - Tag 26

Züge machen Musik. Ja wirklich. Als der ICE hinter mir anfährt, erzeugt er Geräusche. Sie klingen wie Töne, die gerade eine Dur-Tonleiter hochwandern. Auf den ersten Blick ist es an diesem Bahnsteig dreckig und kalt. Hier in Dortmund, im Ruhrpott. Hier treffen sich Wege, Menschen, Geschichten. Die Züge machen dazu Musik. In Dur, nicht in Moll.

 

Samstag, 14. März - Tag 25

Mit 130 km/h jagt das Auto über den Asphalt. Ich bin Beifahrerin auf der A44 Richtung Heimat. Bäume und Straßenpfosten verschwimmen in meinem Augenwinkel. Der Scheibenwischer schiebt die Regentropfen von der Frontscheibe und quietscht. Blinker setzen - tak, tak, tak, tak - und links vorbei am Lastwagen - niiiuuu. Es funktioniert hervorragend: Nichts tun und trotzdem vorankommen.

 

Freitag, 13. März - Tag 24

Vier Anhänger Holz. Erst beladen und dann leer geräumt. Wochenenden bei meiner Familie im Sauerland sind immer mit Arbeit verbunden. Dieses Mal: Holzaktion. Danach ist eine Pause dringend nötig. Aber im Pausenmodus machen sich plötzlich Arme, Beine und Rücken bemerkbar. Hallo zusammen! Ich würde gerne grüßen, aber der Arm ist zu schlapp.

 

Donnerstag, 12. März - Tag 23

Nichtstun provoziert. Viele belächeln meine Fastenaktion. Sie verstehen nicht, was daran schwierig sein soll. Doch viele sind auch neugierig. Selbst testen? Aaron hat sich getraut:

"7 Minuten nichts tun? Kein Problem, das hab' ich nach meinem Abi schließlich ein ganzes Jahr gemacht - zumindest laut meiner Mutter. Gar nicht so leicht, meinte aber Marie und forderte mich zu einem Gastbeitrag auf. Gesagt, getan - beziehungsweise nichts getan.

Das Schwierigste ist wohl die Definition von "Nichtstun". Verstoßen diese Gedanken zum Beispiel schon gegen die Spielregeln? Aus meinem Grübeln über die Definition riss mich der Computermonitor. Ihm dauerte das anscheinend zu lange mit dem Nichtstun im Wachzustand und er legte sich schlafen, wurde schwarz. Wenig später hatte eine Kollegin Feierabend. Dass ich auf ihre Abschiedsworte nicht antworten durfte, war mir unangenehm.
Erkenntnis: Wenn der Monitor es darf, sollten wir uns ruhig auch unsere Auszeiten nehmen. Allerdings müssen wir uns nicht gleich ausschalten, Standby reicht." (Aaron Becher)

 

Mittwoch, 11. März - Tag 22

Sanduhr in Mainz, Foto: Marie Eickhoff
"Größte und genauste Sanduhr der Welt"
Foto: Marie Eickhoff

Ich habe mich der Zeit unterworfen. Heute sitze ich unter einer riesigen Sanduhr. Die steht in Mainz neben dem Naturhistorischen Museum. Sie ist laut Beschreibung die "größte und genauste Sanduhr der Welt". Ein Geschenk der Glaswerke Schott an die Stadt Mainz.

Stündlich dreht sich die Uhr mit einem kleinen Antrieb um. Durch zwei Glaszylinder strömt so kontinuierlich Granulat. Es fühlt sich an, als würde es meinen Rücken runter rieseln. Die Zeit fließt. Sie lässt sich nicht stoppen. Egal, ob sie in Sekunden oder Sandkörnern gemessen wird.

 

Dienstag, 10. März - Tag 21

So einfach ist es nicht. Es fällt mir extrem schwer, jeden Tag bewusst (!) nichts zu tun. Und ich gestehe: Heute habe ich nicht darauf geachtet, wie lang meine Pause war. Irgendwie war ich zu erschöpft. Dem Nichts täglich einen Platz im Kalender freizuhalten, wird langsam nervig.
Aber ich mache weiter.

