07.06.2017

Interview mit Schlafmediziner Dr. Klaus Kienast

Wenn der Mensch nachts nicht zur Ruhe kommt

Dr. Klaus Kienast behandelt in seinem Schlaflabor in der katholischen Hufeland-Klinik in Bad Ems Schnarcher und Schlaflose. Wie er das macht und wann Menschen mit Schlafstörungen einen Arzt aufsuchen sollten, erklärt er im Interview. Von Julia Hoffmann.

Bei welchen Symptomen sind die Aussichten gut, dass ein Aufenthalt im Schlaflabor hilft?

Mann schläft mit Atemmaske neben einer Frau Foto: dpa picture-alliance
Für Menschen, die nachts unter Atemaussetzern leiden, kann eine Atemmaske hilfreich sein. Sie hält die oberen Atemwege frei. Und erleichtert nicht nur den Patienten das Schlafen. | Foto: dpa picture-alliance

Es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten, dass ein Aufenthalt im Schlaflabor sinnvoll sein kann. Nehmen wir einmal an, es ist Sprechstunde in der Klinik, Sie rufen den Namen Müller oder Mayer auf, ein Mann kommt auf Sie zu und hinter ihm sagt eine energische weibliche Stimme: Ich komme aber mit! Dann fragen Sie ihn, warum er da ist, denn mit der Lunge hat er keine Probleme. Ja, ich weiß auch nicht, sagt er dann. Und dann sagt die energische weibliche Stimme: Aber ich!

Dieser Mann hat zunächst kein medizinisches Problem, sondern ein soziales. Denn da schafft es jemand nicht, neben ihm im Zimmer zu schlafen, weil er in der Lautstärke eines startenden Jets Geräusche von sich gibt. Noch schwieriger wird es, wenn diese Geräusche unregelmäßig sind. Etwa weil er schnarcht, wieder aufhört und dann auf einmal im Bett steht und nach Luft schnappt. Neben jemandem, dem es so ergeht, schläft es sich natürlich schlecht.

Eine Ehefrau ist deshalb wirklich besorgt, ob ein Ehemann auf Dauer solche Nächte gesund übersteht. Zu Recht! Denn das sind Anzeichen einer Schlafapnoe. Bei diesen Menschen fällt der Schlund während des Schlafs zusammen und sie bekommen keine Luft mehr. Dadurch fällt der Sauerstoff ab, es gibt einen Adrenalinausstoß, der Blutdruck geht hoch, die Herzfrequenz steigt, und es kann zu Herzrhythmusstörungen kommen.

Bei diesem Krankheitsbild macht ein Aufenthalt Sinn, denn das können wir gut behandeln. Der Patient bekommt eine Atemmaske auf das Gesicht, damit wird nachts der Schlund überbläht. Dadurch bekommt er wieder Luft, das Schnarchen ist weg und er schläft auf einmal ruhig. Es gibt Leute, die haben 80 Atemaussetzer in der Stunde, und mit der Maske auf dem Gesicht haben sie zwei. Da sind zwei ganz schnell zufrieden.

Das klingt jetzt recht unkompliziert.

Dr. Klaus Kienast Foto: Hufeland-Klinik Bad Ems
Dr. Klaus Kienast
Foto: Hufeland-Klinik

Die Atemaussetzer können Sie mit einer Maske gut behandeln. Aber das ändert nichts an den Lebensgewohnheiten, die dazu geführt haben. Häufig sind zum Beispiel Gewichtszunahme und hoher Blutdruck Anzeichen dafür, dass ein Patient über seine Verhältnisse lebt. Übergewicht kann auch weitere Beschwerden verursachen wie Diabetes, Bluthochdruck und Gelenkbeschwerden. Das sind Dinge, die mit einer Maske auch maskiert werden können. Deshalb muss man bei einer Therapie auch die Ursachen verändern, also die Lebensgewohnheiten und die sozialen Faktoren.

Übrigens gibt es selbstverständlich auch Frauen, die unter Schlafapnoe leiden. Es sind nicht nur Männer betroffen.

