09.12.2021

Wormser Oberbürgermeister Adolf Kessel zu den SchUM-Städten

„Religiöse Maßstäbe gesetzt“

Welterbe SchUM: Touristische Attraktion oder bleibende Verpflichtung gegen Judenhass? Über die Bedeutung des Welterbetitels für seine Stadt Worms spricht Oberbürgermeister Adolf Kessel im Interview.


Welterbe SchUM: Warum ist das ein Grund zum Stolz für alle Wormser?
Die Stadt Worms und ihre Bürgerschaft freuen sich, durch die Auszeichnung für die SchUM-Stätten in Speyer, Worms und Mainz den Austausch und die gemeinsame Erinnerung an das aschkenasische Judentum in ihrer Stadt weiter aufblühen zu lassen. Es sind Stätten der Jüdischen Gemeinde, die wir mit dem Weltkulturerbe-Antrag würdigen und fördern wollten. Als Inhaberin nahezu aller Monumente hat uns die Jüdische Gemeinde bei allen Fragen und Abstimmungen angeleitet und unser Handeln bestimmt. Für die gute Zusammenarbeit und dieses Vertrauen ist die Stadt der Jüdischen Gemeinde sehr dankbar.

Inwiefern verpflichtet das große Erbe auch zum Einsatz für Juden heute und gegen Antisemitismus?

Adolf Kessel ist Oberbürgermeister
in Worms.

Die SchUM-Stätten existieren seit vielen Jahrhunderten. Im zehnten Jahrhundert begann die Blütezeit der in Speyer, Worms und Mainz ansässigen jüdischen Gemeinden. Sie prägten die synagogale Architektur und die Choreografie der rituellen Reinigung sowie die aschkenasische Grabkultur. Sie setzten auch religiöse Maßstäbe und brachten zahllose Gelehrte, kluge Frauen, Geschichtenerzähler, liturgische Dichter und Kantorinnen hervor.
Die Stätten hier in Worms und die Jüdische Kultur im Allgemeinen haben also einen außergewöhnlichen universellen Wert, demnach fühlen wir uns besonders verpflichtet, dieses Erbe vertrauensvoll zu bewahren. Um dies auch sicherzustellen, hat die Stadt Worms einen Sicherheitsdienst für den „Heiligen Sand“ installiert; auch für die Synagoge gibt es eine solche Zusatzaufsicht. Eine enge Abstimmung mit den Sicherheitskräften auf Landes- und Kommunalebene findet statt, es ist eine vertrauensvolle Kooperation garantiert. Wir hoffen, dass diese Schutzmaßnahmen gar nicht zum Einsatz kommen und die SchUM-Stätten bei uns in Worms, und auch in unseren Partnerstädten, nur begeisterte, neugierige und respektvolle Besucher anlocken und wir und damit auch die Jüdische Gemeinde Mainz wie auch die vielen jüdischen Besucher von Anschlägen aus dem antisemitischen Lager verschont bleiben.

Welchen besonderen Ort würden Sie persönlich einem Worms-Besucher empfehlen?
Das mittelalterliche Gemeindezentrum mit Synagoge, Frauenschul, Mikwe und dem ehemaligem Gemeindehaus sowie dem alten jüdischen Friedhof „Heiliger Sand“ sind in Worms nur gemeinsam betrachtet das Erbe des aschkenasischen Judentums. Daher empfehlen wir natürlich alle Stätten zu besuchen, da die Stätten nur gemeinsam das Leben der Jüdischen Gemeinde ab dem zehnten Jahrhundert den Betrachterinnen und Betrachtern äußerst nahbringt. Insbesondere zu erwähnen ist die Synagoge in Worms, da sie alle Zeitschichten abbildet, vom elften Jahrhundert über die Blütezeit, von der Shoah über den Wiederaufbau bis zu den heutigen dort stattfindenden Gottesdiensten der Jüdischen Gemeinde Mainz – Inhaberin der SchUM-Stätten in Worms.

Fragen: Ruth Lehnen