05.05.2022

Ehrenamtlich im Team eine Gemeinde leiten – im Bistum Limburg

„Nicht nur jammern – handeln“

Ehrenamtlich im Team eine Gemeinde leiten: Das Erkundungsprojekt, 2017 im Bistum Limburg gestartet, ist abgeschlossen. Bilanz positiv. In vier Kirchorten wird das Modell weitergeführt. Wie wird es angenommen? Eine Umfrage.


Kommunikation und Vernetzung sind wesentliche Aufgaben der ehrenamtlichen Gemeindeleitung


Zwei Geschlechter und drei Generationen sind im Gemeindeleitungs-Team von Liebfrauen Oberursel-Innenstadt vertreten: zwei Frauen und ein Mann im Alter von 23, 40 und 70 Jahren. Katrin Elsenheimer, Manfred Hahn und Clara Jung stehen noch am Anfang, ihre Beauftragung ist erst vor Kurzen erfolgt. Doch: „Die Reaktionen, die uns erreicht haben, waren durchweg positiv und geprägt von Dankbarkeit und Respekt, dass wir uns der Aufgabe stellen und Verantwortung übernommen haben“, sagen sie übereinstimmend. Sie möchten „nicht nur über die Missstände in der Kirche jammern, sondern handeln und Kirche vor Ort lebendig  gestalten“.

Menschen ermutigen zur Beteiligung
Kommunikation, Vernetzung, Ermutigung: Das sind die wesentlichen Aufgaben der ehrenamtlichen Gemeindeleiter/innen von Liebfrauen. „Das Leitungsteam ist verantwortlich dafür, die Gaben und Fähigkeiten der Menschen vor Ort zu entdecken und die Menschen zur Beteiligung zu ermutigen“, so ist es in den Grundsätzen formuliert, die im Ortsausschuss erarbeitet worden sind. „Der Ortsausschuss hat mit Anteil an der Leitung der Gemeinde. So leben wir es auch“, beschreiben Elsenheimer, Hahn und Jung die Zusammenarbeit.
Natürlich gebe es auch Menschen, die den „guten alten Zeiten“ nachtrauerten, in denen der Pfarrer noch vor Ort war. „Nach unserem Eindruck werden diese Stimmen immer leiser.“ Wenn es Kritik am Leitungsstil gebe, „werden wir uns der natürlich stellen“.

Es gibt viel Platz für Kreativität
„Gemeindeleitung im Team ist für mich mehr Freude als Last“, fasst Renate Kexel vom Leitungsteam St. Petrus Canisius Oberursel-Oberstedten zusammen. Zu dem Team gehören seit mehr als sechs Jahren drei Frauen. „Wir werden bei vielen Gelegenheiten um Rat gefragt“, freut sie sich. „Von Anfang an wurde unsere Arbeit positiv mit viel Unterstützung angenommen“, bekräftigt  Marcelline Schmidt vom Hofe. Sie engagiert sich in der ehrenamtlichen Gemeindeleitung, „weil es viele Gestaltungsmöglichkeiten und viel Platz für Kreativität gibt“, sagt Schmidt vom Hofe. „Es ist einfach schön, so konkret mitzuarbeiten.“ Einen Blick zu haben für das Ganze, Talente zu fördern und so viele Menschen wie möglich einzubinden, gehört für sie zu den wesentlichen Aufgaben des Teams Gemeindeleitung. „Kommunikation ist das A und O“, unterstreicht sie.
„Wir tragen Sorge dafür, dass die vier Säulen der Kirche – Liturgie, Verkündigung, Caritas und Gemeinschaft – in der Gemeinde lebendig gelebt werden“, ergänzt Renate Kexel. „Die Gemeinde und das Gemeindeleben im Auge zu behalten und so zu koordinieren, dass sich alle aufgehoben und angenommen fühlen können“, ist für Edith Schröder ebenfalls eine wesentliche Aufgabe des Teams Gemeindeleitung. Kritische Anfragen habe es am Anfang nur bezüglich der Sorge gegeben, das Team könne von oben herab bestimmen und sei nicht von der Gemeinde gewählt. „Aber der Großteil der Gemeinde sicherte uns seine Unterstützung zu.“

