Kommentar zur Enzyklika Laudato si'

Viva la Revolución

Von Roland Juchem

Nein, eine Umweltschutz- oder gar nur Klima-Enzyklika ist das erste Rundschreiben dieser Art aus der Hand von Papst Franziskus nicht. Das gut 200-seitige Schreiben, dessen deutsche Übersetzung mitunter etwas holprig ausfällt, ist wesentlich mehr. Es ist der Aufruf, „in einer mutigen kulturellen Revolution voranzuschreiten“. Ihr Schlachtruf: „Weniger ist mehr!“
Laudato si’ ist ein komplexes Werk: Es steigt auf in die Höhen von Philosophie und Theologie, referiert natur- und wirtschaftswissenschaftliche Debatten, schilt Machthaber und Entscheider sowie bequeme Christen und ist sich nicht zu schade, praktische Tipps für die Niederungen des Alltag zu geben.
Und es ist ein Schreiben mit Herzblut. Der Papst wird wütend: „Wir bemerken nicht mehr, dass einige sich in einem erniedrigenden Elend dahinschleppen …, während andere nicht einmal wissen, was sie mit ihrem Besitz anfangen sollen.“ Aber ebenso dankt und ermutigt Franziskus all jenen, die „die Klage der Armen und die Klage der Erde hören“.
Und auch wenn – nicht nur in USA – einige getroffene Hunde schon bellen: Selten fielen die globalen Reaktionen auf ein päpstliches Lehrschreiben so positiv aus. Politiker und Wissenschaftler, Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen wie auch nichtkatholische Glaubensgemeinschaften loben die Schrift teils begeistert. Doch so viel Applaus macht argwöhnisch: Wissen sie, was sie da loben?
Wenn der Beifall so groß ausfällt, müsste das Befolgen umso leichter sein. Doch das wird es nicht: Denn die Menschheit ist gefangen. Gefangen in einer doppelten Erbsünde: 1. in einem technologischen Weltbild, das uns ein über Jahrtausende ungeahntes Leben in Wohlstand und Bequemlichkeit verschafft hat, das aber die Erde und ihre Lebewesen wie Dinge behandelt, nur als Mittel zum Zweck; 2. in
einer Ideologie, die ständig wiederholt: Wachstum ist nicht alles, aber ohne Wachstum ist alles nichts.
Aus dieser Erbsünde kommen wir nicht heraus. Jedenfalls nicht alleine, nicht ohne uns erlösen zu lassen durch die Zuversicht, das Vertrauen in Gott. Den Weg nennt Franziskus gleich zu Beginn, um „zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann“: „vom Konsum zum Opfer, von der Habgier zur Freigebigkeit, von der Verschwendung zum … Teilen“. Eine Weise zu lieben, schrittweise von dem, was ich möchte, zu dem überzugehen, was Gottes Welt nötig hat – „befreit von Ängstlichkeit, Habgier und Zwang.