Der Mensch ist in Gottes Augen unendlich wertvoll und nie nur Mittel zum Zweck …trotzdem wird sein Wert täglich berechnet – Gedanken über Etats und Ethik
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Lebenswert - ein Leben wert? Geld für Medikamente… oder Geld für Waffen, Fotos: bilderbox |
Ein 20-Euro-Geldschein ist immer ein 20-Euroschein. Da kann er noch so schmuddelig sein. Allerdings ist er nicht immer gleich viel wert. In einem Restaurant gibt’s dafür eine komplette Mahlzeit, im anderen nur die Vorspeise. In einem Land gibt’s dafür nur ein schickes T-Shirt, anderswo dagegen mehrere.
Geld hat nicht immer den gleichen Wert. Und das unterscheidet es vom Menschen. Denn der Mensch ist überall und zu allen Zeiten gleich viel wert.
Diese Überzeugung ist jahrhundertealt. Sie findet sich schon in den biblischen Schöpfungsgeschichten. Hier ist der Mensch gut, „sehr gut“ sogar. Kein Wunder, der Mensch wird nach Gottes Abbild geschaffen. Er ist, so erzählen es die biblischen Autoren, in Gottes Augen unendlich wertvoll. Ohne Wenn und Aber. Er ist wertvoll, weil er Mensch ist – unabhängig davon, was er leistet, kann oder weiß.
Wert des Menschen nicht in Euro auszudrücken
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Thomas Laubach (Weißer) Foto: Bistum Mainz |
Der Philosoph Immanuel Kant hat diese Vorstellung untermauert. Kant spricht vom Menschen als „Zweck an sich selbst“. Das heißt: Er ist nie bloßes Mittel zum Zweck, er existiert um seiner selbst willen. Der Wert des Menschen lässt sich damit nie gegen andere Werte aufrechnen.
Allerdings lässt sich täglich erleben, dass der Wert des menschlichen Lebens doch berechnet wird. Wenn ich ein Auto kaufe, dann eins, das ich bezahlen kann – und das den Sicherheitsstandard hat, den ich für sinnvoll halte. Ich muss die Frage beantworten: Wie viel wert ist mir meine Sicherheit? Würde ich den Menschen praktisch für unendlich wertvoll halten, müsste ich unendlich viel Geld auszugeben, um mich gegen alle Verkehrsrisiken abzusichern.
Der Staat macht das ebenso. So sollen die Kampagnen gegen Aids zu weniger Erkrankungen und Todesfällen führen. Auch hier muss gefragt werden: Wie viel darf eine solche Kampagne maximal kosten? Denn der Staat kann für die Aids-Aufklärung nur einen gewissen Höchstbetrag aufwenden, sonst hätte er für andere Aufgaben kein Geld mehr – und könnte hier das Leben von Menschen nicht schützen.
Beide Beispiele zeigen: Dem Menschen und seinem Leben wird alltäglich ein Geldwert zugesprochen. Und trotzdem ist zu bedenken, dass Menschen eben mehr wert sind, als es in Euro ausgedrückt werden kann.
Ein Leben nicht gegen ein anderes verrechnen
Wie lässt sich der unverrechenbare Wert des Menschen, seine Menschenwürde, mit dieser alltäglichen Bewertung ganz praktisch zusammenbringen?
1. Die Rede vom Wert des Menschen beinhaltet die Selbst- und die Fremdperspektive. Menschen müssen also nicht nur sich selbst als Zweck an sich achten, sie schulden diese Achtung auch allen anderen Menschen. Es verbietet sich, über Wert oder gar Lebenswert des Menschen zu urteilen.
2. Überall da, wo der Wert des Menschen missachtet wird, braucht es solidarisches Handeln. Missachtung kommt in vielen Zusammenhängen vor. Direkt, wenn jemand gedemütigt, unterdrückt, versklavt wird. Indirekt, wenn es niemanden kümmert, dass Arbeiter in China unter erbärmlichen Bedingungen die neuesten Computer zusammenschrauben, oder dass die neue Modekollektion zu Hungerlöhnen in Nordafrika gefertigt wird.
3. Unethisch sind alle Formen der Ausgrenzung. Er darf nicht sein, dass Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft oder auch ihre geistigen oder körperlichen Fähigkeiten als wertlos gelten. Das Grundgesetz hält diese Überzeugung in dem Satz fest: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
4. Ein Leben kann nicht gegen ein anderes verrechnet werden. Die teure Therapie für ein leukämiekrankes Kind in Deutschland und die Malariavorsorge in Zentralafrika sind gleich wichtig. Die Achtung vor dem Menschen gebietet deshalb, sich für beides so gut es geht einzusetzen.
Wenn jeder Mensch unendlich wertvoll ist, läuft die Rede vom Wert des Menschen ins Leere. Damit steht ein Blickwechsel in der Bewertung des menschlichen Lebens an. Er will den Blick weg von der Bewertung hin zum Recht aller Menschen auf ein menschenwürdiges, wertvolles Leben lenken. Und damit einen Raum zu schaffen, in dem es eben nicht um Zahlen geht – sondern um den ganzen Menschen.
Thomas Laubach (Weißer) ist Professor für Theologische Ethik an der Uni Bamberg

