24.01.2018

Dominikaner in Mainz stellen einzigartigen Kreuzweg aus

Jesus gerät unter die Nazis

Ein einzigartiges Zeitdokument präsentieren die Dominikaner in Mainz. In den 1930er Jahren schuf der Kölner Künstler Peter Strausfeld für den Orden einen Kreuzweg. Auch Hitler ist darauf abgebildet. Von Karin Weber.

Pater Martin Rosner
Genaues Hinschauen lohnt sich: Auf die Details der ersten
Kreuzwegstation weist Pater Martin Rosner, Prior der
Dominikaner in Mainz. Foto: Karin Weber

Ein Mann in olivgrünem Mantel schaut geringschätzig auf sein Gegenüber. An einem Seil zerrt er den Gefangenen näher. Der Gefangene mit der Dornenkrone steht aufrecht, gekleidet in einen roten Umhang, die Augen geschlossen. Als würde es nicht schnell genug gehen, versucht ein anderer den Gefangenen nach vorne zu drängen.

Diese Szene ist auf der ersten Station des Kreuzwegs von Peter Strausfeld zu sehen. Zwischen 1933 und 1936 gestaltet der junge Künstler 14 Kreuzwegstationen für die Klosterkirche des Dominikanerklosters St. Albert in Walberberg bei Bonn. Auf seinen Bildtafeln in Hinterglasmalerei finden sich bekannte Menschen der Zeitgeschichte, Nationalsozialisten und Kommunisten. Es ist die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Es ist äußerst gefährlich, die neuen Machthaber zu kritisieren. Der Künstler zeigt mit seinem Zyklus Mut, denn er übt offen Kritik am Regime.

Vieles im Dunkeln geblieben

Pater Martin Rosner kennt die Geschichte des Kunstwerks, das im Mainzer Dominikanerkloster St. Bonifaz im Flur vor Kapelle und Kapitelsaal angebracht ist. Der Prior spricht davon, dass es nur wenige dokumentarisch belegte Anhaltspunkte gibt, um das Werk zu interpretieren. Vieles sei im Dunkeln geblieben. So sei nicht klar, ob die Gestapo den Künstler über sein Werk verhört habe. In dem dargestellten Soldaten, der den gefangenen Jesus siegessicher zu sich zieht, ist Baldur von Schirach zu erkennen. Der damalige „Jugendführer des Deutschen Reichs“ hatte großen Einfluss auf die Erziehung der jungen Menschen. Hinter Jesus steht der kahlköpfige Johann Heinrich Ludwig Müller, umstrittener „Reichsbischof der Deutschen Evangelischen Kirche“, der ihn mit fester Hand zum Prozess schiebt.

„Die erste Station zeigt den Beginn eines Justizmords. Es ist ein Verweis auf das, was ganz vielen Menschen in jener Zeit passiert ist“, sagt der Prior. „Man muss bedenken, in was für einer Zeit der Kreuzweg entstanden ist. Die Nazis werden immer stärker und beginnen ihre Politik umzusetzen. Sie scheren sich nicht um geltendes Recht.“ Strausberg beschäftigt sich damals mit diesen Verstößen gegen Gesetze, setzt Geschehenes im Kreuzweg bildnerisch um. „Vielen Menschen wurde damals von den Nazis der Prozess gemacht. Aber Unrecht passiert auch in heutiger Zeit. Das Dargestellte hat insofern nichts an Aktualität verloren“, sagt Pater Martin Rosner.

Die Gesellschaft in den 1930er Jahren militarisiert sich. Auch dies greift der Künstler in seinem Werk auf. Zu sehen sind Personen in zeitgenössischen Uniformen, in Offiziersmänteln der Wehrmacht und Stiefeln. Schemenhaft tauchen die Gesichtszüge von Hitler und Goebbels, von Trotzki und Mussolini auf als handelnde Personen, zwischen Schaulustigen, Soldaten oder Desertierten. Mehrfach sind rote Fahnen zu sehen – Verweise auf den totalitären Kommunismus oder die Straßenkämpfe zwischen Linken und Rechten? Es gibt viele Möglichkeiten der Interpretation.

