15.03.2022

Weihbischof Udo Markus Bentz zum Ukraine-Krieg

„Wir helfen den Flüchtlingen, wo wir können“

Der Mainzer Weihbischof Udo Markus Bentz hat in einem Interview mit "Glaube und Leben" zum Krieg in der Ukraine die Rolle des Moskauer Patriarchen "schwer erträglich" genannt. Kyrill I. sei "Teil der russischen Propaganda" und verdunkle das notwendige Zeugnis für den Frieden. Bentz verwies auf mannigfaltige Kontakte in die Ukraine und sagte: "Es ist klar, dass wir helfen, wo wir können." Er kündigte einen Aufruf an, um die Menschen im Bistum Mainz zu ermutigen, "eine Willkommenskultur" für Flüchtlinge zu praktizieren.


Weihbischof Bentz im Gespräch mit Bohdan Dsjurach, Apostolischer Exarch für die Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland


Sie selbst und die Geschäftsstelle Weltkirche/Gerechtigkeit und Frieden haben direkte Kontakte zur Ukraine. Wer sind die Partner dort?
Das ist ganz unterschiedlich. Unsere Kontakte reichen von Bischöfen über Caritas-Strukturen bis hin zu Sozialprojekten, Waisenhäusern, Hochschulen und Ordenshäusern. Unser Bistum hat seit den 1990-er Jahren einige Diözesen der griechisch-katholischen wie der römisch-katholischen Kirche sowie Ordensgemeinschaften beim Wiederaufbau der kirchlichen Infrastruktur intensiv unterstützt. Wir kennen einander von gegenseitigen Besuchen und sind seitdem in gutem Austausch über die Situation des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens vor Ort.

Was wissen Sie über deren Situation und auf welche Weise bekommen Sie aus der Ukraine Informationen?
In der letzten Woche konnte ich mich im Rahmen der Vollversammlung der Bischöfe länger mit dem griechisch-katholischen Bischof der Ukrainer in Deutschland austauschen. Da erfährt man natürlich ungefiltert und ganz konkret, wie es vor Ort aussieht. Vertreter von Caritas International und vom Hilfswerk Renovabis haben uns Bischöfen ebenfalls berichtet. Unsere Geschäftsstelle hier in Mainz steht in Kontakt über E-Mails und Beiträge in den sozialen Medien. Von einigen Partnern werden wir auch direkt angeschrieben. Dann gibt es natürlich den engen Austausch mit den anderen deutschen Diözesen.
Bisher hören wir von einem großen Schock, aber auch einer absoluten Entschlossenheit, sich der Gewalt zu widersetzen und das Land zu verteidigen. Die Kirchen, Pfarrhäuser und Gemeinderäume sind für die Menschen vor Ort die Anlaufstellen, um Schutz zu suchen, um Hilfe zu bekommen und um sich gegenseitig zu stützen. Meinem Eindruck nach ist die Rolle der Kirchen vor Ort derzeit besonders stark. Vor allem kümmert man sich um die Flüchtlinge. An der katholischen Universität Lviw wandelt man Hörsäle in Flüchtlingsunterkünfte um, die Don Bosco Salesianer haben die Kinder ihres Waisenhauses evakuiert, die Steyler Missionsschwestern in der Zentralukraine haben ihr Haus für Mütter und Kinder geöffnet. Das Priesterseminar in Ivanko-Frankivsk wurde zur Unterkunft für geflüchtete Menschen umfunktioniert. Vielerorts sind die kirchlichen Akteure unverzichtbar, um überhaupt noch eine Grundversorgung aufrecht zu erhalten.

Wie hilft das Bistum aktuell der Ukraine und speziell den Projektpartnern?
Wir haben 50 000 Euro als Soforthilfe an Caritas International und Renovabis überwiesen. Von diesen Soforthilfen werden vor allem Medikamente und Lebensmittel gekauft, aber auch zum Beispiel Notstromaggregate, da die Stromversorgung ein großes Problem ist. Es braucht auch geländegängige Autos, um in die entlegenen, schwierig zugänglichen Gebiete zu gelangen, in denen sich Flüchtlinge aufhalten. Wir wissen aber wie alle deutschen Diözesen, dass unsere Hilfe weitergehen muss. Und das wird sie auch. Unsere Partner bekommen direkt vor Ort Geldbeträge als Nothilfe. Allerdings tun wir das in enger Absprache mit beiden Hilfswerken, damit die Hilfen gut koordiniert und zielgerichtet eingesetzt werden können.