 

Montag, 9. März - Tag 20

Augen zu und durch! Beim ersten Frühlingsausbruch zieht es alle in die Stadt. Massenweise Eiskugeln werden abgeschleckt und weiße Waden in die Sonne gehalten.
Ich habe zum ersten Mal in diesem Jahr meine Sonnenbrille auf. Die dunklen Gläser schützen meine Augen und mein Ego. Denn hinter der Lichtschutzwand traue ich mich, mitten an der Bushaltestelle, die Augen zuzumachen. Sieht ja keiner.

Sonnenbrille, Foto: Marie Eickhoff
Sonnenschutz und Seelenschutz
Foto: Marie Eickhoff

Allerdings sehe auch ich nichts mehr. Vielleicht starren mich gerade Touristen an, vielleicht lachen die Kinder hinter mir gerade über mich. Mir egal, ich fühle nur die Sonne im Gesicht. Sonnenbrillen helfen beim Nichtstun.

 

Sonntag, 8. März - Tag 19

Der Tag ist rum. Nur gefastet habe ich heute noch nicht. 23 Uhr, ich liege im Bett. Muss das jetzt noch sein? Okay, die Fastenzeit ist erst in der Hälfte. Da will ich mal nicht kneifen. Sieben Minuten werde ich mich schon noch auf's Nichtstun konzentrieren können. Tatsächlich vergeht die Zeit erstaunlich schnell. Denn ... ich bin ein geschlafen.

 

Samstag, 7. März - Tag 18

Aus dem Nebenzimmer tönt Kindergeplapper. Vorlesestunde mit Papa. Der Große kommt die Treppe hoch und will mit dem ferngesteuerten Auto raus. Ich bin zu Besuch in Leipzig. Familienalltag mit zwei Kindern. Die Jungs bewegen sich altersmäßig im einstelligen Bereich. Wie ich in dem Alter war?

Die Mama kommt in meinen Pausenraum. Verdutzter Blick, verwirrter Stopp. Ich muss aufklären. Sie setzt sich an ihren Computer, ich sinniere auf der Couch. Sie wirft einen Blick rüber, lacht. Meine Mundwinkel ziehen sich mit hoch. "Das muss dir nicht peinlich sein", sagt sie. Peinlich? Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Hier fällt Nichtstun ziemlich auf.

 

Freitag, 6. März - Tag 17

Im Zug ist immer was los, egal zu welcher Uhrzeit. 11 Uhr morgens und der Zugbegleiter verteilt Cappuccino. Durch den Gang turnen zwei Kinder und streiten sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Vom Halt in Fulda haben wir fünf Minuten Verspätung mitgenommen.

Der Mann neben mir nutzt die Fahrt für eine Pause. Er hat seinen Sitz nach hinten gestellt, die Arme verschränkt und die Augen geschlossen. Wirklich abschalten, gelingt hier nicht - zumindest mir nicht. Eingesperrt zwischen Gepäck, verbunden in einer Zweckgemeinschaft. Während vor den getönten Scheiben die Idylle vorbeifährt.

 

Donnerstag, 5. März - Tag 16

20 Uhr. Puh. Ich lasse mich in den Sessel plumpsen. Dabei sollte ich jetzt Koffer packen und dringend das Chaos hier beseitigen. Später. Die Tagesschau fängt ja gerade erst an.
Ich lasse mich fallen. Zum Glück guckt niemand zu, wie ich alle Viere von mir strecke. Mein Bauch ist überrascht und gluckst glücklich. Das Gesicht verkrampft noch. Langsam versuche ich, die Sorgenfalten zu glätten, das Dauergrinsen zu lockern. Als die Pause rum ist, läuft die Tagesschau immer noch.