Pater Martin Rosner weiß aus Aufzeichnungen, dass die ersten sechs Stationen im Februar 1935 in der Klosterkirche des Ordens in Walberberg angebracht wurden. Kurz vor Weihnachten 1936 habe Strausfeld die fehlenden acht Stationen übergeben. Während des Kriegs wurde der Kreuzweg versteckt, danach wieder in der Klosterkirche gezeigt. Nach verschiedenen Stationen gehören die Bildtafeln seit einigen Jahren zum Mainzer Dominikanerkonvent, akzentuiert beleuchtet und vor der Kapelle angemessen in Szene gesetzt.

Opfergedenken als Form des Handelns

„Der Kreuzweg bietet gute Möglichkeiten, um in einen Dialog zu treten. Denn ich kann die Darstellung nicht nur künstlerisch betrachten. In der Passion Christi geht es immer auch um das Leiden jedes einzelnen Menschen. Jeder kann sich darin erkennen“, sagt der Prior. Der Kreuzweg setze auf Verantwortung und fordere Konsequenzen im Handeln. Das Opfergedenken sei eine Form dieses Handelns. Dazu gehöre aber auch, deutlich hinzuweisen auf heutige Ungleichheiten in der Gesellschaft oder auf die Spanne zwischen Arm und Reich, die immer größer werde.


Besuch, Betrachtung und Gespräch: Am Samstag, 27. Januar, um 18.30 Uhr, am Sonntag, 28. Januar, um 19.30 Uhr und am Donnerstag, 1. Februar, um 19.30 Uhr im Dominikanerkloster St. Bonifaz, Gartenfeldstraße 2, 55118 Mainz.


ZUR PERSON

Peter Strausfeld

Peter Strausfeld wird 1910 in Köln geboren und besucht von 1924 bis 1930 die Kölner Werkschulen. Anfang der 1930er Jahren lernt er Pater Laurentius Siemer kennen. Der Provinzial der deutschen Dominikaner beauftragt ihn 1933, den Kreuzweg für die neue Klosterkapelle in Walberberg zu gestalten. Walberberg war von 1934 bis 1974 Ausbildungszentrum der Dominikaner. 1939 geht Strausfeld ins Exil. Er gestaltet später weitere Kreuzwege für St. Engelberg in Essen und die Liebfrauenkirche in Köln-Mühlheim. Der Künstler stirbt 1980 im englischen Brighton. (kw)
 

MEINUNG

König sein

Anja Weiffen
Redakteurin
Anja Weiffen

Als Sohn Gottes und König der Juden trat Jesus von Nazareth vor Pilatus und wurde verurteilt. Während des Holocaust ermordeten die Nationalsozialisten vor allem Juden. Jesus wäre wohl unter den Opfern gewesen, hätte er in jener Zeit in unseren Breiten gelebt. Im Rückblick scheint ein Kunstwerk wie der Kreuzweg von Peter Strausfeld sich selbst zu erklären. Aber 1933? Was ging dem Künstler durch den Kopf, als er es wagte, Gestalten der internationalen Politik – Hitler, Trotzki, Mussolini – als Figuren der Passionsgeschichte zu malen? Ahnte Strausfeld, was ein paar Jahre später kommen würde? Wusste er, welches Risiko er mit seiner Regime-Kritik einging? Gerade die Leerstellen lassen Raum für eigene Gedanken. Richter, Henker, Mitläufer, Gaffer und die, die ihre Hände in Unschuld waschen, gibt es immer und überall. In Strausfelds Werk weist uns Jesus den Weg: Aufrecht (zu sich) stehen, sich weder schieben noch ziehen lassen, auch barfuß König sein.