21.03.2018

Studium 50+ an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Mensch, hast Du’s gut!

Dr. Klaus Altenbach aus Lörzweiler hat nach einem Berufsleben als Chemiker noch einmal etwas ganz Neues angefangen. Er paukt jetzt wieder, aber diesmal Theologie. Auf die Prüfungsangst könnte er zwar verzichten, aber alles andere macht ihm Spaß. Und er hat Ehrgeiz entwickelt. 2022 will er fertig sein, mit 64 Jahren. Schon seit langem ist er in seiner Gemeinde aktiv: im Kirchenchor, als Lektor und Firmbegleiter, und neuerdings hält er Wortgottesdienste. Von Ruth Lehnen.

Eingang zur Katholisch-Theologischen Fakultät Foto: Thomas Hartmann/ JGU
Hier geht’s zur Theologie: Campus der Johannes Gutenberg- Universität Mainz. Für Klaus Altenbach und viele andere nicht nur ein Lern- sondern ein Glücksort. 
Foto: Thomas Hartmann/JGU

Seine Ex-Kollegen haben gesagt: „Was könntest Du nicht alles machen, Kreuzfahrten, dich in den Bergen verlustieren!“ Stattdessen studiert er wieder. Der Chemiker Dr. Klaus Altenbach, ist wieder an der Uni: fünftes Semester Theologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, mit 59 Jahren.
„Irgendwie hat es mich hingezogen“, sagt er. Er hatte eine gute Position in der Wirtschaft, das hätte er noch eine Weile machen können. Gutes Geld hat er verdient, die Welt gesehen, mehr als 40 Mal war er in Amerika. „Es war eine coole Zeit.“ Als sich aber die Chance zum Ausstieg bot, seine Firma Personal abbaute, da begann der Mann aus Lörzweiler ein neues Leben.

Vorbei die Zeit als Pendler auf der Autobahn, auf den Flughäfen der Welt

Dr. Klaus Altenbach Foto: Ruth Lehnen
Ein freier Mann: Dr. Klaus Altenbach hat sich nach dem Berufsleben als Chemiker für die Theologie entschieden. 
Foto: Ruth Lehnen

Magister theologiae – der Abschluss eines Vollstudiums voraussichtlich 2022 ist sein neues Ziel. Vorbei die Zeiten, in denen er Wochenendpendler war, immer auf der Autobahn, auf den Flughäfen dieser Welt. Jetzt hat Altenbach Zeit für „sein schönes, geliebtes Lörzweiler“, in dem er seit 1993 lebt, für die Nachbarschaft, die Freunde und die Kommunalpolitik. Für den Kirchenchor und die Kirchengemeinde. Und für die großen Fragen, die ihm die Naturwissenschaft nicht beantworten konnte.

Der schmale Mann erzählt: „In der Schule hätte mich das alles nicht die Bohne interessiert. Religion, das gehörte für mich zu den Laberfächern.“ 40 Jahre später hat sich das gewandelt: Seine Augen glänzen vor Begeisterung, wenn er von seinen Lieblingsfächern berichtet. Kirchengeschichte zum Beispiel: „Wie konnte aus dem kleinen Kreis Jesu und der Apostel so ein Milliardending werden? – Da könnte ich stundenlang zuhören, mache ich ja auch.“

Oder Fundamentaltheologie – dazu gehört auch seine Spezialität, Glaube und Naturwissenschaft, die Fragen des menschlichen Bewusstseins. Wenn Altenbach darüber redet, trägt ihn die Begeisterung fort und er kommt ins Dozieren. Da hat ihn sein Bruder schon gestoppt und gewarnt: „Werde nicht zu schulmeisterlich!“

Wenn schon, dann richtig: mit Hausarbeiten und Prüfungen

Fleißig war der Naturwissenschaftler schon immer: „lernmäßig sehr diszipliniert“ nennt er das. Zunächst war er Gasthörer, und hat dabei festgestellt, dass die Theologie genau sein Ding ist. Aber nicht in den Vorlesungen, sondern in den Seminaren spiele die Musik, und deshalb hat er entschieden: Wenn schon, dann richtig. Jetzt muss er genau wie seine jungen Studienkollegen sehr viel lernen, Hausarbeiten schreiben, Prüfungen ablegen. Obwohl es für ihn um nichts geht, hat er wieder Prüfungsangt wie früher, „einen Kloß im Hals wie damals im Chemiestudium“. Die Professoren sind teilweise gleich alt wie er, da will er sich nicht blamieren: „Das ist eine Motivation, zu lernen wie verrückt.“

