14.03.2017

Solidarisch statt „America first“

„Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind.“ Das Einstein-Zitat regt dazu an, sich mit der Enzyklika „Laudato Si“ immer wieder auseinanderzusetzen. Die Limburger Diözesanversammlung hat dies getan. Von Heike Kaiser.

„Die Welt ist ein freudiges Geheimnis“, stellt Papst Franziskus fest. | Foto: Fotolia/Romolo Tavoli
„Die Welt ist ein freudiges Geheimnis“, stellt Papst Franziskus fest. | Foto: Fotolia/Romolo Tavoli

„Das ist ein Schatz, der vor anderthalb Jahren in die Welt gegeben worden ist.“ Sagt Christoph Bals über die Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus. Bals ist politischer Geschäftsführer bei Germanwatch. Er hat die unabhängige Entwicklungs- und Umweltorganisation 1991 mitgegründet, die sich für eine zukunftsfähige globale Entwicklung einsetzt.

Er legt dar, inwieweit die Enzyklika als Basis für einen Dialog mit Wissenschaft und Gesellschaft dienen kann. „Ein zentraler Aspekt ist, dass die Enzyklika Umwelt und Soziales zusammen bringt: Die Umweltprobleme der Erde lassen sich nicht ohne Bekämpfung der Armut lösen, und die Armut lässt sich nicht bekämpfen, ohne die Umwelt in ihrer Zerbrechlichkeit zu bedenken“, heißt es in der Einladung zu der Sitzung.

Eine Einschätzung, die Bals teilt: „Die doppelte Stoßrichtung der Enzyklika heißt Schonung der Natur und Verteidigung der Armen“, unterstreicht er. Sie sei ein Gegenprogramm zu Nationalismus und Fundamentalismus und setze auf universale Geschwis-terlichkeit statt auf Rassismus. Auf Lösungsperspektiven statt auf Interessen einzelner Länder. Auf Solidarität aller Völker statt auf „America first“: „Eine gelungene Provokation für eine pluralistische Gesellschaft“ mit der Aufforderung, „nicht zu mauern, sondern in den Dialog zu treten“. Ein roter Faden der Enzyklika, so Bals, sei die Aussage des Papstes: „Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise.“

Ein „ausgesprochen innovativer und erstaunlicher Ansatz“ seitens der katholischen Kirche sei, „klar zu sagen, dass jede Kultur, jede Religion ihr Bestes mobilisieren muss, um diese Krise zu lösen“, betont Christoph Bals. Entscheidend sei ein Wechsel in der Grundauffassung von der Herrschaft des Menschen über die Erde hin zur universalen Geschwisterlichkeit. „Wir brauchen eine neue Solidarität“, zitiert Bals Papst Franziskus. Und: „Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle.“

Nichts beschönigt und doch hoffnungsvoll

Bals hat am meisten überrascht, „dass die Enzyklika nichts beschönigt, aber trotzdem hoffnungsvoll über die Zukunft redet“. Sie sei eine „Froh- statt Drohbotschaft“: „Die Welt ist mehr als ein zu lösendes Problem, sie ist ein freudiges Geheimnis, das wir mit frohem Lob betrachten. Mögen unsere Kämpfe und unsere Sorgen um diesen Planeten uns nicht die Freude und die Hoffnung nehmen“, zitiert Bals aus „Laudato Si.“

Die Diözesanversammlung teilt die Hoffnung von Papst Franziskus, dass eine bessere Welt möglich ist, in der alle Menschen ihrer Würde entsprechend leben können. So heißt es in ihrer Erklärung „Pro Schöpfung“. „Wir begrüßen die Anregungen, die sie zum Dialog über soziale Fragen, zu Armuts- und Umweltfragen bietet. Nur das Verbinden dieser Aspekte führt zum Erfolg, alles andere ist zum Scheitern verurteilt.“

Die Enzyklika solle auch aus der Perspektive der Weltkirche verstanden und umgesetzt werden. „Wir lernen aus unseren Partnerbistümern in Afrika und Asien, dass sich aus ,Laudato Si’ konkrete Maßnahmen zu Klima und Umwelt vor Ort ergeben und dies dann zu nachhaltigen Verbesserungen des gesellschaftlichen Lebens führt“ – etwa bei Schulbildung und Geschlechtergerechtigkeit.

„Es geht uns auch darum, im Sinne einer Selbstverpflichtung den eigenen Lebensstil zu überprüfen, sich an kleinen Schritten zu freuen und daraus den Mut zu schöpfen, nicht vor den großen Problemen zu resignieren“, heißt es in der Erklärung weiter. Es gelte, sich bewusst zu machen, „dass die ständigen Konsumanreize falsche Signale senden. Es ist aus unserer Sicht nicht richtig, dass durch viel Konsum ein gutes, glückliches Leben entsteht.“ Durch Ausbeutung und Überproduktion entstünden nur Verlierer: „Umwelt, Tiere, die Armen und schlussendlich alle Menschen.“

Informationen: https://dioezesanversammlung.bistumlimburg.de

 

Meinung: Weg von der Nabelschau

Schon mit ihrer Erklärung „Wider den Rechtspopulismus“ im November vergangenen Jahres hat die Diözesanversammlung einen Nerv getroffen: Das belegen Rückmeldungen, die Tatsache, dass Katholikenräte in anderen Bistümern das Thema jetzt ebenfalls aufgreifen, und Aktionen, zu denen die Erklärung inspiriert hat – zum Beispiel ein Training gegen Stammtischparolen in Oberursel.
Und nun eine Resolution zum Thema Umwelt und Soziales auf Grundlage der päpstlichen Enzyklika „Laudato Si“. Die Diözesanversammlung beweist, dass sie mehr kann als „innerkirchliche Nabelschau“. Dass sie Themen diskutiert, die Kirche, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gleichermaßen angehen oder angehen sollten. Weiter so!

 

Meinung: Weg von der Nabelschau

Von Heike Kaiser

Heike Kaiser Foto: Marie Eickhoff
Heike Kaiser
Foto: Marie Eickhoff

Schon mit ihrer Erklärung „Wider den Rechtspopulismus“ im November vergangenen Jahres hat die Diözesanversammlung einen Nerv getroffen: Das belegen Rückmeldungen, die Tatsache, dass Katholikenräte in anderen Bistümern das Thema jetzt ebenfalls aufgreifen, und Aktionen, zu denen die Erklärung inspiriert hat – zum Beispiel ein Training gegen Stammtischparolen in Oberursel.
Und nun eine Resolution zum Thema Umwelt und Soziales auf Grundlage der päpstlichen Enzyklika „Laudato Si“. Die Diözesanversammlung beweist, dass sie mehr kann als „innerkirchliche Nabelschau“. Dass sie Themen diskutiert, die Kirche, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gleichermaßen angehen oder angehen sollten. Weiter so!