09.12.2021

Welterbe SchUM: Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling im Interview

„Traum in Erfüllung gegangen“

Welterbe SchUM: Touristische Attraktion oder bleibende Verpflichtung gegen Judenhass? Über die Bedeutung des Welterbetitels für Mainz spricht Oberbürgermeister Michael Ebling im Interview.


Welterbe SchUM: Warum ist das ein Grund zum Stolz für alle Mainzer?
Ja, wir können in der Tat sehr stolz auf unseren gemeinsamen Welterbetitel sein. Die Anerkennung der SchUM-Stätten durch die Unesco ist das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen vieler Menschen und Institutionen, die mit vereinten Kräften jahrelang auf dieses Ziel hingearbeitet haben. Am 27. Juli ist mit der Bekanntgabe der Unesco ein Traum in Erfüllung gegangen.
Die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz hatten auf das Judentum in Mitteleuropa großen Einfluss, in Kultur und Architektur, in der Rechtsprechung, in religiösen Fragen. Und noch heute kennen Jüdinnen und Juden in aller Welt die einstigen SchUM-Städte. In der breiten Öffentlichkeit ist dieses Wissen um die Bedeutung von SchUM verloren gegangen. Wir wollen das ändern.
Der Mainzer Beitrag zum Unesco-Welterbe ist der Alte jüdische Friedhof auf dem Judensand. Die Grabsteine, die dort stehen, erinnern uns an die jüdischen Gelehrten, die vor etwa 1000 Jahren am Rhein gewirkt haben. Wir planen einen Besucherpavillon in direkter Nachbarschaft des Friedhofs, damit Besucherinnen und Besucher diesen besonderen Ort, der nur eingeschränkt begehbar ist, aus nächster Nähe erfahren können.

Inwiefern verpflichtet das große Erbe auch zum Einsatz für Juden heute und gegen Antisemitismus?

Michael Ebling ist
Oberbürgermeister in Mainz.

Wir erleben derzeit wieder verstärkt Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens in unserem Land. Das ist eine beunruhigende Entwicklung, und wir müssen uns entschieden von rechtem Gedankengut abgrenzen. Die Stadtverwaltung Mainz fördert aktiv den Austausch der Kulturen und der Religionen in unserer Stadt in vielerlei Hinsicht, mit der Interkulturellen Woche beispielsweise oder den Jüdischen Kulturtagen, die wir gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde in Mainz veranstalten. Die behutsame touristische Erschließung des Alten Jüdischen Friedhofs kann ihren Teil dazu beitragen, durch Wissensvermittlung Antisemitismus vorzubeugen.
Mit der Jüdischen Gemeinde in Mainz verbindet die Landeshauptstadt Mainz nicht zuletzt durch die jahrelange Zusammenarbeit bei der Bewerbung um die Anerkennung des Welterbetitels ein vertrauensvolles Verhältnis. Wir als Stadt fördern die Arbeit der Jüdischen Gemeinde auch finanziell auf einer vertraglichen Basis, denn alle Fraktionen im Mainzer Stadtrat haben sich im vergangenen Jahr für einen festen jährlichen Zuschuss von 90 000 Euro ausgesprochen. Diesem Auftrag kommen wir sehr gerne nach.

Welchen besonderen Ort würden Sie persönlich einem Mainz-Besucher empfehlen?
Mainz hat viele tolle Orte zu bieten. Im Hinblick auf das jüdische Mainz empfehle ich natürlich an erster Stelle unseren Beitrag zum Unesco-Welterbe. Der Alte Jüdische Friedhof kann bereits jetzt im Rahmen von Führungen besichtigt werden, die regelmäßig angeboten werden – Informationen gibt es auf mainz-tourismus.com. Bis zur Realisierung des Besucherpavillons, der einen Blick über das Areal ermöglichen wird, wird demnächst eine Freiluft-Ausstellung an der Einfriedung des Geländes entlang der Mombacher Straße auch außerhalb der Führungen über diesen Ort informieren.
Unsere Broschüre „Magenza“ stellt wichtige Orte jüdischen Lebens in Mainz vor – als ein Highlight greife ich einfach mal die neue Synagoge in der Mainzer Neustadt mit ihrer außergewöhnlichen Architektur heraus. Und als digitale Ergänzung des Stadtrundgangs kann die Mainz-App mit einer Visualisierung des früheren Judenviertels in der Klarastraße in der Mainzer Altstadt dienen sowie die gemeinsame App der SchUM-Städte.

Fragen: Ruth Lehnen