24.06.2021

Interview mit dem Mainzer Seelsorgedezernenten Hans Jürgen Dörr

„Kirche der Entschiedenheit“

„Gemeinschaft und Solidarität stiften“, soll die Kirche. Das sagt Hans Jürgen Dörr. Seit 2018 leitet er das Seelsorgedezernat im Bischöflichen Ordinariat Mainz. Am 29. Juni wird er in den Ruhestand verabschiedet.


Umbrüche in Gesellschaft und Kirche verlangen nach Entscheidungen. Auch im Bistum Mainz, beim Pastoralen Weg.


Sie sind selbst Seelsorger, Pastoralreferent. Was wollen die Menschen heute von der Kirche?
Wenn ich die Entwicklungen der letzten Jahre in unserem Land wahrnehme, die Unübersichtlichkeit in einer postmodernen, pluralen und globalen Welt, auch mit den Krisen, die von der Kirche selbst ausgehen, mit den Vertrauensverlusten, mit denen die Kirche in Deutschland im Moment umgehen muss, dann kann ich gut nachvollziehen, dass die meisten Menschen heute nichts oder nichts mehr von der Kirche erwarten. Was mir dennoch immer wieder begegnet: Menschen haben Sehnsucht nach Gott. Sie haben vielleicht ein anderes Wort dafür oder können es noch gar nicht ausdrücken, aber sie haben Sehnsucht nach etwas Unbedingtem, etwas über oder hinter all dem, was man machen und messen kann. Was hält das alles zusammen? Gibt es eine Antwort auf die Leere unseres Daseins?
Diese Sehnsucht ist immer noch da. Aber die Menschen haben keine Sehnsucht nach einer Amtskirche. Sie genießen durchaus das eine oder andere, was Heilsames durch uns geschieht, aber sie haben Kirche nicht mehr so auf dem Fahrplan, wie ich es noch von klein auf hatte. Diese Umbrüche drängen nach Entschiedenheit, nach einer Kirche der Entschiedenheit: Will ich das persönlich? Bin ich dabei?

Früher galt: Seelsorge von der Wiege bis zur Bahre. Kann sich das Kirche heute noch leisten?
Also wenn Sie das linear meinen und damit sagen, wir haben die Tage des Lebens begleitet von der Geburt bis zum Tod, die Kirche läuft lebenslang mit, wie die Kommune, die Schule, dann trifft das heute nicht mehr zu. Aber das Wort finde ich trotzdem noch schön, weil ich glaube, dass wir den Menschen etwas zu sagen haben – an der Wiege und an der Bahre. Mit den Menschen ihre Wege zu gehen, ihnen vielleicht auch ein Deutungsangebot und eine Resonanz zu geben. Wiege und Bahre sind hoch bedeutsame Orte für eine Seelsorge, die den Menschen dienen will. Sie können auch Anknüpfungspunkte für die Sakramente sein und eine Chance, die gute Botschaft den Menschen nahe zu bringen.

Wenn die Mittel weniger werden, kann man in der kategorialen Seelsorge, etwa Klinik- oder Gefängnisseelsorge, vielleicht Menschen auch mit weniger Personal erreichen? Welche Herausforderungen sehen Sie hier?
Ich möchte zuerst auf eine Stelle in „Lumen gentium“ verweisen. Das ist der Text (Anmerkung der Redaktion: des Zweiten Vatikanischen Konzils), in dem die Kirche über sich selber spricht. Das ist der Kernauftrag: „Die Kirche ist Zeichen und Werkzeug für die innigste Verbindung Gottes mit den Menschen und der Menschen untereinander.“ Sie ist Zeichen, sie weist darauf hin, sie symbolisiert das, auch in ihrem Tun. Und sie ist Werkzeug. Sie arbeitet daran, dass die Menschen die Liebe Gottes erfahren und dass sie einander Geschwister sind. Später heißt es: „Der Heilige Geist ist es, der die Kirche führt.“ Das ist, wenn wir Prozesse gestalten, wichtig. Nicht wir machen die Kirchenentwicklung, sondern es ist das Werk des Geistes selber. Durch uns. Er wohnt in der Kirche inne, und da gibt es einen tollen Satz: „Er führt die Kirche in alle Wahrheit ein und eint sie in Gemeinschaft und Dienstleistung: communio et ministratio.“ Also der Geist selber ist es, der seine Kirche baut, auf zweierlei Weise: in der Gemeinschaft und durch den Dienst, oder anders durch das Stiften von Gemeinschaft und dass wir den Menschen zu Diensten sind. Es geht um die Menschen zuallererst, nicht um Strukturen wie Gemeinde- oder Kategorialseelsorge. Gemeinschaft und Solidarität stiften muss an allen Kirchorten im Blick sein, in der Pfarrei, mit ihren Gemeinden und Kirchorten und in den Feldern der Kategorialseelsorge. Hier braucht es neue Perspektiven und kreative Kooperationen. Das ist beim Pastoralen Weg eine große Herausforderung.
Wir werden zukünftig weniger Frauen und Männer in den pastoralen Berufen haben, nach unserer Prognose sind es im Jahre 2030 nur noch 60 Prozent im Vergleich zu heute. Wir müssen priorisieren, wie sie eingesetzt werden. Wie teilen wir die Stellen auf? Das gilt für die Gemeindeseelsorge und auch für die kategoriale Seelsorge.