Aber es ist auch der Stoff, es sind die Fragestellungen, die ihn faszinieren. „Ich fühle mich so wohl, ich habe keinen Tag bereut!“ Oft denkt er: „Mensch, was hast du’s gut!“

Mitstudentin von Klaus Altenbach Foto: privat
Mitstudenten: (von links) Melanie Worbs, Laura Henke, Elisabeth Wedeking und Sebastian Schäfer mit Klaus Altenbach im Kulturcafé auf dem Unicampus Mainz.
Foto: privat

Er fühlt sich wieder jung. Der Altersunterschied zu den jungen Leuten um ihn herum wird ausgeblendet, teilen sie doch alle dieselben Interessen, Ängste, Begeisterung und Frust. Der Austausch mit den Mitstudenten macht ihm Spaß, aber er weiß auch, Grenzen zu wahren: „Also ich ziehe mit denen jetzt nicht durch die Kneipen...“ Er möchte nicht der Alte sein, der sich aufdrängt und meint, seinen zweiten Frühling erleben zu müssen.

Oder geht es insgeheim doch darum, noch Priester zu werden?

Das hat Klaus Altenbach nicht nötig. Zuhause in Lörzweiler hat er seine Freunde, seine Leute, seine Aufgaben. Da engagiert er sich auch für die Kirche. Neuerdings hält er Wortgottesdienste. Er ist Lektor. Er macht bei der Firmvorbereitung mit als so genannter Firmbegleiter: Da steht er Firmlingen als Gesprächspartner zur Verfügung, zum Austausch. Neulich soll ein Firmling über ihn gesagt haben: „Wenn der Klaus nicht gewesen wäre, hätte ich mich nicht firmen lassen.“

Seit langer Zeit singt der Lörzweiler im Kirchenchor, obwohl er zuvor nie gesungen hatte, und hat dort auch sein Talent fürs Theaterspielen entdeckt. Etliche Mal musste er schon den „jugendlichen Liebhaber“ geben, dieses Jahr war er froh, diese Rolle endlich abgeben zu können.

Auch für ein Schulprojekt in Indien engagiert er sich, der Kontakt kam über seinen Gemeindepfarrer Isaac Kochinamkary zustande: Altenbach hat in der Schule im südindischen Bundesstaat Kerala als Lehrer ausgeholfen.

Bei einem Mann mit so viel Lebenserfahrung und so viel frisch erworbenem Wissen und so viel Freude am Kontakt mit anderen, bei einem unverheirateten Mann, liegt die Frage nah, ob er sich denn insgeheim auf ein Amt in der Kirche vorbereitet. „Ich sage ganz ehrlich, ich strebe das nicht an,“ lautet seine Antwort. Er will seine hart errungene Freiheit nicht so schnell wieder aufgeben, sich einbinden lassen in kirchliche Strukturen.

Und dann gibt es ja auch Bestimmungen, Altersbegrenzungen für die Weihe zum Diakon oder Priester. Altenbach gibt aber zu, dass ihn die Frage schon beschäftigt hat. Vielleicht gäbe es eine Ausnahmegenehmigung. Aber noch muss er nichts entscheiden. Bei Exerzitien hat ihm ein Pater geraten, nichts auszuschließen. „Sie spüren das.“ Die Berufung, wenn sie denn da ist. Ohnehin sieht Altenbach die Zeit kommen, in der „die so genannten Laien mehr tun können“ als sie derzeit dürfen.

Von „super-katholisch“ bis zu katholisch als Sonderfall

Hat er selbst nicht schon viel erlebt? Begonnen mit der katholischen Kindheit in Rheindorf, einem Ort, der heute zu Leverkusen gehört, der Vater hatte ein Handelsschuhgeschäft. Bis zur Kirche waren es vom Zuhause bloß hundert Meter. Als Altenbach ein Junge war, ging man sonntags in die Kirche wie man werktags in die Schule ging: selbstverständlich.

Von „super-katholisch“ als Mainstream bis zu katholisch als eine Art Sonderfall, katholisch sein heute – das hat er alles erlebt. Den Wandel der Kirche und wie er sich selbst verändert hat. Manches kam ganz unerwartet, wie das Singen und Theaterspielen, manches mehr geplant, wie das Theologiestudium. Seine Haltung ist: „Man kann ja alles mal probieren. Du sagst nicht Nein."