03.11.2021

"Wort des Bischofs" von Mainz, Peter Kohlgraf

„Die Bibel kennt Quarantäne“

Corona ist weiterhin eine Herausforderung für die Kirchengemeinden. Welche Vorsichtsmaßnahmen gelten im Gottesdienst? In seinem Wort des Bischofs stellt Peter Kohlgraf klar: „Auch beim Gottesdienst kann eine Infektion erfolgen.“


Weiterhin gelten auch in Gotteshäusern Hygienevorschriften und Einschränkungen – wegen Corona.

 

Unsere Gemeinden erreichen in diesen Tagen kritische Anfragen zu den derzeit immer noch geltenden Corona-Regelungen. Auch ich bekomme vereinzelt Kommentare dazu: Jesus, so ein Einwand, hätte sich zugunsten der Menschen über Hygienevorschriften hinweggesetzt; zudem gebe der Glaube doch die Sicherheit, dass Gott eine Ansteckung im Rahmen religiöser Aktivitäten verhindern würde.
Wenn der heilige Thomas von Aquin feststellt, dass Gnade immer auf der Natur aufbaue, bedeutet dies für die aktuelle Fragestellung umgekehrt: Viren können auch im religiösen Zusammenhang ihre unheilvollen Wirkungen entfalten. Die Auffassung, Wunder seien dadurch definiert, dass sie Naturgesetze aushebelten, ist auch lehramtlich nicht (mehr) die leitende Auffassung.
Es ist mir fast peinlich, angesichts der Einwände festhalten zu müssen: Auch beim Gottesdienst, beim Singen und Beten sowie beim Kommunionempfang kann eine Infektion erfolgen.
Zu den Hygienevorschriften gäbe  es  viel  zu  sagen.  Propst Tobias  Schäfer  aus  Worms  hat aus gegebenem Anlass in einem Antwortschreiben   dazu   Stellung  genommen,  und  ich  darf daraus einen Gedanken übernehmen.
Viele Vorschriften aus dem „Pentateuch“, den fünf Büchern Mose,  sind  nichts  Anderes  als Hygienevorschriften. Aussätzige sollen ausgesondert werden, um andere nicht zu gefährden. Besonders der Aussatz war über Jahrhunderte eine gefährliche Krankheit, auf die auch eine Glaubensgemeinschaft reagieren musste. Die Therapiemöglichkeiten waren gering, so dass die glaubenden Menschen darauf mit der Absonderung der Kranken reagierten. Geheilte mussten sich den Priestern vorstellen, die prüften, ob ein Kontakt zu anderen wieder möglich sein sollte. Als Sohn Gottes und Heiland berührt Jesus die Kranken und heilt sie, aber er stellt die alttestamentlichen Hygienevorschriften nicht in Frage. Als er zehn Aussätzige gesundmacht, fordert er sogar von ihnen, sich den Priestern zu zeigen, um die kultische Reinheit zu bestätigen (Lukas 17,11 bis 19). Jesus ist offenbar daran gelegen, bei aller heilenden Kraft die kultische „Hygieneordnung“ nicht zu durchbrechen.
Kurzum: Die Bibel kennt Quarantäne, Schutzmaßnahmen und Gottesdienstordnungen, und sie sieht darin keinen Widerspruch zum Glauben an einen allmächtigen Gott. Dieser hebelt die natürlichen Vorgänge der Schöpfung eben nicht willkürlich aus.
Wie in anderen Bereichen auch scheint es mir problematisch zu sein, die eigene Meinung mit der Behauptung zu begründen, Jesus hätte das auch so gemacht. Viele aktuelle Fragen haben sich ihm nicht gestellt, und wir werden keine direkte Antwort von ihm bekommen.
In Fragen des Umgangs mit dem Schutz der Gemeinschaft vor Ansteckung und Krankheit scheint mir die Linie Jesu jedoch eindeutig zu sein: Geistlichen Eigennutz hätte er auf Kosten anderer nicht für gut befunden.
Wir alle sollten uns davor hüten, unsere eigene Meinung vorschnell mit dem Handeln Jesu zu begründen. Bei allen unterschiedlichen Meinungen zu geeigneten Maßnahmen sollten wir uns als Christinnen und Christen nicht an der Spaltung der Gesellschaft beteiligen, sondern „ruhig Blut“ bewahren, so schwer es auch sein mag.


Mit Ihnen allen hoffe ich auf eine baldige Besserung und Normalisierung der Situation.


Ihr Bischof Peter Kohlgraf