15.03.2017

Anfrage

Warum erkannten die Emmausjünger Jesus nicht?

Warum haben die Emmaus-Jünger und viele andere den Herrn nicht erkannt? War sein Äußeres verklärt? Diese Frage beschäftigt mich schon seit Jahren. J. M., Hildesheim

Ihre Frage rührt an eines der schwierigsten und zentralsten Themen des christlichen Glaubens. Die Behauptung der ersten Jünger, kurz nach seinem Tod hätten sie Jesus gesehen, er habe sogar zu ihnen gesprochen, steht am Anfang unseres Glaubens. Diese seltsame Erfahrung, zunächst erschreckend, später auch freudig und befreiend, erklärten die Jünger sich so: Gott muss Jesus von den Toten auferweckt haben.


Das Neue Testament verwendet dabei zumeist das griechische Wort „ophté“ = erschienen. Was genau die Jünger erlebt, was sie gesehen, gehört, gespürt haben, wissen wir nicht. Es muss umwerfend und nachhaltig gewesen sein, sonst hätte es ihr Leben nicht so verändert. Sonst wären etliche dafür nicht in den Tod gegangen.


Dennoch war diese Erfahrung nicht eindeutig. Sonst hätte Maria Magdalena nicht zuerst gedacht, sie habe einen Gärtner vor sich, wäre Thomas nicht so skeptisch geblieben. Ähnlich erging es den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Der griechische Text bei Lukas sagt nicht genau, wie Jesus zu den beiden stößt. Anfangs erkennen sie ihn nicht, denn „ihre Augen waren gehalten“. Das griechische Wort „ekratounto“, das hier steht, wird sonst verwendet im Sinne von: ergreifen, festhalten.


Diese Art von Seh-, oder Erkenntnisschwäche, wird nicht behoben durch das, was Jesus ihnen erzählt. Erst als er mit der für ihn so typischen Geste Brot nimmt, den Lobpreis spricht, es bricht und ihnen davon gibt, fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen. Erst jetzt wird ihr Blick befreit, sehen sie auch mit dem Herzen.


Dabei war mindestens einer der beiden, Kleopas, im Abendmahlssaal nicht dabei. Lukas erzählt diese Begebenheit nicht nur, um von einem früheren Erlebnis zu berichten, sondern auch, um den ersten Christen zu versichern: Wenn ihr das Herrenmahl feiert, ist der auferstandene Herr bei euch.

Von Roland Juchem