04.10.2017

Wort-Gottes-Feiern: Not oder Vielfalt?

Seit der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gibt es die eigenständige liturgische Form der Wort-Gottes-Feiern. Doch bis heute wird sie längst noch nicht in allen Gemeinden gefeiert. Und auch viele theologische Fragen sind noch nicht abschließend geklärt. Eine kleine Zwischenbilanz. Von Johannes Becher.

Für die Wort-Gottes-Feier – vor allem für jene an Sonntagen – gibt es liturgische Bücher. Auch im Gotteslob finden sich unter Nummer 669 Texte für eine solche Feier. Foto: www.liturgie.ch

Der Herder-Verlag legt derzeit katholischen Publikationen einen Fragebogen bei: „Die Heilige Messe ist der Höhepunkt der Woche“ – Ja, Nein, keine Angabe – „Um die Messe zu feiern, bin ich bereit, in andere Orte zu pendeln.“ – Ja, Nein, keine Angabe – „Wort-Gottes-Feiern sind wichtig, um auch ohne Priester regelmäßig Gottesdienste feiern zu können.“ – Ja, Nein, keine Angabe …

Es ist nur eine Umfrage. Ergebnisse gibt es noch nicht. Aber schon die Fragen benennen wesentliche Eckpunkte der Diskussion, wo Wort-Gottes-Feiern ihren Platz haben und warum. Sind sie ein pastorales Pflaster in der Not oder vielmehr Ausdruck einer liturgischen Vielfalt von Gottesdienstformen? Sehen denn Katholiken überhaupt noch in der Eucharistiefeier „Quelle und Höhepunkt“ kirchlichen Lebens? Oder suchen sich nicht viele je nach Gusto eine Lieblings-Art der Liturgie aus, die sie anspricht und die zur richtigen Zeit am passenden Ort in ansprechender Form und Sprache stattfindet?

„Warum gibt es weniger Wort-Gottes-Feiern in den Städten?“

Die besagte Umfrage könnte noch tiefer bohren: Wie hältst du’s mit dem Kommunionempfang? Passt der in eine Wort-Gottes-Feier? Sollte man ihn nicht lieber der Messfeier vorbehalten – weil sonst alles liturgische Feiern gleich erscheint? Was tun, wenn nicht wenige Gemeindemitglieder die „Auslegung und Deutung“ der Wort-Gottes-Feier-Leiter zu den Schrifttexten für eine Predigt halten? Warum gibt es – wenn doch diese Wortfeiern eine eigene wertvolle Form sind – so wenige in den Städten und die meisten auf dem Land, wo die Räume und Entfernungen zwischen den Feierorten größer und das Seelsorgepersonal weniger werden?

Interessant ist ein Blick auf die Genese: Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil war die Form der Wort-Gottes-Feier unbekannt. Man betete – auch mal ohne Pfarrer – den Rosenkranz oder ein Totengebet. Das Zweite Vatikanische Konzil würdigte Wort-Gottes-Feiern als eigenständige Gottesdienstform und ermutigte dazu, solche zu feiern. Bei einem Kongress in Mainz kurz nach Erscheinen der Liturgiekonstitution des Konzils „Sacrosanctum Concilium“ feierten die Teilnehmenden zum Beginn und zum Abschluss einen „feierlichen Wortgottesdienst“ („sacra verbi Dei celebratio“). Auch als Zeichen der gewachsenen Wertschätzung für die Bibel und Gottes Wort.

Die Anzeichen des Priestermangels ließen den Fokus indes schon bald anders leuchten: Im Abschlussdokument der Synode der deutschen Bistümer (1975) wird eingeladen zu „Wort- und Kommunionfeiern“. Und damit waren die Fragen des Abgrenzens von Wort-Gottes-Feier und Heiliger Messe in die katholische Welt gesetzt.

Bis heute sind die Regelungen in den deutschen Diözesen nicht einheitlich. Immer braucht es zwar eine besondere Schulung und eine Beauftragung, um Wort-Gottes-Feiern leiten zu dürfen. Ob es aber solche nur an den Werktagen gibt oder auch am Sonntag? Hängt davon ab. Vom Seelsorgepersonal zum Beispiel. Aber auch davon, wie viel Not und wieviel Vielfalt man den Feiern zuspricht und zutraut.

In den deutschen Diözesen sind in den vergangenen Jahren hunderte von Frauen und Männern in Schulungen als Leiter von Wort-Gottes-Feiern ausgebildet worden. Vielerorts können sie ihre Talente und Gaben allerdings noch nicht regelmäßig fruchtbar machen. Denn die Wort-Gottes-Feier wird längst noch nicht allerorten in Gemeinden gefeiert.

„Das verlangt eine langsame und behutsame Einführung“

In ihrem Beitrag „Schwierige Wortkommunion“ in der Herder-Korrespondenz schreibt die Theologin Gunda Brüske: „Ohne das Erleben in der Feier, das neue Erfahrungen freisetzt, werden sich theologische Erkenntnisse schwer im Leben einwurzeln. Es braucht also Orte, an denen das flüchtige, schnell verklingende Wort der Schrift zur festen Nahrung werden kann. Wort-Gottes-Feiern können durch eine entsprechende rituelle Inszenierung einen Beitrag dazu leisten, was selbstverständlich eine langsame und behutsame Einführung verlangt.“

Im neuen Gotteslob jedenfalls gibt es unter Nummer 668/669 eine Vorlage für eine Wort-Gottes-Feier. Im einleitenden Text heißt es: „Die Wort-Gottes-Feier ist eine eigenständige Form, Gottes befreiende und heilende Zuwendung zum Menschen zu feiern.“

Früh- und Spätschichten, Taizégebete und Segnungsfeiern, Rosenkranzgebet, Totengedenken, Stundengebet, Wort-Gottes-Feiern … Es gibt nicht nur Mangel. Die gewachsene Vielfalt an liturgischen Feier-Formen würdigt der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann so: „Zu den Abbrüchen treten Aufbrüche: Die Zahl der Gemeindemitglieder, die sich für den Gottesdienst engagieren, ist sehr hoch. Gleiches lässt sich für viele Gemeinden über den Aufwand sagen, mit dem der Gottesdienst vorbereitet und gefeiert wird. …Es entstehen neue Gottesdienst- und Feierformen, die Menschen außerhalb der Kirche offenstehen.“

In seiner Bilanz des Beschlusses der bundesdeutschen Synode zum „Thema Gottesdienst“ wirft Kranemann aber auch einen Blick voraus, der zeigt, dass die Diskussion um die Wort-Gottes-Feier nur ein kleiner Auschnitt künftiger Liturgie-Debatten sein wird. Kranemann: „Die Liturgie der Kirche ist konsequent als Handlungsgeschehen in all seinen Dimensionen mit Blick auf die Säkularisierung zu bedenken … Gefordert ist mehr Sensibilität für die Feierkultur (nicht: Eventkultur) der Gesellschaft, die konstruktiv als Anfrage an die eigene Liturgie wahrgenommen werden kann.“

 

Zur Sache: Werkbücher

Das Deutsche Liturgische Institut hat jeweils Werkbücher für Wort-Gottes-Feiern an Werk- und an Sonntagen herausgegeben.
Auf einer Internetseite des Schwabenverlags (zusammen mit dem Liturgischen Institut) kann man Material für Wort-Gottes-Feiern ordern: www.wortgottesfeiern.de