Kirche wird vor Ort gelebt
Wie die Kirchorte Liebfrauen und St. Petrus Canisius gehört auch St. Bonifatius Steinbach zur Pfarrei St. Ursula Oberursel und Steinbach. Das jetzige ehrenamtliche Team Gemeindeleitung – drei Frauen – arbeitet erst seit wenigen Wochen zusammen. „Bisher haben wir ein positives Feedback bekommen“, berichtet Hiltrud Thelen. „Die Gemeindemitglieder freuen sich, dass Kirche vor Ort gelebt wird.“ Die Vernetzung mit der Kommune funktioniere gut, sie und ihre „Mitstreiterinnen“ seien als Ansprechpartnerinnen anerkannt. Allerdings werde kritisiert, „dass durch die Gemeindeleitung der Pfarrer und die anderen Hauptamtlichen weniger präsent sind“.
„Die Zusammenarbeit mit dem Ortsausschuss läuft problemlos“, stellt Thelen fest. „Das Umsetzen von Ideen funktioniert schneller als ohne Gemeindeleitung.“

Manche kritisieren ein „Abschieben der Arbeit“
„Gemeindeleitung im Team: Viele Menschen können mit diesem neuen Begriff wenig anfangen“, hat Gabi Kern festgestellt. Sie gehört zu den drei Mitgliedern – zwei Frauen, ein Mann – des Teams im Kirchort St. Georg Breitenau in der Pfarrei Höhr-Grenzhausen, St. Peter und Paul im Kannenbäckerland. „Doch von denen, die mit der Kirche enger verbunden sind, wird die Gemeindeleitung gut angenommen“, berichtet Kern. „Sie sind froh, Ansprechpartner zu haben.“
Die Kinder- und Jugendarbeit, die Zusammenarbeit mit Verwaltungsrat und Hausmeistern sowie der Kontakt zu Kommunen und Gemeinden sind unter anderem Schwerpunkte der Arbeit.
Zur Arbeit des Teams Gemeindeleitung habe sich bislang niemand kritisch geäußert. „Es gibt aber sicher Menschen, die bei manchen Angeboten lieber hauptamtliche Mitarbeiter dabei hätten als ,nur‘ Ehrenamtliche“, gibt sie zu bedenken. Kritisch werde gesehen, dass „Ehrenamtliche vieles tun, was früher Aufgabe der Hauptamtlichen war. Manche sehen das nicht als Chance zur Mitgestaltung, sondern als ein ,Abschieben‘ der Arbeit.“

Von Heike Kaiser

 

Zur Sache

Modell ist kein Selbstläufer
Das Erkundungsprojekt „Gemeindeleitung im Team“ ist abgeschlossen, das Modell geht weiter. „Wir haben gesehen, dass die ehrenamtlichen Gemeindeleitungsteams auf eine neue und profilierte Art und Weise in der Lage sind, Leitung und Verantwortung auf der Gemeindeebene wahrzunehmen“, zieht Martin Klaedtke Bilanz. Der Koordinator im Ressort Kirchenentwicklung hat die Pilotgemeinden während des Erkundungsprojekts begleitet. Das Modell sei jedoch kein Selbstläufer: „Es braucht eine gute Vorbereitung, eine gute Begleitung, und es braucht Unterstützung durch Hauptamtliche. Es ist ein interessantes Modell, aber man muss es auch wollen, fördern und unterstützen.“
Gemeindeleitung im Team funktioniere nur, wenn es innerhalb der Pfarrei bereits eine gemeinsame Ausrichtung oder Vision gebe, die die Kirchorte verbinde.
„Es ist kein Modell, bei dem sich die hauptamtlich Engagierten verabschieden können. Es braucht eine hauptamtliche Unterstützung, sonst wird es nicht funktionieren“, sagt Klaedtke. Wichtig sei ein hauptamtlicher Ansprechpartner, der das ehrenamtliche Gemeindeleitungs-Team in bestimmten Punkten unterstütze. (ids/kai).