Umfrage in Kirchengemeinden: Sind Türen der Gotteshäuser auf oder zu?

Von offener Kirche geht Segen aus

„Eine geschlossene Kirche ist so etwas wie eine Bankrotterklärung unseres Glaubens.“ So hat Bischof Heinz Josef Algermissen im „Wort des Bischofs“ in der vergangenen Ausgabe geschrieben. Yanik Schick hat in Pfarreien nachgefragt, wie sie es mit dem Öffnen oder Schließen der Kirchentüren halten.

Vier Kinder und ein Erwachsener in einer Kirche in Marburg. Foto: Stoehr
Für sie steht die Kirchentür in St. Johannes in Marburg tagsüber offen: eine
Gruppe junger Pfadfinder. Das Foto entstand bei einem Rundgang durch die
Stadt auf den Spuren der heiligen Elisabeth. In der Kugelkirche befindet sich
eine Statue der Landgräfin. Foto: Hans-Joachim Stoehr

Pfarrei St. Jakobus, Hanau-Großauheim, Pfarrsekretärin Monika Koob:

„Sowohl die Jakobus- als auch die Paulskirche stehen bei uns offen. Die Küster schließen morgens gegen 7.30 Uhr auf und machen spät nachmittags wieder zu. Und die Leute begrüßen das. Ich finde auch wichtig, dass wir ihnen die Möglichkeit geben, jederzeit in die Kirche gehen zu können. Denn wenn wir das nicht machen, wer geht denn dann überhaupt noch in die Kirche? Es gab bei uns mal eine Zeit, in der relativ häufig etwas gestohlen wurde, aber deshalb sperren wir die Menschen nicht aus.“

Pfarrei St. Andreas, Kassel, Pfarrer Piotr Polkowski:

„Ich habe kein Verständnis für die Aussage des Bischofs, denn wenn in der Kirche etwas passiert, muss die Gemeinde dafür haften. Ohne Aufsicht kann man die Menschen heutzutage nicht mehr einfach hineinlassen. Wir wurden in der Vergangenheit beklaut, zum Beispiel hat jemand das Opfergeld eingesteckt. Eine Anzeige bei der Polizei war wirkungslos. Die Diebe kommen ja nicht aus unserer Umgebung. Grundsätzlich gilt: Wenn einer der Hauptamtlichen im Pfarrbüro ist und jemand zum Beten in die Kirche möchte, schließen wir die Tür immer auf.“

Pfarrei St. Johannes der Evangelist, Marburg, Pfarrer Franz Langstein

„In der Stadt Marburg verkehren viele Touristen, es vergeht kaum eine Viertelstunde, in der niemand in unsere ‚Kugelkirche‘ möchte. Da wäre es ärgerlich, wenn all diese Menschen vor der Tür stehen müssten. Zwischenfälle in der Kirche bleiben natürlich nicht aus, aber wir müssen einfach verschiedene Werte abwägen. Unsere Gemeinde nimmt zwar hin und wieder Vandalismus in Kauf, aber dafür geht im Gegenzug sehr viel Segen von einer offenen Kirche aus. Ich verstehe die Worte des Bischofs so: Wo die Kirche ihre eigenen Räume schließt, glaubt sie selbst nicht mehr an Gott.“

Pfarreien St. Godehard und St. Katharina, Fulda-Kämmerzell/Gläserzell, Pfarrer Peter Hannappel:

„Die Kirche in Gläserzell haben wir geöffnet, obwohl ich sie vor eineinhalb Jahren mal eine Zeit lang schließen musste. Damals hatten sich die negativen Vorfälle gehäuft. Der Opferstock wurde abgerissen, Kerzen niedergebrannt, und jemand hat das Schwert der Katharina-Statue zertrümmert. Irgendwann habe ich die Türen wieder aufgeschlossen, und seitdem ist nichts mehr passiert. Ich sehe immer sehr viele angesteckte Kerzen von Menschen, die tagsüber in die Kirche gekommen sind. Zudem ist das Pfarrhaus ja direkt nebenan.
In Kämmerzell ist das anders. Dort kann niemand Aufsicht führen, und es sind viele wertvolle Gegenstände in der Kirche. Deshalb muss die Tür dort zu bleiben.“

Pfarrei Heilige Familie, Sontra, Gemeindereferentin Cornelia Wagner:

„Wir lassen unsere Türen geschlossen, weil wir Angst haben, dass dort Unfug getrieben wird. Zwar hat unsere Gemeinde bisher keine negativen Erfahrungen gemacht, wir sind aber trotzdem skeptisch. Sontra ist eben ein Ferienort, auf dem Parkplatz nebenan liegen häufiger mal leere Sekt- und Bierflaschen. Der Bedarf der Pfarreimitglieder, außerhalb der Gottesdienstzeiten in die Kirche zu gehen, ist leider ohnehin nicht so groß. Wer zum Beten mal hinein möchte, kann sich aber jederzeit bei mir den Schlüssel abholen.“

Pfarrei Herz Jesu, Gudensberg, Pfarrer Simon Graef:

„Es ist wichtig, dass man einen Ort hat, an dem man beten kann. Unsere Kirche in Gudensberg ist immer geöffnet. Das Pfarrhaus ist nur wenige Meter von der Kirche entfernt, das Risiko, dass etwas passiert, ist überschaubar. Wir leben hier in einer Gegend, in der es möglich ist, die Kirche offen zu lassen.
Ich betone aber: Sobald dieser Umstand in irgendeiner Weise missbraucht wird – und da reichen schon Kleinigkeiten – müsste sich das ändern. Die Kirche in Besse zum Beispiel können wir außerhalb der Gottesdienstzeiten in Absprache mit der Versicherung nicht öffnen. Es ist niemand in der Nähe, der aufpasst.“