08.09.2022

Benediktinerin Raphaela Brüggenthies forschte zu Heinrich Heine

„Die Sehnsucht muss stimmen“

Die Eibinger Benediktinerin Raphaela Brüggenthies hat einen interreligiösen Masterstudiengang (Judaistik und Islamwissenschaft) abgeschlossen, der sie mit dem frühen Heinrich Heine in Berührung brachte. Ihre Doktorarbeit ist unter dem Titel „Heilge Schwelle“ kürzlich erschienen. Von Christa Kaddar


Die Benediktinerin Dr. Raphaela Brüggenthies hat in ihrer Dissertation Heinrich Heines Bezüge zum Judentum, Christentum und Islam in den Blick genommen.


Die literaturwissenschaftliche Arbeit wurde mit „summa cum laude“ bewertet und mit dem Kulturpreis Bayern 2021 ausgezeichnet. Es handelt sich um eine Untersuchung von Werk und Biographie des frühen Heinrich Heine, insbesondere von 1816 bis 1826, aus philologischer, theologischer und judaistischer Sicht. „Die Biographie Heines hat mich sehr bewegt – und auch die ganze Zeitgeschichte. Es gibt so viele Bezüge zur heutigen Zeit: die Frage nach Kultur und Religion, Konversion und Lebenswenden, nach Authentizität und Instrumentalisierung, Erfüllung und Enttäuschung. Da wäre vieles noch weiterzudenken, auch kirchlich“, sagt Schwester Raphaela Brüggenthies (42). In diesem Sinne sieht sie ihre Arbeit als Plädoyer dafür, sich am Beispiel Heines auch kritisch damit auseinanderzusetzen, was „Deutschsein“ ausmacht – sowohl gesellschaftspolitisch wie interreligiös.
Seit 2009 lebt Schwester Raphaela in der Abtei St. Hildegard. Aufgewachsen ist sie als Kathrin Brüggenthies in Rietberg im Erzbistum Paderborn, wo es damals in allen sieben Ortsteilen noch eigenständige Pfarreien gab. Sie war im Kinderchor, war Messdienerin, in der Jugendarbeit aktiv und hat schon früh in ihrer Kirche Orgel gespielt. Während des Studiums war sie zudem als freie Mitarbeiterin der Paderborner Bistumszeitung „Der Dom“ tätig.

„Das Ordensleben ist das Richtige für mich“

„Ich spürte in mir die Sehnsucht nach einer klösterlichen Lebensform, hätte mir aber auch Ehe und Familie gut vorstellen können“, erinnert sie sich. Nach dem Theologiestudium in Bonn und an der katholischen Fakultät in Paderborn, das sie 2006 mit dem Diplom abschloss, arbeitete sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Würzburg, übernahm mehrwöchige Arbeiten, unter anderem im Vatikanischen Geheimarchiv in Rom, und reiste nach Israel und Palästina. Doch der Klostergedanke ließ sie nicht los. Sie vertraute sich einem befreundeten Benediktiner an und wusste schnell: „Das benediktinisches Ordensleben ist das Richtige für mich.“ Sie besuchte die Abtei St. Hildegard und führte Gespräche mit der Novizenmeisterin; das half ihr bei der Klärung. „Ich bin aber auch wieder mit Fragen weggefahren. Für nichts im Leben gibt es eine hundertprozentige Sicherheit, aber die Sehnsucht muss stimmen.“
Heute ist sie als Novizenmeis-terin der Abtei St. Hildegard für die Ausbildung und Begleitung des klösterlichen Nachwuchses zuständig und führt Gespräche mit Frauen, die auf der Suche sind und ins Kloster eintreten wollen. „Fragen und Ängste vor so einem Schritt sind ganz normal und auch gesund und wichtig. Welche Sehnsucht hat Gott mir ins Herz gelegt? Ist sie von Freude und ‚Hunger‘ getragen? Gott nimmt nicht die Verantwortung der Entscheidung, aber er führt uns und stellt uns Menschen zur Seite.“ Sie begleitet die Novizinnen auch durch die ersten Jahre, bestärkt sie, ihren Weg zu gehen, mit allen Höhen und Tiefen, die ein Leben in der Nachfolge Jesu nun einmal mit sich bringe. „Ein geistliches Leben ist immer ein Lern- und Übungsweg. Gemeinschaft kann man nicht einfordern, aber wir können sie einander anbieten und schenken. Wie unser gemeinsames Leben in Zukunft aussehen wird, ist offen. Vieles ist uns anvertraut. Wir dürfen und müssen die Zukunft gestalten.“ Schwester Raphaela wirkt sehr zugewandt und lebensfroh, doch auch nachdenklich. „Gegenwärtig erscheint uns so vieles bedrohlich und chaotisch in Kirche und Welt. Die Zukunft mag im Dunkeln liegen, aber ich vertraue fest: Sie liegt in Gottes Hand.“
Acht Jahre lang war Schwester Raphaela an verschiedenen Stellen im Kloster eingesetzt, bei den alten und kranken Mitschwes-tern und im Klosterladen, bis sich 2017 die Gelegenheit ergab, den Masterstudiengang „Interreligiöse Studien: Judentum, Christentum, Islam“ am Zentrum für Interreligiöse Studien (ZIS) der Universität Bamberg zu absolvieren. Sie stieß auf den deutsch-jüdischen Dichter Heinrich Heine und die interreligiösen Spiegelungen in seinem Frühwerk, denen sie sich intensiv widmete.

