31.03.2021

Mit viel Selbst- und Gottvertrauen geht Brunhilde Schwind-Müllers durchs Leben

„Ich bin Kirche!“

Sie verschafft sich Gehör: Mit viel Selbst- und Gottvertrauen geht Brunhilde Schwind-Müllers durchs Leben. Die Grande Dame aus Limburg ist auch mit dem Rollator noch sportlich unterwegs – für andere Frauen.


Brunhilde Schwind-Müllers aus Limburg mit ihrem Lieblingsbuch „Das Glück in diesem Leben“ von Papst Franziskus.

 

Brunhilde Maria Schwind-Müllers ist 83 Jahre alt. Das glaubt der agilen Frau auf den ersten Blick niemand. Sie kann glatt als Grande Dame, also als eine wohlhabende, welterfahrene Frau, durchgehen. Top frisiert, top manikürt, top angezogen, so steht die alte Dame mitten in der Welt. Da passt sogar ihr stylischer Rollator voll ins Bild. Den bezeichnet sie als Erfindung des Himmels.
Mit dem Rollator schafft sie, wovon andere nur träumen können. Brunhilde Schwind-Müllers dreht mit ihrem Gefährt unermüdlich Runden auf der staubigen Aschenbahn eines Sportplatzes. Silberne Sportschuhe an ihren Füßen leuchten aus dem Rot der Laufbahn hoch.
Was treibt die Frau da um? Für einen guten Zweck läuft sie – was sie erläuft, wird dem Limburger Frauenhaus zugute kommen. Schwind-Müllers gibt den Sponsoren-Erlös des jährlich stattfindenden Frauenlaufs an die Frauen weiter, die Zuflucht im Frauenhaus finden. Das ist ihr wichtig, dafür muss gelaufen werden, sagt sie.

Prägende Jugendjahre in Höchst: „Ich bin ein Kolping-Kind“

Viel erlebt hat die Frau, die in Höchst (Frankfurt) geboren wurde. Sie ist in einem katholischen Haus aufgewachsen. Prägende Figur war der Vater, ein überzeugter Katholik und Kolpinger. „Ich bin ein Kolping-Kind“, sagt sie. Und danach fällt ein entscheidender Satz: „Ich habe von Gott die Gnade bekommen, immer und überall, egal, was passiert, ob gut, ob schlecht, an ihn zu glauben.“ Das trägt sie durch ihr ganzes Leben. Auch, als es schwer wird. Schwind-Müllers wollte Abitur machen. „Aber ich war ja nur ein Mädchen. Die gingen damals in die Lehre oder arbeiteten für die Familie.“ Folglich lernt sie Schneiderin im elterlichen Betrieb. Man sieht es, sie ist stets gut gekleidet.
Als junge Frau trägt sie sich mit dem Gedanken, in ein Kloster einzutreten. Verwirft ihn dann wieder. „Ich muss ehrlich zugeben, ich habe diese Berufung nicht in mir gefühlt“, sagt sie. Stattdessen heiratet sie, bekommt drei Söhne. „Mein Mann hat mich immer unterstützt“, betont sie. Doch sie ist nicht nur ein Sonnenkind, hat auch sehr schwere Tage erlebt. Ein Sohn erkrankt schwer und stirbt. Hat sie das aus der Bahn geworden? „Nein, es klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber mein Mann und ich haben am Sterbebett Halt bei Gott gefunden. Ich habe natürlich sehr getrauert, aber ich wusste auch, mein Junge ist jetzt in besten Händen.“ Das Wort von den Händen ist ihr wichtig, davon spricht sie öfter. „Ich kann nicht fallen, ich bin fest in Gottes Hand“, lautet denn auch ihr Credo.
Kurz nach der Heirat ist sie in die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) eingetreten. Hier geht es um die Anliegen der Frauen in Kirche und Gesellschaft. Hier wird die Idee geboren, ein Frauenhaus in Limburg zu eröffnen. Schwind-Müllers macht ihren Führerschein, ist mit ihren Mitstreiterinnen über Land unterwegs, schaut sich Frauenhäuser an, streitet mit Politikern im Sozialministerium in Wiesbaden über die Notwendigkeit dieser Unterkunft.
„Wir wurden zum Teil für unser Anliegen beschimpft. Gewalt an Frauen, das war doch damals ein Tabu-Thema. Männer halt“, seufzt sie bei dieser Schilderung. Die Frauen geben nicht auf, sie schaffen es, am Ende hat Limburg ein Frauenhaus. Bis heute liegt es ihr am Herzen, bis heute kämpft sie dafür und läuft dafür ihre Runden. Und wieder sagt sie: „Ohne die Unterstützung meines Mannes wäre es nicht gegangen.“

Ein Kirchenaustritt kommt für sie überhaupt nicht in Frage

Der Missbrauchsskandal in der Kirche macht die Seniorin wütend und traurig. „Ich glaube an Gott und nicht an diese Menschen“, erklärt sie ihren Umgang damit. „Ich bin selbst ein lebendiger Baustein der Kirche, ich bin Kirche“, platzt es aus ihr heraus. Ein Austritt kommt für sie überhaupt nicht in Frage.
Die aktuelle Pandemie macht der alten Dame keine große Angst. Sie schaut genau auf ihre Mitmenschen, bedauert, wenn sie krank werden oder gar sterben. „Ich habe mein Leben gelebt. Und dort, wo ich danach hingehe, dort es tausendfach schöner als hier.“ Brunhilde Schwind-Müllers entschwindet mit ihrem Rollator, an dem eine witzige Fahrrad-Klingel ihr Gehör verschafft.

Von Barbara Faustmann