Karl Frielingsdorf ist Jesuit und Pastoralpsychologe

Vom Überleben zum Leben

Das Standardwerk „Psychologie des 20. Jahrhunderts“ nennt Karl Frielingsdorf einen „führenden Vertreter in der Versöhnung zwischen Psychologie und Theologie“ auf katholischer Seite. Viele Studenten haben von der Pionierarbeit des Jesuiten profitiert. Von Klaus Hofmeister.

Karl Frielingsdorf
Karl Frielingsdorf: tiefgläubiger Mensch und
unbestechlicher Therapeut. Foto: privat

Karl Frielingsdorf hat als Hochschullehrer nie nur trocken akademisch gelehrt. Ihm ist es bis heute wichtig, Räume für Selbsterfahrung zu schaffen, damit das Lernen von psychisch-spirituellen Prozessen „am eigenen Leib“ möglich ist. Viele haben in der Arbeit mit Karl Frielingsdorf den „Schlüssel“ gefunden zu einem ganzheitlichen Verständnis von „Heilung“ – und nicht zuletzt für das eigene Heil-Sein und Ganz- Werden.

„Im Leib jedes Menschen ist Gott zu finden“

In den 60er Jahren, als Frielingsdorf seine Studien für die Lehre an Hochschulen begann, war die Kirche noch sehr skeptisch gegen die Psychologie. Sie galt als glaubensfeindlich und sexualfixiert. In Paris kam er bei den Dominikanern mit der jungen Pastoralpsychologie in Berührung. Er unterzog sich einer Psychoanalyse, lernte Gesprächstherapie, Gruppendynamik und fand besonderes Interesse an ganzheitlichen Therapieformen, die Körperarbeit mit einbeziehen. „Im Leib eines jeden Menschen ist Gott zu finden“, sagt er. Der Körper drückt aus, was im Tiefsten verborgen ist: „In Gesten, Mimik und Gestalt wird das oft unbewusst und spontan deutlich.“ Die Sensibilität dafür kennzeichnet die konkrete pastoraltherapeutische Arbeit Frielingsdorfs. Meisterlich bringt er den Körper „zum Sprechen“, sucht er gestalterischleiblichen Ausdruck für das sonst unanschauliche innere Erleben.

„Hinter vielen psychologischen Schwierigkeiten lauern spirituelle Probleme“, betont der Jesuit, „und hinter mancher ‚Glaubenskrise‘ verbirgt sich ein handfestes psychologisches Problem.“ Göttliche Gnade und menschlich-seelische Natur sind eng verbunden. Er zitiert dazu den Satz von Thomas von Aquin: „Die Gnade baut auf die Natur auf und vollendet sie.“

Menschen mit schweren Erbschaften versöhnen

Auch bei gläubigen Menschen fallen Glück und ein „Leben in Fülle“ bekanntlich nicht vom Himmel. Oft ist eine Beschäftigung mit der eigenen Lebensgeschichte, besonders der frühen Biografie nötig, damit die Gnade auch in Verwundungen greifen und Heilung geschehen kann. Menschen, die von Mutter oder Vater unterschwellig abgelehnt oder nur unter Bedingungen geliebt wurden, tragen das oft wie einen Urschmerz in sich, der sie namenlos durch das Leben begleitet, wie eine Melodie, die in dunklen, schweren Tagen komponiert wurde. Die Auseinandersetzung und auch die Versöhnung mit solchen schweren Erbschaften ist möglich. Frielingsdorf entfaltet sie in der von ihm praktizierten und gelehrten „Schlüsselmethode“. Auf spannende und auch für Laien verständliche Weise hat er sie in seinem Erfolgsbuch mit dem Titel „Vom Überleben zum Leben“ beschrieben, das jüngst vollständig überarbeitet neu erschienen ist.

Negativbotschaften aus der Kindheit prägen nicht zuletzt die Beziehung zu Gott. Manchmal sprechen Priester vom „lieben Gott“, tragen aber unbewusst das Bild eines „Leistungsgotts“ oder „Richtergotts“ in sich. Wer seine frühen emotionalen „Schlüsselwörter“ kennt, kann solche „dämonischen“ Gottesbilder entlarven, ist Frielingsdorf überzeugt. Der Titel eines früheren Buches dazu lautet programmatisch: „Der wahre Gott ist anders“.

Psychologie in theologische Studien integrieren

Karl Frielingsdorf gab 1969 erste Seminare an der Philosophisch- Theologischen Hochschule Sankt Georgen, 1977 wurde er zum Professor für Pastoralpsychologie und Religionspädagogik berufen. 1972 war er Mitbegründer der „Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie“ und dort 15 Jahre Vorstandsmitglied. Seine Hoffnung, dass Psychologie in die theologische Grundausbildung integriert würde, erfüllte sich nicht. In den 80er Jahren wurde Pastoralpsychologie als prüfungsrelevantes Fach aus dem Diplomstudiengang Theologie sogar herausgenommen. 1991 gründete er dann das „Institut für Pastoralpsychologie und Spiritualität“, wo Aufbaustudien zum Lizenziat und Doktorat möglich sind.

Legendär sind seine Chansons zur Gitarre

Seit 2003 ist Frielingsdorf emeritiert. Die Zahl seiner Kurse, Supervisionen und Exerzitien hat er zurückgefahren. Er bleibt ein gefragter Gesprächspartner. Seine Leidenschaft, mit Menschen Wege „Vom Überleben zum Leben“ zu gehen, ist ungebrochen. Sein Humor, die Leichtigkeit und Lebensfreude, ein Erbe seiner rheinischen Herkunft, sind ansteckend. Legendär sind seine spontan gedichteten Chansons zur Gitarre. Deshalb werden viele zum Geburtstag seiner nicht nur mit Dankbarkeit gedenken, sondern auch mit einem Lächeln.

 

Zur Sache:

Bücher von Karl Frielingsdorf: 

  • „Vom Überleben zum Leben. Wege zur Identitäts- und Glaubensfindung“, Grünewald-Verlag,
    16,90 Euro
  • „Gottesbilder. Wie sie krank machen – wie sie heilen“, Echter-Verlag, 8,90 Euro