29.11.2017

Advent

Vom Warten und von der Erlösung

374 Tage seines Lebens verbringt jeder Mensch im Schnitt mit Warten. Ganz schön viel Zeit. Oft nervt uns das. Jetzt beginnt der Advent, die Wartezeit auf Weihnachten. Da stellt sich die Frage: Müssen wir uns von all der Warterei im Leben wirklich nerven lassen?


Foto: imago
Klare Ansage: Hier geht’s erst mal nicht weiter. Wir müssen warten.
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Jetzt ist also wieder Advent. Was wir da tun? Ist doch klar: Wir warten auf Weihnachten. Oder? Wie eine Wartezeit fühlt sich der Advent jedenfalls oft nicht an. Wir laden Freunde und Verwandte ein. Wir gehen zu Adventsfeiern, von der Firma, von der Schule und vom Kindergarten, von der Musikkapelle und vom Sportverein. Wir kaufen Geschenke, in der Stadt oder im Internet. Wir rätseln, was wir an den Feiertagen kochen sollen. Wir suchen einen Tannenbaum und schmücken ihn, wir packen die Geschenke ein, wir putzen noch mal schnell das Haus. Wir erwarten schließlich auch etwas: ein ganz besonderes Fest. Dieses Warten macht Spaß, es kribbelt, es steckt voller Hoffnung auf das, was kommt.

Wir warten auch sonst ganz schön viel. Durchschnittlich 374 Tage seines Lebens verbringt jeder Mensch mit Warten – hat irgendein kluger Kopf mal ausgerechnet. 374 Tage. Mehr als ein Jahr. Was heißt das eigentlich für uns? Was machen wir mit all der Wartezeit? Und was macht das Warten mit uns? Oft stresst es und nervt, es kommt uns so ganz und gar nicht vorweihnachtlich vor, sondern eher wie eine Zumutung. Muss das denn im Wartezimmer beim Arzt so lange dauern? Kann der Zug nicht bitte einmal pünktlich kommen? Warum ist hier auf der Autobahn gerade jetzt wieder Stau? Und wann, herrje, macht dieser Supermarkt endlich eine zweite Kasse auf?


Wir fühlen uns, als ob uns einer unsere Zeit klaut

Warten kann sich schrecklich unproduktiv anfühlen. So, als ob uns einer Zeit klaut. Als ob wir diesem Zeitdieb hilflos ausgeliefert sind. Dabei behalten wir so gern die Kontrolle. Und wir brauchen doch auch jede Minute, um unseren irrsinnig vollgestopften Alltag zu bewältigen, nicht wahr?

Unsere moderne Welt gewöhnt uns daran, dass wir immer weniger warten müssen – und immer mehr sofort kriegen können. Früher hat, das nur als Beispiel, jemand einen Brief geschrieben. Der Brief ist ein, zwei Tage später mit der Post beim Empfänger angekommen. Der Empfänger hat weitere ein, zwei Tage später zurückgeschrieben, und irgendwann, nach knapp einer Woche, hat der erste Schreiber dann seine Antwort im Briefkasten gehabt. Heute geht das übers Smartphone, über Whatsapp, ratzfatz. Wenn nach fünf Minuten noch keine Antwort da ist, grübeln wir schon: Wie kann das sein? Was ist da los?


Wir können fluchen, aber wir können uns auch entspannen

Die gute Nachricht ist: Wir haben immer zwei Möglichkeiten, mit dem Warten umzugehen. Wir können dabei unruhig werden, stöhnen und fluchen. Wir können uns aber auch entspannen und denken: wird schon. Manchmal gelingt uns das. Wenn wir auf den Feierabend warten, auf den Urlaub, auf die Geburt eines Kindes. Dann genießen wir das Warten sogar.

Natürlich ist das leichter, wenn wir auf etwas Schönes warten – und nicht auf die Untersuchung beim Arzt oder das Bezahlen im Supermarkt. Aber auch dort gilt: Wenn das Warten ein Ende hat, sind wir immer ein klitzekleines bisschen erlöst.

Von Andreas Lesch