Gibt es auch Krankheitsbilder, bei denen Sie nicht weiterhelfen können?

In manchen Fällen, etwa nach einem Schlaganfall, ist das oberste Ziel, den Zustand des Patienten zu verbessern oder zu stabilisieren. Und zu verhindern, dass es ein zweites Mal passiert. Etwa wenn ein nächtlicher Sauerstoffabfall dazu geführt hat.

Wie häufig behandeln Sie Ein- und Durchschlafstörungen?

Relativ viele Patienten behandeln wir aufgrund dieser Probleme und ich habe den Eindruck, dass ihre Anzahl zunimmt. Die Arbeitsverdichtung nimmt zu, und es gibt mehr Schichtarbeit. Ein großes Problem ist, dass man über das Handy immer erreichbar ist. Dadurch ist ein vollständiger Rückzug ins Privatleben nicht mehr möglich. Diese sozialen Faktoren führen dazu, dass die Ruhephasen fehlen, die man braucht. Dadurch steigt die psychische Belastung, und das macht sich in Insomnien und Dissomnien, also Ein- und Durchschlafstörungen, bemerkbar.

Wie behandeln Sie solche Patienten?

Wir versuchen, die sozialen Faktoren zu analysieren, die dazu führen, dass ein Mensch schlecht schläft. Wie ist die Situation im Beruf, in der Familie, unter welchen Bedingungen lebt der Mensch? Als nächstes werden die Auswirkungen auf den Schlaf untersucht. In solchen Fällen schaut man sich das EEG (Untersuchung der Hirnaktivität) an und beobachtet die REM-Phasen, also die Phasen, in denen ein Mensch träumt. Dann macht man am nächsten Tag Konzentrationstests und überprüft, ob der Schlaf effektiv war. Wie hoch zum Beispiel das Konzentrationsvermögen ist. Und dann versucht man die sozialen Faktoren zu ändern.

Manchmal spielen auch Medikamente eine Rolle, die ein Patient einnimmt. Zum Beispiel wegen der Schilddrüse, oder auch Schlaftabletten. Da hilft manchmal eine Umstellung auf andere Medikamente, damit es dem Patienten besser geht.

Wann sind Medikamente zur Therapie sinnvoll?

Wenn zum Beispiel die Schlafstörungen aus einer Depression resultieren. Dann behandeln Sie die Depression psychotherapeutisch, aber vielleicht auch mit Medikamenten, die antidepressiv wirken. Das kann Sinn machen.

Oder jemand ist in einer veränderten Situation, auf die sich der Körper einstellen muss. Dann gibt man dem Patienten für eine begrenzte Zeit ein Schlafmittel, damit der Körper sich an die neue Situation gewöhnen kann. Aber man sollte dabei sehr vorsichtig sein und ein Schlafmittel wählen, das die Schlafarchitektur nicht zerstört. Auch darf es keine Gewöhnungseffekte mit sich bringen. Zopyclon ist zum Beispiel ein klassisches Schlafmittel.

Meiner Erfahrung nach ist es am besten, möglichst ohne Medikamente auszukommen. In vielen Fällen ist es besser, das Umfeld zu verändern und Schlafhygiene zu betreiben. Dazu gehört ein wohnliches Schlafzimmer, aus dem Computer, Fernseher und Handy verbannt werden. Es sollte nachts wirklich dunkel und kühl sein. Bei vielen hilft es auch, wenn sie zehn Kilo abnehmen. Danach haben sie keine Schlafstörungen mehr. Oft spielen viele Faktoren eine Rolle. Wenn jemand zum Beispiel Rückenschmerzen hat und deshalb nicht schlafen kann, versucht man, etwas gegen die Rückenschmerzen zu tun. Dann kann der Patient auch wieder besser schlafen. Es liegt nicht jeder nachts wach im Bett, weil er unglücklich ist mit seinem Arbeitsplatz. Das ist die gängige Meinung, aber das sind vielleicht zehn oder 15 Prozent.