Nimmt das Bistum zum Beispiel auch Flüchtende auf?
Neben der finanziellen Soforthilfe wollen wir im Bistum einen Sonderfonds einrichten, um die Herausforderungen angesichts der zu uns kommenden Flüchtlinge auf dem Bistumsgebiet meistern zu können. Hinzu kommen die Möglichkeiten unserer Johannes-Stiftung. Deshalb sind wir gerade dabei, uns eng mit Caritas, Maltesern und anderen Akteuren zusammenzutun.
Die Kreise und Kommunen bereiten sich auf die Ankunft von Geflüchteten vor. Es braucht Wohnraum, Helfer für die Betreuung, Sprachschulungen und psychosoziale Unterstützung. KiTas und Schulen werden gefordert sein.
Wir prüfen alle Möglichkeiten, um Wohnraum zu Verfügung zu stellen, wollen aber auch in einem eigenen Aufruf in den kommenden Tagen die Menschen in unseren Pfarreien ermutigen, eine Willkommenskultur zu praktizieren, wie wir es auch 2015 schon getan haben. Es ist klar, dass wir helfen, wo wir können, um den traumatisierten Menschen, die bei uns ankommen, alle notwendige Hilfe zukommen zu lassen.

Wie können Menschen im Bistum jetzt Kriegsopfer und Menschen auf der Flucht am besten unterstützen?
Wir müssen uns darauf einrichten, dass dieser Konflikt uns für lange Zeit beschäftigen wird, denn schon jetzt ist das Ausmaß der Zerstörung groß. Zunächst geht es um die dringendste humanitäre Hilfe vor Ort, um schlichtweg Menschenleben zu retten. Niemand weiß, wie lange die Menschen vor Ort und auch hier unsere Hilfe brauchen. Ich empfehle die finanzielle Unterstützung großer Hilfswerke wie Caritas International oder Renovabis. Beide kooperieren eng mit vielen örtlichen Caritasverbänden und Verantwortlichen. Da die Kriegslage leider sehr „dynamisch“ ist, können die Helfer vor Ort am besten einschätzen, wo die größte Not gelindert werden kann. Man könnte sich zum Beispiel in der eigenen Kommune registrieren lassen als Wohnraumgeber, als DolmetscherIn oder auch dem Aufruf für konkrete Sachspenden folgen, wie sie etwa die Malteser, aber auch viele private Initiativen veröffentlichen. Jedenfalls brauchen wir alle einen sehr langen Atem, um bei der Integration der Geflüchteten hier zu helfen. Ich bin sehr berührt von der riesigen Spende- und Hilfsbereitschaft unserer Bevölkerung.
Dabei sollten wir nicht unterschätzen, dass die Zeichen der Solidarität wie das Gebet oder auch die Teilnahme an Kundgebungen / Mahnwachen  in  der Ukraine sehr wohl wahrgenommen werden. Unser Partner aus Lviw schreibt: „Vielen Dank für Ihre Antwort, für Solidarität, Mitgefühl und Unterstützung der Ukraine. Wir wissen es zu schätzen, wie viel das Bistum Mainz, die deutsche Regierung und deutsche Bürger für unser Land machen. Das erlebe ich auch persönlich mit, wenn ich mit anderen unseren Partnern, Freunden und Bekannten in Deutschland kommuniziere. … Es ist eine unglaubliche Solidarität und Hilfe ... Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung! Gemeinsam werden wir alles schaffen.“

Wie schätzen Sie – auch als Mitglied der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz – die Rolle der Kirchen im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ein?
Ich höre, dass die kirchlichen Strukturen an vielen Stellen in der Ukraine eine Grundversorgung garantieren und auch notwendige seelsorgerliche und psychologische Hilfe leisten. Gerade die griechisch-katholische Kirche, aber auch die römisch-katholische Kirche kennen die Situation der Unterdrückung und Bedrängung und sind sehr nah dran an der Realität der Bevölkerung. Was ich jedoch sehr vermisse, ist das gemeinsame ökumenische Auftreten gegen den Krieg. In der Ukraine gibt es eine religiöse Vielfalt. 60 Prozent der Menschen sind orthodox, sie gehören zwei Kirchen an: die eigenständige Orthodoxe Kirche der Ukraine und die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, die innerhalb der Russisch-Orthodoxen Kirche autonom ist. Beide verurteilen den Krieg nachdrücklich. Die Rolle des Moskauer Patriarchen hingegen ist meines Erachtens schwer erträglich. Er ist Teil der russischen Propaganda und verdunkelt das notwendige Zeugnis für den Frieden. Seine Haltung zeugt von einem problematischen Staat-Kirche-Verhältnis in Russland.
Fragen: Anja Weiffen