 

Kaffeetasse, Foto: Marie Eickhoff
Kaffeepause. Foto: Marie EIckhoff

Mittwoch, 4. März - Tag 15

Kaffeezeit, 15 Uhr. Dann verbringe ich die doch mal dort, wo man sie am besten verbringt: im Café. Ich bestelle eine heiße Schokolade und setze mich damit an einen Fensterplatz. Die Jacke lasse ich an, es ist heute irgendwie ungemütlich. An der Tasse werden die Hände wieder warm.

Zwei ältere Damen lassen sich neben mir nieder. "Hach, so eine Pause tut gut!" Stimmt. Der Mann am Tisch gegenüber ist schon fertig. Nur ein Bissen von seinem Mettbrötchen ist übrig geblieben. Er geht und ein junges Pärchen kommt rein. Die beiden reden nicht. Er rührt im Espresso, sie legt den Kopf auf die Hand und schließt die Augen. Sie ruhen sich einfach aus. Warum bin ich nicht öfter hier? Ich dachte immer, eine Kaffeepause dauert lange. Dabei reichen sieben Minuten.

 

Dienstag, 3. März - Tag 14

Die Würfel haben entschieden: 10 Uhr Pause. Das hat heute gerade noch gefehlt. Ob das klappt? Nichtstun mitten im Redaktionsrummel? Um 9.59 Uhr schreibe ich hektisch einen Zettel "Ich mache Pause" und lege ihn neben mich. Dann geht es los und ich muss am Schreibtisch sitzen bleiben.

Nach drei Minuten geht der Bildschirmschoner an und Frühlingsblumen wandern über den Computer. Wie viele Mails ich jetzt schreiben könnte, wie viele Zeilen tippen. Obwohl ich abschalten will, rattert es in meinem Kopf weiter. Diese Pause auf Kommando stresst mich.
 

Montag, 2. März - Tag 13

Mainzer Dom in der Sonne, Foto: Marie Eickhoff
Ein Platz an der Sonne. Foto: Marie Eickhoff

Diese Woche lasse ich die Würfel entscheiden. Damit ich mir nicht aussuche, wann eine Pause gerade passt, lege ich mit drei Würfeln die Pausenzeit fest. Heute ergeben die Würfelaugen: 12. Die absolute Mittagszeit. Um Punkt zwölf mache ich sonst nie Mittagspause. Na gut.

Ratzfatz ist die erste Tageshälfte rum und ich kann gerade noch die Treppe runter hechten, da läuten schon die Glocken des Doms. Angelusläuten. Ich stürme auf die nächste Bank zu. Sonnenplatz mit Blick auf den Dom. Huch, wo kommt denn der Frühling her? Ich strecke die Beine aus und das Gesicht in die Sonne. Nur wenige Schritte von der Redaktion entfernt bin ich plötzlich gedanklich ganz weit weg. Mein Tagestipp: Selbst testen!

 

Sonntag, 1. März - Tag 12

Erstaunlich, wie viele hier stehen, sitzen, warten und nichts tun. Fünf Busse kommen innerhalb der sieben Minuten an. Sie halten kurz, tauschen das Publikum an der Bushaltestelle aus und fahren brummend weiter.

An der Bushaltestelle, Foto: Marie Eickhoff
An der Bushaltestelle
Foto: Marie Eickhoff

Auch mein Bus kommt ... und fährt. Ich bleibe dann mal noch eine Runde. Eine Pause an der Bushaltestelle ist Nichtstun für Einstieger. Es sei denn, man verpasst den Einstieg.

 

Samstag, 28. Februar - Tag 11

Trippeln, Trappeln, Stampfen, Schlurfen. In der Fußgängerzone mischen sich die Bewegungen zu einem Geräuschteppich. Ich sitze auf einer Bank mitten drin. Alles ist in Bewegung - außer dieser Bank. Die Vorbeieilenden merken das nicht. Ihr Blick geht schon in das nächste Geschäft. Auch ich kämpfe gegen meinen Instinkt. Lasse die Taschen stehen und bleibe sitzen.