Wie komme ich am besten durch Zeiten mit Schlafproblemen? Etwa in Prüfungsphasen?

Schalten Sie abends den Computer nicht mehr an und trinken Sie keinen Alkohol. Denn Alkohol lässt einen zwar schneller einschlafen, aber die Traumphasen werden unterdrückt. Und obwohl ich Chemiker bin, rate ich dazu, auch mal zur Naturheilkunde zu greifen. Lavendel und Hopfen zum Beispiel, also Heilmittel, die unsere Großmütter schon genutzt haben. Damit können Sie oft viel erreichen.

Abgesehen davon, dass keiner von uns wirklich gut schläft vor einer wichtigen Prüfung. Da schlafen Sie wahrscheinlich nicht gut und ich habe vor Prüfungen auch nie gut geschlafen. Das ist keine Krankheit, das ist das natürliche Leben. Es gibt immer mal Situationen, in denen das Leben schwieriger ist, und da schläft man dann nicht so gut.

Was interessiert Sie am Gebiet der Schlafmedizin?

Die Schlafmedizin ist ein relativ neues Gebiet. Als ich studiert habe, gab es das Fach noch gar nicht. Man schlief ein und wachte wieder auf. Was dazwischen geschah, wusste eigentlich niemand so richtig. Dann, so um 1990 bis 1995 herum, gab es auf einmal Computer, mit denen es möglich war, große Datenmengen aufzuzeichnen, die nachts von einem Menschen produziert werden. Etwa Gehirnströme, Herzfrequenz und Augenbewegungen. Damals war ein Schlaflabor ein großer Raum, vollgestopft mit Computern, und in der Ecke stand ein kleines Bett. Mich haben diese Räume damals fasziniert: Ein großer Computer und ein kleiner Mensch.

In dieser Zeit hätte man sich nicht vorstellen können, solche Aufzeichnungen jemals außerhalb der Labore machen zu können. Heute ist die Aufzeichnungstechnik in einem Gerät untergebracht, das so groß wie eine Zigarettenschachtel ist.

Schlafen alte Menschen per se schlechter?

Bei jüngeren Leuten spielen häufig soziale Faktoren eine Rolle, bei älteren sind es öfter Krankheitsbilder wie Schlaganfall, Herzinsuffizienz oder Schilddrüsenerkrankungen. Zudem haben ältere Menschen oft einen fraktionierten Schlaf. Das bedeutet, sie schlafen nachts nur vier Stunden, dafür aber mittags nochmal zwei. Dadurch kommen sie nachts schlechter in die Tiefschlafphasen und haben tagsüber das Gefühl, schlecht geschlafen zu haben. Obwohl sie insgesamt genug Stunden schlafen.

Hilft der Glaube an Gott auch gegen Schlafstörungen?

Das wäre eine interessante Frage für eine Doktorarbeit. So etwas finden wir im Schlaflabor natürlich nicht heraus, denn zu uns kommen nur Leute mit Schlafproblemen und nicht die Gesunden. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Leute, egal welcher Glaubensrichtung sie angehören, besser schlafen. Weil Patienten, die wirklich in der Lage sind zu glauben, sich ruhiger fühlen. Sie fühlen sich besser aufgehoben, und bis zu einem gewissen Grad geben sie auch die Verantwortung für sich selbst ein bisschen aus der Hand: Das macht jemand anderes. Sie sind nicht ständig auf der Hut, dass sie alles selbst richtig machen müssen. Und gläubige Menschen machen auf mich manchmal in ihrer Persönlichkeit einen etwas gefestigteren Eindruck. Gerade was chronische Krankheiten betrifft. Wir haben auch eine Ordensschwester in der Klinik, sie wird relativ häufig um ein Gespräch gebeten. Das ist den Leuten nicht gleichgültig. Ich persönlich habe den Eindruck, dass Leute, die mit einer Religion verhaftet sind, besser mit einer Krankheit umgehen können.

Interview: Julia Hoffmann