Zusatzstudium mit Bestnote abgeschlossen

„Dass aus dem Thema am Ende auch noch eine Dissertation wurde, ergab sich quasi ganz von selbst“, erzählt sie lächelnd. Als sie im Oktober 2019 aus Bamberg zurückkam, hatte sie das Zusatzstudium, in dem sie auch Arabisch lernte, mit Bestnote abgeschlossen und bereits einen Großteil ihrer Forschungsarbeit zu Papier gebracht. „Ich hatte so viele Zusammenhänge in Heines Werken und seiner Korrespondenz entdeckt, das hat mich einfach unheimlich begeistert und täglich neu motiviert. Nach 13 Monaten konnte ich den Schluss-punkt setzen, aber das hat auch ganz schön viel Kraft gekostet. Ich hatte ja auch noch andere Aufgaben im Kloster zu erledigen.“ Da ihre Arbeit am Zentrum für Interreligiöse Studien entstanden ist, werden Heines Bezüge zum Judentum, Christentum und Islam besonders in den Blick genommen, was in der Literaturwissenschaft mangels gleichzeitig christlich-theologischer, judaistischer und islamwissenschaftlicher Kompetenzen bis dahin selten untersucht wurde.

Von Christa Kaddar

 

ZITIERT

„Heimatlose Schwellenfigur“

Über ihre Dissertation schreibt Schwester Raphaela Brüggenthies: „Heine war ein Dichter der Übergänge, ein Dichter ‚auf der Schwelle‘. Als deutscher Jude befand er sich in einem Zwiespalt zwischen seiner jüdischen Identität und einer antisemitisch geprägten nationalistisch-christlichen Gesellschaft. Im Juni 1825 ließ er sich taufen, um seine Berufschancen zu verbessern, aber dieser Versuch, den Konflikt durch die Konversion zu lösen, scheiterte kläglich. Der Taufschein zahlte sich für Heine weder beruflich noch gesellschaftlich noch künstlerisch aus. So blieb er gleichsam im liminalen Zustand stecken: als ausgeschlossener Paria beider religiöser Milieus, als Vagant zwischen den Glaubens- und Lebenswelten, als heimatlose Schwellenfigur. Musste Heine schon früh erleben, als Jude unter Deutschen ausgegrenzt zu werden, so machte er nach dem Tauf-Desaster die bittere Erfahrung, als ‚abtrünniger Jude‘ von Juden und als ‚konvertierter Christ‘ von Christen abgelehnt zu werden. Doch statt als Schwellenexistenz zu resignieren, gelang es ihm, die Identitätsschwebe zwischen den Welten zu einer Existenz- und Kunstform zu erheben. Er wird selbst zum Seismogra-phen einer jungen jüdischen Generation, die vergeblich einen Ausweg aus dem ‚Bannkreis des Judentums‘ sucht. In welches gelobte Land aber dieser Exodus führen soll, diese Frage variiert stark in Heines frühen Jahren und Schriften und schwankt zwischen Gegensätzen.“

Raphaela Brüggenthies:
„Heilge Schwelle“. Der frühe Heine – ein jüdisch-christliches Itinerarium“, Wallstein Verlag, 464 Seiten, 39 Euro