Neben mir wird über Currywurst gefachsimpelt. Mein Sitznachbar spricht vorwurfsvoll ins Handy: "Weißt du noch, wohin du kommen wolltest?" Er wurde wohl vergessen. Meine sieben Minuten sind jetzt um. Ich stehe auf und reihe mich wieder in die Masse ein.

 

Freitag, 27. Februar - Tag 10

Regen knistert. Genau wie diese Knisterbrause. So hören sich die Wassertropfen an, die auf meinen Daunenmantel fallen. Ich stehe gegenüber einer breiten Schaufensterwand und lasse mich benieseln. Eine Verkäuferin geht an der Scheibe vorbei und lächelt mir zu. Die hat gut lachen in ihrer Fellweste und mit warmer Heizungsluft in den Haaren.

Hinter der Hausecke sitzt ein Akkordeonspieler. Er hat seine russische Fellmütze über die Ohren gezogen und spielt "Strangers in the night". Ein bisschen strange ist das hier. Ein bisschen verrückt.

 

Donnerstag, 26. Februar - Tag 9

Es ist viel zu früh zum Aufstehen. Ich schiebe die Decke wieder hoch bis unter die Nase und rolle mich auf die Seite. Heute bleibe ich einfach sieben Minuten länger liegen, im Bett. Wozu hat der Wecker sonst diese Schlummer-Funktion? Mit angewinkelten Beinen kuschel ich mich in die Kissen und treibe zurück in die Traumwelt. Nichtstun kann so verführerisch sein.

 

 

 

Möven am Rhein, Foto: Marie Eickhoff
Die Möven fliegen in den ruhigen Moment am Rhein.
Foto: Marie Eickhoff

Mittwoch, 25. Februar - Tag 8

Ungewohnt, einfach nur hier zu sitzen. Allein am Ufer des Rheins, direkt an der Promenade. Eine Möwe fliegt in mein Blickfeld, lässt sich vom Wind tragen. Das würde ich auch gerne können.
Tack, tack, tack ... hinter mir geht ein Mädchen vorbei und wirft bei jedem zweiten Schritt ihren Basketball auf den Boden. Mensch, so unromantisch! Wesentlich gemütlicher schieben sich die Containerschiffe durchs Wasser. Die Strömung des Flusses scheint langsamer als der Lauf der Zeit.

 

Dienstag, 24. Februar - Tag 7

Die Gelegenheit ist günstig. Gerade macht die Kollegin Mittagspause, dann schiebe ich mal mein Päusken in den Tagesplan. Heute wird die Zeitung gedruckt, da ist viel los.
Um das Treiben auf dem Flur zu dämpfen, lege ich den Kopf auf den Tisch und die Arme darum. Es wird warm in meinem Nest, und die Geräuschkulisse etwas leiser. Aber der Kopf drückt ordentlich auf den Tisch. Was bleibt: ein roter Abdruck auf der Stirn. Nichtstun hinterlässt Spuren.

 

Montag, 23. Februar - Tag 6

Neue Nachricht, Foto: Julia Hoffmann
Eine neue Nachricht
Foto: Julia Hoffmann

Da pinne ich extra einen Zettel an die Tür "Psssst...hier wird gefastet" und vermassle es dann selbst. Nach einer Minute Schweigen wackelt und klingelt das Handy. Alarm, Alarm, eine neue Nachricht. Das war es dann mit der Stille.
Na gut, ich sehe es ein: Dieses smarte Gerät ist einfach nicht dafür gemacht, nichts zu tun. Da hat meine Stille-Strategie wohl einen Systemfehler. Ab morgen wird mit Kurzzeitwecker geschwiegen.

 

 

Sonntag, 22. Februar - Tag 5

Kurze Tatort-Pause. Mit einem Klick drehe ich den Kommissaren den Ton ab. Füße ausgestreckt, zurückgelehnt. Ich hätte die dicken Socken anziehen sollen, es wird ganz schön frisch an den Füßen. Aber wenn man nichts tut, kann man eben auch nichts ändern.