Hans Jürgen Dörr (67) ist verheiratet
und hat drei Töchter.

Ein Beispiel: Wir haben drei Telefonseelsorge-Einrichtungen im Bistum mit je einer Personalstelle – sollen wir in der Planung eine Personalstelle streichen? Das würde bedeuten, dass wir eine ganze Einrichtung aufgeben. Wir haben über 30 Krankenhausseelsorge-Stellen, wenn wir da die 40 Prozent wegnehmen, tut es ebenfalls richtig weh. Das sind die Fragen, um die wir ringen. Wir drücken uns gern um die Priorisierung herum. Wir müssen Grundperspektiven und Ressourcen in ein angemessenes Verhältnis bringen, um auch in Zukunft für die Menschen da zu sein.

Wird überall etwas genommen? Gießkannenprinzip?
Als wir auf dem Pastoralen Weg gestartet sind, haben wir in den Dekanaten – als fiktive Zahl – gesagt: Ihr hattet bisher 100 Stellen, voraussichtlich habt ihr 2030 noch 60 Stellen für die Pfarreien. Es hat scheinbar ein bisschen was von „Gießkanne“, tatsächlich orientieren wir uns aber als Maßgabe für die Personalzuordnung an den Katholikenzahlen der Dekanate und zukünftigen Pfarreien. Bei den kategorialen Stellen können wir die Planung nicht so einfach machen, schon gar nicht im Gießkannenprinzip.
Die pastoralen Felder unterscheiden sich sehr in Struktur und Personalausstattung, etwa Telefonseelsorge, Gefängnisseelsorge oder Krankenhausseelsorge. Wir haben versucht, in der Planung alle kategorialen Diens-
te zu halten, mit denen wir bisher gut unterwegs waren. Wir haben bisher kein pastorales Feld aufgegeben. Ob wir das durchhalten können, weiß ich nicht. Wir werden vielleicht doch in die Situation kommen, in der wir entscheiden müssen: Was ist wichtiger? Das sind schmerzliche Fragen, weil sie ans Eingemachte gehen.

Bei den Gemeinden geht es an die Grundlagen, auch dort wird gekürzt. Werden bald alle kirchlich Aktiven Seelsorger sein, wenn Hauptamtliche sich zwischen Gemeinden „zerreißen“?
Das eine ist, dass Menschen Gemeinschaft bilden, Beziehungen pflegen, miteinander Liturgie feiern, aber auch, dass die Gemeinde sich auf die Menschen im Sozialraum bezieht. Das ist eine ganz große pastorale Herausforderung. Bischof Peter Kohlgraf hat dazu eine zentrale Frage gestellt. Schaut auf die Menschen: Was brauchen sie, was suchen sie von ihrer tieferen Sehnsucht her? Von ihrer existenziellen, ihrer sozialen Situationen her? Brauchen sie das, was wir ihnen geben?
In allen Diözesen zeigt sich, dass die Gemeindeseelsorge immer „kategorialer“ wird, je mehr wir die Seelsorge der Gemeinde wirklich auf das ganze Leben der Menschen beziehen. Es wäre ein Fehlschluss, wenn man sagt: Die Gemeinde ist der Ort der Communio und dann gibt es irgendwo die Ministratio, die Kategorialseelsorge oder den Caritasverband. Das ist eine Herausforderung für den Pastoralen Weg, das neu aufeinander zu beziehen. Das ist etwas, was viele noch nicht realisiert haben. Es gibt immer noch ein Denken: Wir organisieren die Gemeinde. Die Klinikseelsorger sind im Krankenhaus. Ich will mit denen gar nichts zu tun haben. Alle im pastoralen Raum haben gemeinsam eine Gesamtverantwortung für alles. Das ist ein Perspektivwechsel, zu dem der Bischof eingeladen hat.
Wichtig ist, dass wir in Kontakt bleiben mit den Menschen, dass wir uns für sie interessieren, dass wir selber glaubwürdig sind, dass wir am Leben andocken.

Interview: Anja Weiffen