Interview mit Unternehmensberater, der auch Theologe ist

Was ist ein guter Chef?

Dr. Peter Modler ist Coach, Unternehmensberater und Theologe. Er erklärt im Interview, worauf es für Führungskräfte ankommt. Von Elisabeth Friedgen.

Frage: Was treibt die Führungskräfte, die Sie beraten, am meisten um?

Peter Modler
Peter Modler. Foto: privat

Modler: Typisch ist sicherlich das „Absaufen“ in Details. Das erlebe ich bei vielen meiner Klienten. Es gibt leider viele Führungskräfte, die sich permanent von E-Mails, Telefonaten und jeder anderen möglichen Störung den Tag in kleine Stücke schreddern lassen. Sie merken gar nicht, wie sie dabei die Fähigkeit zur Initiative verlieren. Wenn ich dem Druck zur Sofortigkeit regelmäßig nachgebe, dann bin ich fast erledigt als Führungskraft. Man muss nicht immer sofort zurückrufen oder Mails gleich beantworten.

Was ist außerdem wichtig, um ein Unternehmen gut zu leiten?

Ganz entscheidend ist, dass man sich über seine eigene Rolle klar wird. Dazu fällt mir immer das Bild eines Steuermanns am Deck eines Schiffs ein. Es kann schon sein, dass dieser Steuermann jemand ist, der selbst unheimlich gut Segel flicken oder die Reling polieren kann. Wenn er sich aber von solchen Details hinreißen lässt, dann bleibt leider in dieser Zeit der Platz am Steuerrad unbesetzt. Das heißt: Die Auswahl der Details, um die ich mich als Chefin oder Chef kümmere, entscheidet darüber, ob ich meinen Job überhaupt mache. Das ist eines der Themen meiner Seminare – die Spannung zwischen operativen Erfordernissen und strategischem Handeln. Ein weiterer Punkt, der wichtig ist: Führung darf nicht verweigert werden.

Wie meinen Sie das?

Es gibt Führungskräfte, für die es extrem wichtig ist, dass sie von allen Leuten gemocht werden. Am besten von allen Mitarbeitern und auch noch von allen Vorgesetzten und Kunden. Alle sollen sie lieben. Das kann dazu führen, dass man seine Leute allein lässt. Denn die Mitarbeiter möchten nicht unbedingt einen Chef haben, den sie lieben können, sondern eine oder einen, vor dem sie Respekt haben können. Das ist etwas völlig anderes.

Jemand, der nur gemocht werden will, macht nicht unbedingt klare Ansagen?

Nicht nur das. Er oder sie wird auch gar nicht strukturieren können. Chefs, die zu allem Ja sagen, verlieren die Achtung der Mitarbeiter. Führungskräfte werden immer wieder in Situationen kommen, in denen sie Entscheidungen treffen müssen, die der Sache wegen gerechtfertigt sind, für die sie aber nicht gemocht werden.

Das kann die Chefs innerlich zerreißen...

Deshalb gehört auch Selbstschutz dazu. Zum einen müssen Chefinnen und Chefs lernen, mit der Einsamkeit umzugehen, die eine Führungsposition mit sich bringt. Zum anderen müssen sie sich aktiv um menschliche Beziehungen außerhalb ihrer Firma kümmern. Ganz entscheidend ist auch der Umgang mit dem eigenen Körper. Meine Erfahrung ist, dass weibliche Führungskräfte viel früher und bewusster Alarmzeichen wahrnehmen, während Männer das lange ignorieren.

Viele Arbeitnehmer empfinden ihre Chefs als sehr weit weg von sich selbst. Dabei waren die meistens ja selbst einmal Arbeitnehmer. Können Sie sich erklären, wie Menschen durch eine Führungsrolle verändert werden?

Da sind wir bei der Frage, was macht einen Chef zum Chef? Ich würde sagen: Dass er oder sie mehr Verantwortung hat. In dem Betrieb, in dem ich meine Ausbildung zum Zimmermann gemacht habe, wurde der Chef zeitweise ein bisschen aufgezogen damit, dass er nicht mehr mit aufs Dach ging. So nach dem Motto: „Hey Chef, bist du jetzt was Besseres, dass du das nicht mehr machst?“ Bis er zu jemandem sagte: „Derjenige, der deinen Arbeitsplatz sichert, das bist nicht du. Das bin ich. Und weil ich das machen muss, bleibt mir keine Zeit mehr, mit aufs Dach zu gehen.“ Das ist tatsächlich ein Unterschied. Das war ein Betrieb mit nur 20 Personen. Jetzt stellen Sie sich mal vor, wie das ist bei 500 oder noch mehr Leuten. Natürlich gibt es auch unfähige Chefs. Aber es ist jedenfalls der Druck der Verantwortung, der verändert – so oder so.

Wie kann ein Vorgesetzter seine Mitarbeiter motivieren?

Worauf Mitarbeiter zutiefst ein Recht haben, ist zu wissen, wie ihre Chefin oder ihr Chef ihre Leistung einschätzt. Mit Kritik ebenso wie mit Lob. Das muss ausgesprochen werden. Gerade in kirchlichen und sozialen Berufen gibt es da ein Problem. Dort drückt man sich um das Thema Leistung gern generös herum. Etwa aus der Annahme, dass man die Leistung im sozialen Bereich sowieso nicht messen könne. Weil das Thema so tabuisiert wird, ist die Arbeitszufriedenheit in diesen Berufen häufig schlechter als in anderen Bereichen.

Wie wird man ein guter Chef?

Eine Chefin oder ein Chef muss den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Hoffnung für den Betrieb geben. Sie müssen das Vertrauen haben können, dass er oder sie sich wirklich Gedanken über die Zukunft der Firma macht. Man kann das alles zusammenfassen unter der Pflicht zur Strategiefähigkeit. Dazu gehören auch Kommunikation und Selbstschutz genauso wie das Rollenverständnis und der mutige Blick nach vorn. Und das kann man lernen.

 

Am 28. September leitet Peter Modler das Seminar „Mit Freude führen. Ein Tag für Männer in Leitungsverantwortung“ in Mainz, Männerseelsorge im Bistum Mainz