 

Samstag, 21. Februar - Tag 4

So recht will das heute nicht klappen mit der Stille. Die Nachbarn feiern Geburtstag. Fröhliches Gelache und Gläserklappern dringen durch die Wand. In meinem Schrank liegen zwischen den CDs noch Kopfhörer. Als ich sie aufsetze, baumelt das Kabel in der Luft. Wenn keine Musik durch die Kopfhörer kommt, wirken sie wie eine Muschel. Sie verstärken das rauschende Blut in den Ohren. Wie ein fernes Meer.
Die Party der Nachbarn läuft immer noch. Gar nicht so einfach mit der Stille. Auch wenn sie willkommen ist, kommt sie nicht immer.

 

Freitag, 20. Februar - Tag 3

Die Tür mache ich direkt mal zu und auch die Augen. Das hilft, dann lasse ich mich nicht so leicht ablenken. Wie gerne würde ich jetzt eben aufs Handy gucken. Nur kurz checken, ob eine neue Nachricht gekommen ist. Dabei kann die locker sieben Minuten warten. Ganz schön affig!

Ich schiebe den Gedanken beiseite. Heute zähle ich zum ersten Mal die Sekunden mit. Das passiert unbewusst, leise, nur in meinem Kopf. Ich konzentriere mich auf meinen Atem und vergesse das Zählen wieder. Der Rhythmus beruhigt. Und plötzlich entspannen sich meine Ohren. Das habe ich noch nie erlebt! Angenehm.

 

 

 

Sanduhr vor Mainzer Dom, Foto: Anja Weiffen
Zeitlos  Foto: Anja Weiffen

Donnerstag, 19. Februar - Tag 2

Dieses Warten macht mich verrückt. Meine Beine kribbeln schon, ich hätte sie nicht übereinanderschlagen sollen. Und der Arm, der meinen Kopf stützt, wird immer schwerer. Okay, genau genommen kann nur der Kopf schwerer werden. Aber innerhalb von sieben Minuten? Es fühlt sich so an.
Dieses Warten macht mich unruhig. Sollte Ruhe nicht beruhigen? Ich höre die Kollegin über den Flur laufen. Hoffentlich will sie nicht zu mir. Nein, sie geht raus. Am liebsten würde ich hinterher rennen.
 

 

Mittwoch, 18. Februar 2015 - Tag 1

Die Zeit läuft. Sieben Minuten habe ich am Handy eingestellt und es unter meine Hände gelegt. Ob sich die Zeit sehr ziehen wird? Tür zu, Computerbildschirm aus. Auf der schwarzen Fläche ist eine ordentliche Staubschicht. Während ich die verwischten Stellen im Staub betrachte, vernebelt mein Blick. Im Augenwinkel sehe ich ein flackerndes rotes Licht. Das Telefon, die Kollegin telefoniert.

Vor dem Fenster höre ich die Flugzeuge. Wohin die jetzt wohl fliegen?
Plötzlich knackt es in der Decke. Seufzt sie? Mein Kopf sackt weiter nach unten, ich lege ihn in den Nacken. Die Augen sind mittlerweile zugefallen. Da fängt das Handy unter meiner Hand an zu vibrieren. Schon vorbei? Das rote Licht am Telefon flackert noch. Also nichts verpasst.

 

Dienstag, 17. Februar 2015 - Morgen geht's los!

Noch überwiegt die Anspannung. Jetzt brauche ich Disziplin, Geduld und innere Ruhe. Gar nicht so einfach im hektischen Alltag. Als Journalistin strömen jeden Tag Nachrichten auf mich ein und es fällt mir schwer, zur Ruhe zu kommen. Wirklich innehalten – das macht mir irgendwie Angst.

Und wie funktioniert das rein praktisch gesehen? In welcher Position ruht es sich am besten? In welcher Umgebung? Das Nichts will gründlich vorbereitet sein.

Was dann beim Schweigen passiert, bleibt eine Überraschung. Vielleicht schaltet sich irgendwann das Denken aus, vielleicht beginnt das Grübeln auch erst recht. Ich bin gespannt, was passiert.